»Jetzt will ich offen mit Ew. Liebden sprechen ...«
»Ich höre,« gab Bärbchen zurück und sah ihn forschend an, als wollte sie in seinen veränderten Zügen lesen.
Asya brachte sein Pferd so nahe an Bärbchens Apfelschimmel heran, daß er beinahe mit seinem Steigbügel den ihrigen berührte, und ritt so noch eine Weile schweigend neben ihr. Er wollte sich ganz beruhigen und wunderte sich, daß er die Ruhe so schwer finden konnte, da doch Bärbchen in seiner Gewalt war, und es keine menschliche Kraft gab, welche sie ihm zu entreißen vermocht hätte. Aber es war ihm selbst kaum bewußt, daß trotz aller Unwahrscheinlichkeit und trotzdem die Wirklichkeit das Gegenteil zu sagen schien, ein Fünkchen Hoffnung in ihm glühte, das begehrte Weib könne ihm Gegenliebe schenken. War diese Hoffnung auch schwach, so war doch der Wunsch, daß es so sei, so mächtig, daß es ihn wie ein Fieber schüttelte. Die Begehrte wird ihre Hand nicht öffnen, sie wird ihm nicht in die Arme stürzen, sie wird die Worte nicht sprechen, die er ganze Nächte hindurch träumte: »Asya, ich bin dein!«, sie wird nicht an seinem Munde mit ihren Lippen hängen — das wußte er. Aber wie wird sie seine Worte aufnehmen? Was wird sie sagen? Wird sie alles Gefühl verlieren, wie die Taube in den Klauen des Raubvogels? Und wird sie sich so fassen lassen, wie das verlassene Täubchen dem Habicht sich hingibt? Wird sie in Tränen um Mitleid betteln, wird sie mit einem Schrei des Entsetzens die Wüste erfüllen? Wird von alledem mehr oder weniger geschehen? ... Solche Fragen tobten in der Seele des Tataren. Und doch war die Zeit gekommen, da die Verstellung, der Schein aufhören mußte, da er das wahre, entsetzliche Gesicht zeigen mußte ... Das war die Furcht, das die Unruhe ... noch einen Augenblick — und alles war geschehen.
Endlich aber wandelte sich diese dumpfe Angst in der Seele des Tataren zu dem, wozu sich meist die Angst eines wilden Tieres wandelt, zu Wut ... Und er selbst schürte diese Wut. Was auch geschehen mag, dachte er, sie ist mein, ganz mein, mein wird sie heute noch sein, und mein ist sie morgen, und dann kehrt sie nicht mehr heim zu ihrem Gatten, sondern bleibt bei mir.
Bei diesem Gedanken erfaßte ihn eine wilde, rasende Freude, und er sprach plötzlich mit einer Stimme, die ihm selbst fremdartig klang:
»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt.«
»In diesem Nebel klingt Eure Stimme so verändert,« sagte Bärbchen etwas beklommen, »daß ich wirklich glaube, es spreche ein anderer.«
»In Mohylow liegen keine Truppen, in Jampol keine, in Raschkow keine — ich allein bin hier Herr. Krytschynski, Adurowitsch und jene anderen sind meine Sklaven, denn ich bin ihres Herrschers Sohn — ich ihr Vezier, ich der höchste Mirza, ich bin ihr Führer, wie Tuhaj-Bey ihr Führer war, ich bin ihr Khan, ich allein habe die Macht, und alles hier ist in meiner Macht.«
»Wozu sagt Ihr mir das?«
»Ew. Liebden haben mich bis heute nicht gekannt. Raschkow ist nicht fern, ich wollte Tatarenhetman werden und der Republik dienen, aber Herr Sobieski wollte das nicht. Ich mag nicht länger ein Sohn der Wüste sein, unter eines anderen Kommando dienen, ich will selbst große Scharen führen gegen Dorosch oder gegen die Republik, wie Ew. Liebden wollen, wie Ew. Liebden befehlen.«