»Eine hübsche Stadt und ziemlich groß,« sagte Evchen.
»Weil die Tataren sie zur Zeit des Bauernaufstandes nicht verbrannt haben. Die Kosakenheere haben hier überwintert, und die Lechen sind fast nie hier gewesen.«
»Und wer wohnt hier?«
»Tataren wohnen hier, die ihr hölzernes Minaret haben, denn in der Republik darf jeder seinem Glauben leben. Es wohnen Walachen, Armenier und Griechen hier.«
»Griechen habe ich einmal in Kamieniez gesehen,« sagte Bärbchen, »denn wenn sie auch fern von hier wohnen, der Handel führt sie überall hin.«
»Die Stadt ist auch anders als alle übrigen gebaut,« sagte Asya, »allerlei Volk kommt hierher zum Handel. Der Flecken, den wir hier seitwärts vom Wege gesehen haben, heißt Serby.«
»Wir sind schon da!« sagte Bärbchen. Ein seltsamer Geruch von Fellen und Quas[I]-Getränk drang ihnen gleich beim Eintritt entgegen. Es war der Geruch von Saffian, mit dessen Bearbeitung sich fast alle Bewohner Mohylows beschäftigen, im besonderen aber die Armenier. Wie Asya gesagt hatte, war diese Stadt durchaus verschieden von allen anderen. Die Häuser waren auf asiatische Weise gebaut, ihre Fenster mit dichten Holzstäben verdunkelt. Bei vielen fehlten die Fenster, die zur Straße führten, gänzlich, und nur von den Höfen sah man den Feuerschein der Herde. Die Straßen waren nicht gepflastert, obgleich es an Steinen in der Umgegend nicht fehlte. Hier und da erhoben sich Gebäude von seltsamer Gestalt mit gitterartigen, durchsichtigen Mauern; das waren die Trockenplätze, auf welchen die frischen Weintrauben in Rosinen umgewandelt wurden. Der Duft des Saffians erfüllte die ganze Stadt.
Herr Gorschenski, der Führer des Fußvolks, war durch die Tscheremissen von der Ankunft der Kommandantin in Kenntnis gesetzt und ihr zum Empfang entgegengeritten. Er war nicht mehr jung, stotterte und stieß mit der Zunge an, denn sein Gesicht war von einer Janitscharenbüchse zerschossen; als er nun anfing, unter beständigem Stottern von dem Sterne zu sprechen, »welcher am Himmel von Mohylow aufgegangen sei,« konnte Bärbchen das Lachen kaum unterdrücken. Aber er nahm sie so gastfreundlich auf, als es in seiner Macht stand; in dem Blockhause erwartete sie eine Abendmahlzeit und ein außerordentlich bequemes Nachtlager von frischen und reinen Daunen, welche den reichsten Armeniern abgenommen waren. Beim Abendbrot erzählte Gorschenski, wenn auch stotternd, so interessante Geschichten, daß man gern zuhörte. Nach seiner Erzählung wehte plötzlich unerwartet ein unruhiger Wind von der Steppe her. Es kamen Gerüchte, daß eine mächtige Schar von der Krimschen Horde, welche bei Dorosch stand, sich mit einigen tausend Kosaken unvermutet auf Hayssyn zu und noch höher hinauf in Bewegung gesetzt habe. Außerdem kamen allerhand andere beunruhigende Nachrichten; man wußte nicht recht woher, Herr Gorschenski aber schenkte allen keinen rechten Glauben.
»Wir haben Winter,« sagte er, »und seit der liebe Herrgott diesen Erdball gegründet, sind die Tataren immer nur im Frühling aufgebrochen; sie haben keine Wagenburgen und gehen immer die große Heerstraße, darum nehmen sie nie Futter für ihre Pferde mit und können es auch nicht. Wir wissen das alle schon, daß der Krieg mit der türkischen Macht nur vom Winter im Banne gehalten wird, und daß wir mit dem ersten Grase Gäste haben werden; aber daß jetzt etwas vorgehen sollte, das glaube ich nimmermehr.«
Bärbchen wartete geduldig und lange, bis Gorschenski mühsam seine Sache hervorgestottert hatte, denn er hielt immer wieder inne und bewegte den Mund, als ob er mit Essen beschäftigt sei.