Nur das eine verwunderte sie, als sie sich in der Steppe umsah, daß sie es überhaupt nicht erblicken konnte, obwohl die Nacht sehr hell war.
»Nun,« dachte sie, »es ist gewiß nicht weiter gegangen und hat sich in eine Vertiefung gelegt, darum sehe ich es nicht.«
Das Tatarenpferd wieherte von neuem, schüttelte sich dabei und ließ die Ohren über den Nacken hängen; aber von der Steppe her ward ihm keine Antwort.
»Ich will zurückreiten und es suchen,« sagte Bärbchen.
Schon hatte sie das Pferd umgewandt, als eine plötzliche Angst sie erfaßte; es war ihr, als riefe eine menschliche Stimme: Kehre nicht um, Bärbchen!
Und in diesem Augenblick wurde die Stille durch andere, unheilvolle Stimmen unterbrochen, die ganz in der Nähe gleichsam aus dem Boden drangen. Heulen, Schnarchen, Stöhnen, Seufzen, endlich ein entsetzlicher, kurzer, abgerissener Aufschrei ... Alles das war um so grauenerregender, als man in der Wüste nichts sah. Bärbchen lief ein kalter Schweiß über den ganzen Körper, und ihren erfrorenen Lippen entrang sich der Schrei:
»Was ist das, was ist geschehen!«
Sie erriet zwar bald, daß die Wölfe über ihr Pferd hergefallen seien, aber sie konnte nicht begreifen, warum sie das nicht sehe, da es doch, nach den Stimmen zu schließen, in einer Entfernung von nicht mehr als fünfhundert Schritten geschehen sein mußte.
Aber es war bereits zu spät, zu Hilfe zu eilen, denn das Pferd war gewiß schon zerfleischt, und dann mußte sie auch an die eigene Rettung denken. Sie feuerte einen Schuß aus dem Terzerol ab, um die Tiere zu erschrecken und machte sich weiter auf den Weg. Nun kam ihr der Gedanke, daß es vielleicht nicht Wölfe gewesen seien, die ihr Pferd überfallen hatten, da die Stimmen wie unterirdisch klangen. Es überlief sie eiskalt; als sie aber noch nachsann, erinnerte sie sich, daß es ihr im Schlafe gewesen sei, als ritte sie erst einen Berg hinab, dann wieder hinauf.
— Ja, so war es, sagte sie, so war es. Ich bin schlafend quer durch eine mäßig abschüssige Schlucht geritten; dort ist mein Schimmel geblieben, und dort haben ihn die Wölfe überfallen.