Noch zweimal kam sie während ihres langen Rittes in der Nähe von Menschen vorüber, einmal erblickte sie am Saume einer Hochebene eine Anzahl Hütten; vielleicht wohnten darin gar nicht Räuber von Handwerk, aber sie zog es vor, sie in Eile zu umgehen, denn sie wußte, daß auch die Landleute nicht um vieles besser waren als die Räuber. Das andere Mal schlug an ihr Ohr der Widerhall von Äxten, die Holz bearbeiteten.
Endlich bedeckte die ersehnte Nacht die Erde. Bärbchen war schon so ermattet, daß sie sich sagte, als sie auf die freie, waldlose Steppe hinausgelangte: »Hier werde ich mich nicht an Bäumen stoßen, ich will also einschlafen, wenn ich auch erfrieren sollte.«
Als sie die Augen geschlossen hatte, schien ihr, als sähe sie in weiter, weiter Ferne auf dem weißen Schnee schwarze Punkte, die sich nach verschiedenen Richtungen hin bewegten. Noch überwand sie eine Weile den Schlaf. »Das sind gewiß Wölfe,« sagte sie leise.
Als sie aber einige Schritte vorwärts gekommen war, verschwanden die Punkte, und sie schlief bald so fest ein, daß sie erst erwachte, als Asyas Tatarenpferd, auf dem sie saß, laut aufwieherte.
Sie sah sich rings um. Sie befand sich am Saume eines Waldes und war zur rechten Zeit erwacht, sonst hätte sie einen Schlag gegen den Kopf erhalten.
Plötzlich bemerkte sie, daß das zweite Pferd nicht bei ihr war.
»Was ist geschehen?« rief sie in großer Angst aus.
Es war etwas sehr einfaches geschehen. Bärbchen hatte zwar den Zaum des Schimmels an die Satteldecke gebunden auf der sie saß, aber ihre erstarrten Hände hatten den Dienst versagt und nicht vermocht, den Knoten fest zu schlingen; so hatte sich der Zaum gelöst, und das erschöpfte Tier war zurückgeblieben, um unter dem Schnee Nahrung zu suchen oder sich niederzulegen.
Zum Glück hatte Bärbchen ihre Terzerole nicht in den Holftern, sondern im Gurt; auch das Pulverhorn und das Beutelchen mit dem Rest der Samenkörner hatte sie bei sich, und am Ende war das Unglück nicht allzu groß, denn wenn auch Asyas Pferd in der Schnelligkeit dem Apfelschimmel nachstand, so übertraf es ihn doch an Ausdauer. Bärbchen war es leid um das Pferd, und im ersten Augenblick beschloß sie, es zu suchen.