»Wenn mit Gottes Hilfe der Tag kommt, reite ich schneller vorwärts,« wiederholte sie immer wieder.
Endlich gelangte sie auf eine große Ebene, die von einem dünnen Walde bestanden war, und da sie sah, daß die Pferde kaum noch vorwärts konnten, machte sie Halt und rastete. Beide Renner streckten alsbald die Hälse gegen den Boden, setzten einen der Vorderfüße vor und begannen begierig das Moos und welke Gras aufzukratzen. Im Walde herrschte vollkommene Ruhe, die nur das hörbare Schnaufen der Pferde und das Knistern des Grases in ihren Mäulern unterbrach.
Nachdem sie den ersten Hunger gestillt oder richtiger getäuscht hatten, zeigten beide Pferde offenbar Lust, sich hinzustrecken; aber Bärbchen konnte dem nicht willfahren, sie wagte nicht einmal, die Zügel aus der Hand zu lassen und selbst abzusitzen, denn sie wollte jeden Augenblick zur weiteren Flucht bereit sein.
Sie bestieg aber Asyas Pferd, denn ihr Apfelschimmel trug sie schon seit der letzten Rast, und obwohl er tüchtiges, edles Blut in den Adern hatte, war er doch zarter als Asyas Tatarenpferd. Nachdem sie dies getan, empfand sie Hunger; ihren Durst hatte sie wiederholt bei den Übergängen über die Flüsse löschen können. Sie begann nun von dem Samen zu essen, von dem sie ein Beutelchen voll an Tuhaj-Beys Satteldecke gefunden hatte. Er schmeckte ihr sehr gut, wenn auch ein wenig bitter, sie aß also und dankte Gott für diese unerwartete Stärkung. Aber sie aß sparsam, damit er bis Chreptiow ausreiche. Dann schloß der Schlaf mit unüberwindlicher Macht ihre Lider; aber gleichzeitig ging, als die Bewegung des Pferdes sie nicht mehr erwärmte, eine empfindliche Kälte durch ihren ganzen Körper. Ihre Füße waren vollkommen erstarrt, sie fühlte eine unendliche Ermattung, besonders im Kreuz und in den Armen, welche durch das Ringen mit Asya überangestrengt waren. Eine große Schwäche erfaßte sie, und ihre Augen schlossen sich. Nach einer Weile öffnete sie dieselben mit großer Kraftanstrengung.
»Nein, am Tage, während des Reitens will ich schlafen,« dachte sie, »denn wenn ich jetzt einschlafe, so erfriere ich.«
Aber ihre Gedanken wurden immer unklarer, gingen immer mehr einer in den anderen über und führten ihr wirre Bilder vor die Seele, in welchen die Wüste, die Flucht und die Verfolgung, Asya, der kleine Ritter, Evchen und die letzten Ereignisse sich vermischten, — es war ein Traum im halben Wachen. Alles das floh gleichsam vorwärts wie eine Woge, die der Wind peitscht, und sie, Bärbchen, eilte mit, ohne Angst, ohne Freude, als müsse sie mit. Asya schien sie zu verfolgen, und gleichzeitig sprach er mit ihr und machte sich Sorge um die Pferde; Sagloba zürnte, daß das Abendbrot kalt werde, Michael zeigte ihr den Weg, und Evchen fuhr hinter ihnen her im Schlitten und aß Datteln.
Dann vermischten sich die Bilder dieser Personen immer mehr, als umschleiere sie ein nebliger Vorhang oder die Dämmerung, und allmählich schwanden sie ganz. Es blieb nur eine seltsame Finsternis, die der Blick nicht durchdrang, und die ins Unendliche zu gehen schien; überall drang sie hinein, selbst bis in Bärbchens Köpfchen und verlöschte alle Gesichte, alle Gedanken, wie das Wehen des Windes die Fackeln löscht, die in der Nacht in freier Luft brennen.
Bärbchen schlief ein; aber zum Glück erweckte sie, noch ehe die Kälte das Blut in ihren Adern erstarren ließ, ein ungewöhnlicher Lärm. Die Pferde rissen sich plötzlich los, — es war offenbar in der Wüste etwas Außerordentliches geschehen. Bärbchen gewann im Augenblick die Geistesgegenwart wieder, ergriff Asyas Muskete und horchte über das Pferd geneigt mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie war eine so geartete Natur, daß jede Gefahr im ersten Augenblick Wachsamkeit, Mut und Kampfbereitschaft in ihr weckte.
Diesmal beruhigte sie sich sogleich wieder; die Stimmen, die sie erweckt hatten, waren nichts anderes als das Grunzen von Wildschweinen. Mochten die Wölfe die Frischlinge überschleichen, oder die Schweine sich um die Bachen[L] streiten — die ganze Wüste hallte plötzlich von dem Lärm wieder. Das Getöse war sicherlich in weiter Ferne, aber in der nächtlichen Stille und dem allgemeinen Frieden schien es so nah, daß Bärbchen nicht nur das Grunzen und Quieken hörte, sondern auch das laute Pfeifen der mächtig atmenden Rüssel. Plötzlich ertönte ein Knattern, ein Knistern durchbrochener Sträucher, und ein ganzes Rudel jagte, wenn auch für Bärbchen unsichtbar, in der Nähe vorüber und tauchte in das Dunkel der Wüste.
In dem unverbesserlichen Bärbchen schlug, trotz ihrer trostlosen Lage, auf einen Augenblick die Ader des Jägers, und es tat ihr leid, daß sie dies vorübereilende Rudel nicht gesehen hatte.