Der Rest der Nacht ging ohne Abenteuer hin. Das Tatarenpferd, das am vergangenen Morgen Heu gefressen hatte, ging sehr ausdauernd, so daß Bärbchen seine Rüstigkeit bewunderte. Es war ein sogenannter »Wolf« von großer Schönheit und fast grenzenloser Ausdauer. Während der kurzen Ruhepause, die Bärbchen machen mußte, fraß es alles ohne Wahl, Moos, Blätter und selbst die Rinde von den Bäumen, und ging ruhig seinen Weg. In der freien Ebene ließ Bärbchen es schneller laufen; dann keuchte es ein wenig und atmete lauter, blieb stehen, schöpfte Luft, schüttelte sich, ließ den Kopf vor Müdigkeit sinken — aber es fiel nicht. Der Apfelschimmel hätte, wenn er auch nicht unter den Zähnen der Wölfe sein Ende gefunden, einen solchen Ritt nicht ausgehalten.
Am anderen Morgen berechnete Bärbchen, nachdem sie ihr Gebet gesprochen, die Zeit.
— Asyas Armen habe ich mich am Donnerstag Mittag entrissen — sagte sie — und bin ohne Aufenthalt bis in die Nacht geritten, dann ist unterwegs eine Nacht vergangen, dann der ganze Tag, dann wieder eine Nacht, und heute hat der dritte Tag begonnen. Die Verfolger müssen längst umgekehrt sein, und Chreptiow kann nicht mehr fern sein, denn ich habe doch die Pferde nicht geschont.
Und nach einer Weile fügte sie hinzu:
— O, es ist Zeit, schon lange Zeit, Herr Gott, erbarme dich meiner! —
Manchmal erfaßte sie der Wunsch, in die Nähe des Flusses zu reiten, denn am Ufer hätte sie eher erkannt, wo sie war; aber die Furcht hielt sie davon ab, denn sie wußte, daß fünfzig Lipker von Asyas Leuten bei Herrn Gorschenski in Mohylow zurückgeblieben waren, und sie konnten vielleicht, da sie im weiten Bogen herumgeritten waren, noch nicht bei Mohylow vorbeigekommen sein. Unterwegs hatte sie, soweit der Schlaf ihre Augen nicht geschlossen hielt, sorgfältig darauf geachtet, ob sie nicht auf eine ausgedehnte Talschlucht stoße, ähnlich der, in welcher Mohylow lag, aber sie hatte nichts derartiges bemerkt. Die Schlucht konnte auch enger erscheinen und ganz anders bei Mohylow beschaffen sein, als tiefer im Lande, genug, Bärbchen hatte nicht die geringste Vorstellung davon, wo sie sich befinde.
Sie bat nur unaufhörlich Gott, es möchte schon in der Nähe sein, denn sie empfand, daß sie nicht länger die Mühe, die Kälte, die Schlaflosigkeit und den Hunger ertragen könne. Seit drei Tagen lebte sie nur von Samenkörnern, und obgleich sie sehr sparsam damit umgegangen war, war doch das letzte Körnchen heute morgen verzehrt, und der Beutel leer.
Nun konnte sie sich nur durch die Hoffnung stärken und erwärmen, daß Chreptiow in der Nähe sei. Sonst erhielt sie nur ein beständiges Fieber warm. Bärbchen fühlte, daß sie fiebere, denn obgleich es immer kälter wurde, ja sogar Frost herrschte, glühten ihre Hände und Füße, die zu Anfang ihrer einsamen Reise starr gewesen waren, und ein furchtbarer Durst plagte sie.
— Wenn ich nur nicht das Bewußtsein verliere, sprach sie zu sich, wenn ich wenigstens mit dem letzten Atemzug nach Chreptiow gelange und Michael sehe, dann geschehe Gottes Wille ...
Immer wieder mußte sie über zahlreiche Ströme und Bäche setzen; aber sie waren entweder flach oder zugefroren. In manchen floß oberhalb Wasser, und unten war hartes, festes Eis. Am meisten aber fürchtete sie die Übergänge deshalb, weil auch ihr Tatarenpferd, so unerschrocken es sonst war, eine sichtliche Angst zeigte. Wenn es in das Wasser oder auf das Eis trat, schnob es, senkte die Ohren, blieb oft stehen und schritt dann, wenn es angetrieben wurde, vorsichtig, langsam Fuß vor Fuß setzend, und mit aufgeblähten Nüstern witternd.