Sie hemmte also von Zeit zu Zeit ihren Lauf und horchte auf; da vernahm sie in jedem Wehen des Windes, in jedem Rauschen des Laubes, das auf den Felsengraten wuchs, in dem trockenen Geräusch, mit welchem die welken Stengel der Steppennesseln aneinanderschlugen, im Rauschen der Flügel der vorübereilenden Vögel, selbst in der Stille der Wüste, die in die Ohren klang, den Widerhall verfolgender Rosse. In ihrem Schrecken gab sie wieder den Pferden die Sporen und eilte in rasendem Laufe dahin, bis das Keuchen der Tiere ihr anzeigte, daß sie nicht weiter konnten.
Die Bürde der Einsamkeit und der Ohnmacht lastete immer schwerer auf ihr. Ach, wie fühlte sie sich verwaist, welch ein Leid, so groß wie ungerecht, wuchs in ihrem Herzen gegen alle Menschen, gegen die Nächsten und Teuersten, die sie so verlassen hatten!
Dann dachte sie wieder, daß Gott sie wohl strafe für ihre Begier nach Abenteuern, für ihre Sucht, an allen Jagden, allen Kriegszügen teilzunehmen gegen den Wunsch ihres Gatten, für ihre Ausgelassenheit und Leichtfertigkeit, und bei diesen Gedanken weinte sie bitterlich, hob das Auge zum Himmel, und wiederholte weinend:
»Strafe, aber verlaß' mich nicht, straf' Michael nicht, Michael ist unschuldig!«
Inzwischen war die Nacht hereingebrochen, und mit ihr die Kühle und Dämmerung, die Unsicherheit des Weges und erneute Unruhe. Die Gegenstände begannen zu verschwimmen, sich gleichsam geheimnisvoll zu beleben und gespensterhaft zu lauern. Die Unebenheiten an den Spitzen der hohen Felsen sahen wie Köpfe aus, die spitze oder runde Mützen trugen und die über Riesenmauern hinweg sich verneigten und schweigsam und unhold ausschauten, wer wohl dort unten vorüberreite. Die Zweige der Bäume, die der Wind hin und her schaukelte, nahmen menschliche Bewegungen an; die einen nickten Bärbchen lockend zu, als wollten sie ihr ein furchtbares Geheimnis anvertrauen, andere schienen zu sprechen und zu warnen: Komm nicht heran! Die Bäume auf den Abhängen sahen wie sprungbereite Ungeheuer aus. Bärbchen war mutig, sehr mutig, aber wie alle Menschen jener Zeit abergläubisch; darum stand ihr, als völlige Dunkelheit eingebrochen war, das Haar zu Berge, ein Schauer durchrieselte ihren Körper bei dem Gedanken an die unreinen Mächte, die diese Gegenden bewohnen konnten. Besonders fürchtete sie die Vampire. Der Glaube an diese war in den Dniestrländern wegen der Nähe der Moldau sehr verbreitet, und gerade diese Gegenden um Jampol und Raschkow herum hatten einen schlechten Ruf. So viele Menschen schieden hier durch unerwarteten Tod von der Welt, ohne Beichte, ohne Sündenvergebung. Bärbchen rief sich alle Erzählungen ins Gedächtnis, die an den Abenden in Chreptiow die Ritter zum besten gaben: von den Talschluchten, aus welchen bei Windeswehen plötzlich Stöhnen erklang: Jesus, Jesus!, von den neckenden Flammen, aus denen es schnarchte, — von den lachenden Felsen, von den blassen Kindern mit grünen Augen und ungeheuerlichen Köpfen, welche baten, sie mit aufs Pferd zu nehmen, und die dann dem Reiter das Blut aussogen, endlich von den Köpfen ohne Rumpf, die auf Spinnenfüßen einhergingen, und von den schrecklichsten all' dieser Schrecknisse, den ausgewachsenen Vampiren, oder den im Welschen sogenannten Brukolaken, die ohne weiteres die Menschen anfielen.
Sie machte das Zeichen des Kreuzes so lange, bis ihre Hand müde war, und dann sprach sie die Litanei, denn durch keine andere Waffe konnte man die unreinen Mächte abwehren. Mut gaben ihr die Pferde, die keine Furcht verrieten und fröhlich wieherten. Von Zeit zu Zeit klopfte sie mit der Hand den Nacken ihres Apfelschimmels, als wollte sie sich auf diese Weise überzeugen, daß sie sich in der wirklichen Welt befinde.
Die Nacht, die anfangs sehr finster gewesen war, wurde allmählich heller, und endlich schimmerten die Sterne durch die dünnen Nebel. Für Bärbchen war dies ein ungewöhnlich günstiger Umstand, denn erstens nahm ihre Angst ab, und dann konnte sie, wenn sie den Großen Wagen im Auge behielt, auf den Norden zureiten, in der Richtung nach Chreptiow. Sie schaute sich in der Gegend um und berechnete, daß sie sich schon bedeutend vom Dniestr entfernt haben müsse, denn es gab hier weniger Felsen, das Land hatte eine größere Ausbreitung, es waren mehr mit Eichen bestandene Hügel und weit ausgedehnte Ebenen vorhanden.
Doch mußte sie immer wieder durch Schluchten, und jedesmal entstand neue Angst in ihrem Herzen, denn in der Tiefe war es dunkel, und eine strenge, durchdringende Kälte lagerte unten. Manche Täler waren so abschüssig, daß sie umgangen werden mußten, und das verursachte großen Verlust an Zeit und eine Erschwerung des Weges.
Schlimmer noch war es mit den Strömen und Flüßchen, die ein ganzes Netz bildeten vom Osten zum Dniestr hin. Alle waren vom Eise frei, und die Pferde wieherten furchtsam, wenn sie in der Dunkelheit durch ein Wasser wateten, dessen Tiefe sie nicht kannten. Bärbchen setzte nur an den Stellen über, wo ein ausgedehntes Ufer vermuten ließ, daß das breite Wasser flach sei; in den meisten Fällen war es auch so, zuweilen aber reichte das Wasser bis zur Hälfte der Pferdeleiber; dann kniete Bärbchen nach Soldatenart auf der Satteldecke, hielt sich mit den Händen an dem Vorderknauf und bemühte sich, die Füße nicht ins Wasser tauchen zu lassen. Aber dies gelang ihr nicht vollkommen, und bald erfaßte sie von Fuß bis Kopf eine empfindliche Kälte.