»Ich hätte doch ein wenig zuschauen können,« sagte sie zu sich, »von hier aber ist nichts zu sehen. Wenn ich in den Wald hineinreite, werde ich vielleicht noch etwas erspähen können.«

Erst nach dieser Erwägung fiel es ihr ein, daß es besser sei, nichts zu sehen und so schnell als möglich davonzukommen, und so setzte sie ihren Weg fort. Sie konnte auch nicht länger auf der Stelle stehen, schon darum nicht, weil die Kälte immer empfindlicher wurde, und die Bewegung der Pferde sie stark erwärmte, ohne sie verhältnismäßig zu ermüden. Die Pferde aber, die nur ein wenig Moos und erfrorenes Gras erwischt hatten, gingen unwillkürlich und mit gesenktem Kopf vorwärts. Der Reif hatte ihnen die Seiten bedeckt, als sie standen, und sie schienen kaum die Füße vorwärts zubringen; trotzdem ging es seit der Mittagsrast fast ohne Unterbrechung weiter.

Bärbchen ritt über die Heide hin, die Augen auf den Großen Wagen geheftet, immer tiefer in die Wüste hinein, die nicht allzu dicht war, aber hügelig und von engen Rissen durchschnitten. Es wurde auch immer finsterer, nicht nur infolge des Schattens, den die laubreichen Bäume warfen, sondern auch, weil Ausdünstungen dem Boden entstiegen und die Sterne verdeckten. Sie mußte auf gut Glück weiter reiten. Nur die Felsenrisse gaben Bärbchen einen Fingerzeig dafür, daß sie in der gewünschten Richtung vorwärts komme, denn das wußte sie, daß sie alle von Osten nach dem Dniestr zu verliefen, daß sie also, indem sie einen nach dem anderen überwand, in der Richtung nach Norden reite. Und doch dachte sie, daß trotz dieses Wegweisers ihr immer die zu große Entfernung oder eine allzu große Annäherung zu ihm drohe; eines wie das andere konnte gefährlich werden, denn im ersten Falle hätte sie ein ungeheures Stück Weges zuviel gemacht, im entgegengesetzten konnte sie nach Jampol gelangen und dort in die Hände des Feindes fallen. Ob sie sich aber noch vor Jampol befand, ob sie gerade auf seiner Anhöhe stand, ob es schon hinter ihr lag — davon hatte sie nicht die geringste Vorstellung.

»Eher schon werde ich wissen, wenn ich Mohylow hinter mir habe,« sagte sie sich, »denn dies liegt in einer großen, breiten Schlucht, die ich vielleicht erkennen werde.«

Dann blickte sie zum Himmel empor und dachte:

»Hilft mir Gott nur erst über Mohylow hinaus, dort beginnt Michaels Herrschaft, dort schreckt mich nichts mehr.«

Die Nacht wurde immer dunkler; zum Glück lag hier auf dem Boden des Waldes schon Schnee, auf dessen weißem Grunde man die dunklen Stämme der Bäume, die niedrigen Äste erkennen konnte, um sie zu vermeiden; aber Bärbchen mußte langsamer reiten, und wieder fiel ihre Seele die Furcht vor den unreinen Mächten an, die zu Beginn der Nacht ihr Blut zu Eis hatten gerinnen lassen.

»Wenn ich unten Augen leuchten sehe,« sagte sie zu ihrem erschreckten Herzen, »so bedeutet das nichts, das ist ein Wolf; sehe ich sie aber in Menschenhöhe ...«

In diesem Augenblick schrie sie laut auf.