»In Raschkow wird es sich zeigen, ob ich dies Vertrauen verdient habe.« In seiner Stimme lag etwas beinahe Drohendes, aber beide Frauen waren schon so sehr gewohnt, alles, was der junge Tatar sprach oder tat, anders zu sehen, als bei anderen Menschen, daß es kaum ihre Aufmerksamkeit erregte. Überdies begann Asya bald auf die Weiterreise zu dringen, weil vor Mohylow Berge lagen, die wegen ihrer Abschüssigkeit schwer passierbar waren, und die man darum bei Tageslicht überwinden mußte. Unverzüglich fuhr man weiter.
Bis zu jenen Bergen ging es sehr schnell; dort wollte Bärbchen das Pferd besteigen, aber auf Zureden des jungen Beys blieb sie Evchen zur Gesellschaft im Schlitten; dieser wurde an Taue gelegt und mit äußerster Vorsicht den Abhang hinuntergelassen. Asya ging die ganze Zeit zu Fuß neben dem Schlitten, aber er sprach fast kein Wort, weder mit Bärbchen noch mit Evchen, denn er war ganz von der gefährlichen Lage und überhaupt von seinem Kommando in Anspruch genommen. Aber die Sonne ging unter, ehe sie das Gebirge zu passieren vermochten. Die Abteilung Tscheremissen, die im Vortrab ging, schürte das Feuer aus trockenen Zweigen. So kamen sie langsam vorwärts durch die glühenden Brände, und durch die wilden Gestalten, die um sie lagerten. Hinter diesen Gestalten sah man im nächtlichen Dunkel und im Halblicht der Flammen furchtbare Schluchten von unbestimmten, grauenerregenden Umrissen. Alles das war neu, anziehend: alles machte den Eindruck einer gefährlichen, geheimnisvollen Unternehmung. Darum war Bärbchen im siebenten Himmel, und ihr Herz füllte sich mit Dankbarkeit für ihren Mann, der diesen Zug in die fremden Lande gestattet hatte, und für Asya, der ihn so zu führen verstand. Jetzt erst begriff Bärbchen, was Heereszüge bedeuten, von deren Beschwerlichkeiten sie so oft von den alten Soldaten gehört hatte, und was zerklüftete, gefahrvolle Wege seien. Eine sinnlose Freude erfaßte sie; sie hätte sicherlich ihren Apfelschimmel bestiegen, wenn sie nicht lieber im Schlitten neben Evchen gesessen, um mit ihr zu plaudern und sie mit ihrer Angst zu necken. Wenn in den Engpässen, die sich in Schlangenwindungen hinzogen, die vorderen Abteilungen, ihren Blicken entzogen, sich mit wilden Stimmen gegenseitig zuriefen, das gedämpfte Echo in den Abhängen widerhallte, wandte sich Bärbchen zu Evchen, ergriff ihre Hände und sagte:
»Huhu, das sind die wilden Tiere oder die Horden!«
Aber Evchen dachte an Asya, den Sohn des Tuhaj-Bey, und das beruhigte sie auf der Stelle. »Auch die Tiere und Horden ehren und fürchten ihn,« sagte sie, und dann neigte sie sich zu Bärbchens Ohr und flüsterte:
»Und ging es nach Bialogrod, und ging es bis in die Krim — nur mit ihm!«
Der Mond war schon hoch am Himmelsgewölbe emporgestiegen, als sie aus den Bergen herauskamen. Da sahen sie fern unten im Tal, wie am Boden eines Abgrundes, eine Menge Lichtchen.
»Mohylow zu unseren Füßen!« ließ sich eine Stimme hinter Bärbchen und Evchen vernehmen. Sie schauten sich um, es war Asya, der hinter dem Schlitten stand.
»So liegt jene Stadt also auf dem Grunde des Talkessels?« fragte Bärbchen.
»So ist's, und Berge stützen sie vor kalten Winden,« sagte er, indem er seinen Kopf zwischen ihre Köpfe drängte. »Beobachten Ew. Liebden, daß auch die Luft hier eine andere ist, es ist gleich wärmer und windstiller. Der Frühling kommt auch um zehn Tage früher hierher, als jenseits der Berge, und die Bäume bekommen schneller Laub. Das Graue, was man dort am Abhange sieht, sind Weinreben, sie stecken jetzt unter dem Schnee.«
Schnee lag überall, aber es war in der Tat hier wärmer und windstiller. Je mehr sie langsam ins Tal hinabkamen, desto mehr Lichter zeigten sich; eines nach dem anderen blitzte auf.