»Gebe Gott, daß Mellechowitsch hinkomme! Er hat ein gutes Pferd; gebe es Gott!« wiederholte er mit Verzweiflung in der Brust.
Aber seine Befürchtungen waren grundlos, und die Gefahr nicht so bedeutend, wie es dem liebenden Ritter erschien. Den Tataren war es zu sehr um die eigene Haut zu tun, und allzu nahe saßen ihnen die Lipker im Nacken, als daß sie einen einzelnen Reiter hätten verfolgen sollen, wenn dieser Reiter auch die schönste Jungfrau aus dem Paradiese des Propheten gewesen und in einem Mantel geflohen wäre, der ganz mit Edelsteinen bedeckt war. Bärbchen brauchte nur im Kreise nach Chreptiow einzubiegen, um den Verfolgern zu entgehen, denn diese wären ihr sicherlich nicht bis in den Rachen des Löwen gefolgt, da der Fluß dicht vor ihnen lag, in dessen Schilfgebüschen sie sich verbergen konnten. Die Lipker, welche bessere Pferde hatten, waren ihnen ohnehin immer näher gekommen; Bärbchen aber saß auf ihrem Apfelschimmel, der unvergleichlich schnellfüßiger war als die gewöhnlichen zottigen Tiere der Horde, die zwar ausdauernder im Laufe, aber nicht so flink waren wie die Pferde edler Rasse. Endlich hatte sie nicht nur ihre Geistesgegenwart nicht verloren, sondern ihre abenteuerliche Natur war in ihr mit ganzer Kraft erwacht, und das ritterliche Blut rollte immer lebhafter in ihren Adern.
Der Apfelschimmel streckte sich wie ein Reh, der Wind pfiff ihr um die Ohren, und statt der Angst hatte sie ein Gefühl des Rausches ergriffen.
»Ein ganzes Jahr können sie mich verfolgen und holen mich doch nicht ein,« dachte sie, »ich will noch weiter reiten, dann wende ich um und lasse sie entweder voraus, oder, wenn sie nicht aufgehört haben, mich zu verfolgen, bringe ich sie unter das Schwert.«
Ihr war der Gedanke gekommen, daß, wenn die ihr folgende Horde sich allzu sehr in der Steppe zerstreute, sie vielleicht beim Umwenden auf einen von ihnen stoßen und einen Einzelkampf leisten würde.
»Bah,« sagte sie in ihrer tapferen Seele, »was will das sagen? Michael hat mich so gut unterrichtet, daß ich es kühn wagen darf, sonst werden sie noch denken, daß ich aus Furcht fliehe, und mich zu einem zweiten Kriegszuge nicht mitnehmen, und Herr Sagloba wird noch über mich spotten.«
Während sie so zu sich sprach, sah sie sich nach den Strolchen um, aber die waren in Haufen davongeflohen. Es war gar keine Aussicht zu einem Einzelkampf vorhanden; Bärbchen aber wollte durchaus vor den Augen des ganzen Heeres den Beweis liefern, daß sie nicht blindlings und nicht unbesonnen geflohen war. Zu diesem Zwecke begann sie, da sie sich erinnerte, daß sie im Holfter zwei vortreffliche Pistolets habe, die Michael selbst vor der Abreise sorgfältig geladen hatte, ihren Apfelschimmel zurückzuhalten, oder richtiger umzuwenden und langsam nach der Seite von Chreptiow den Weg fortzusetzen.
Aber o Wunder! Bei diesem Anblick veränderte die Horde die Richtung der Flucht und nahm den Weg mehr nach links gegen den Rand der Anhöhe zu. Bärbchen ließ sie auf hundert Schritt herankommen, feuerte zweimal auf die nächsten Pferde, dann warf sie sich in einem ganzen Kreise herum und ritt in vollem Lauf auf Chreptiow zu.
Aber kaum war der Schimmel mit der Schnelligkeit einer Schwalbe einige tausend Schritt gelaufen, als sich plötzlich vor ihm eine Riesenschlucht auftat. Bärbchen gab ohne einen Augenblick der Überlegung die Sporen, und das edle Tier scheute nicht vor dem Sprunge zurück. Aber nur seine Vorderhufe hatten den gegenüberliegenden Felsrand erfaßt und er suchte eine Weile mit Gewalt die Hinterfüße auf der abschüssigen Wand zu stützen; da verlor er den Boden, der noch nicht fest genug gefroren war, unter seinen Füßen, und er stürzte mit Bärbchen in den Abgrund.