»Soll ich meinen Bogen hier lassen? Ja, er nutzt mir jetzt nichts, ich will mit dem Säbel losgehen. Ich sehe drei Männer herankommen, die gewiß der Herr Hauptmann hergeschickt hat zum Schutze Eurer werten Person. Sonst hätte ich sie geschickt. Ich küsse die Hand, denn dort wird's bald zu Ende gehen, und ich muß eilen.«
Wirklich kamen drei Dragoner zu Bärbchens Schutze heran. Als Muschalski das sah, gab er seinem Pferde die Sporen und ritt davon. Bärbchen zögerte einen Augenblick, ob sie die abschüssige Wand umreiten und den Hügel hinanklimmen solle, von dem sie vor der Schlacht in die Ebene hinuntergeblickt hatten. Da sie aber eine große Ermüdung empfand, beschloß sie dazubleiben.
Ihre weibliche Natur sprach immer lauter. Etwa zweihundert Schritte von ihr metzelte man ohne Mitleid die Reste der Horde nieder, und der schwarze Haufe der Kämpfenden wogte immer furchtbarer auf dem blutigen Schlachtfeld. Verzweifelte Rufe erschütterten die Luft, und Bärbchen, die kurz vorher noch voll Begeisterung gewesen war, wurde jetzt kraftlos und schwach. Es erfaßte sie eine furchtbare Angst, daß sie ganz ohnmächtig werden könne, und nur die Scham vor den Dragonern hielt sie im Sattel aufrecht. Sie wandte aber sorgfältig ihr Gesicht von ihnen ab, damit sie ihre Blässe nicht sähen. Die frische Luft gab ihr allmählich die Kraft und den Mut wieder, aber doch nicht in dem Grade, daß sie Lust gehabt hätte, wieder unter die Kämpfenden zu dringen. Sie hätte es höchstens darum getan, um für die letzten Reste der Horde um Erbarmen zu flehen. Da sie aber doch wußte, da das umsonst sein würde, sah sie mit Sehnsucht dem Ende der Schlacht entgegen.
Und dort dauerte der Kampf fort und fort. Der Widerhall der Waffen und das Lärmen hörte nicht einen Augenblick auf. Es war vielleicht eine halbe Stunde verflossen; die Fahnen drängten sich immer dichter zusammen. Da durchbrach plötzlich ein Häuflein der Horde — es mochten zwanzig Reiter sein — den mörderischen Kreis und stürmte wie ein Orkan auf die Anhöhe zu. Wie sie so an den Klüften vorüberflogen, konnten sie wirklich leicht dorthin gelangen, wo der Hügel sanft mit der Ebene in eins verschwamm, und dort auf der hohen Steppe Rettung finden. Aber auf dem Wege stand Bärbchen mit den Dragonern. Der Anblick der Gefahr goß in demselben Augenblick Kraft in ihr Herz und gab ihr Geistesgegenwart. Sie begriff, daß Dableiben den Untergang bedeute, denn jener Haufe mußte sie durch seine Wucht allein zu Boden werfen und zermalmen; ja sie wären sicher mit den Schwertern niedergehauen worden. Der alte Wachtmeister der Dragoner war offenbar derselben Ansicht, denn er griff mit der Hand in den Zügel von Bärbchens Apfelschimmel, wandte ihn zur Flucht und schrie in nahezu verzweifeltem Tone:
»Vorwärts, gnädige Frau!«
Bärbchen floh wie der Wind, aber allein; die drei getreuen Soldaten standen wie eine Mauer auf ihrem Platze, um wenigstens einen Augenblick den Feind abzuhalten und der geliebten Herrin Zeit zu lassen, auf eine weite Entfernung vorauszueilen.
Inzwischen waren sofort jenem Haufen Soldaten gefolgt, aber der Ring, der bisher die Horde eng umschlossen hielt, war durchbrochen, und sie begannen zu zweien, zu dreien, dann immer zahlreicher zu entwischen. Eine große Zahl von ihnen lag bereits am Boden, aber etlichen derselben, darunter Asba-Bey, gelang es, zu entkommen. Alle diese Haufen jagten, so schnell die Pferde konnten, die Anhöhe hinan. Aber die drei Dragoner vermochten nicht alle Fliehenden aufzuhalten; sie fielen nach kurzem Kampfe aus dem Sattel. Die Schar der Fliehenden aber folgte Bärbchens Spuren, bog am Abhang des Hügels ein und gelangte auf die hohe Steppe. Die polnischen Fahnen, allen voran die lipkische, eilten in schnellstem Trabe etliche zehn Schritt hinter ihnen.
Auf der hohen Steppe, die vielfach von verräterischen Schluchten und Abhängen durchzogen war, bildete sich gleichsam eine Riesenschlange von Reitern. Ihr Haupt stellte Bärbchen dar, den Hals die Horde, und die Fortsetzung des Leibes Mellechowitsch mit den Lipkern, und die Dragoner, an deren Spitze Wolodyjowski ritt, die Sporen in die Seiten des Pferdes gedrückt, Entsetzen in der Brust.
In dem Augenblick, als jenem Häuflein Räuber sich der Kreis geöffnet hatte, war er auf der anderen Seite beschäftigt; darum war ihm Mellechowitsch in der Verfolgung vorausgeeilt. Jetzt standen dem kleinen Ritter die Haare zu Berge bei dem Gedanken, daß Bärbchen von den Entflohenen erreicht werden, daß sie die Geistesgegenwart verlieren und geradeaus nach der Seite des Dniestr entfliehen, daß einer von den Räubern sie mit dem Säbel, mit dem Handschar oder der Wurfkugel treffen könne, und das Herz erstarb ihm in der Brust vor Furcht um das Leben des geliebten Wesens. Er lag fest auf dem Halse seines Pferdes, bleich, mit zusammengepreßten Zähnen; ein Sturm entsetzlicher Gedanken trieb durch seinen Kopf, und er bohrte die bewaffnete Ferse in den Leib des Rosses, peitschte das Tier und schoß dahin wie eine Trappe, ehe sie sich zum Fliegen erhebt. Vor seinen Augen flimmerten die Widderkapuzen der Lipker.