Es war schon weit gegen Mittag, als Bärbchen durch einen dicht bestandenen Wald ritt und an einem Fluße Halt machte, der um ein bedeutendes breiter als die anderen war. Nach ihrer Annahme konnte dies die Latwa oder der Kaluschik sein. Bei diesem Anblick pochte ihr Herz freudig, denn Chreptiow konnte nicht mehr fern sein. Und selbst wenn Bärbchen es umging, konnte sie sich als gerettet betrachten, denn dort war das Land bewohnt, und die Menschen nicht mehr so zu fürchten. Der Fluß hatte, soweit Bärbchens Auge reichte, abschüssige Ufer; nur an einer Stelle war eine Furt. Das vom Eise gebannte Wasser war übergetreten und ergoß sich flach wie in einem breiten Gefäß; die Ufer waren vollkommen gefroren. In der Mitte zog sich ein breiter Wasserstreifen hin; Bärbchen hoffte aber, unter ihm, wie gewöhnlich, Eis zu finden.

Das Pferd schritt widerstrebend wie bei jedem Flußübergang mit vorgeneigtem Nacken vorwärts und beroch den Schnee, der vor ihm lag. Als Bärbchen an den Wasserstreifen gelangte, kniete sie nach ihrer Gewohnheit auf der Satteldecke und hielt sich mit beiden Händen an dem Vorderknauf.

Das Wasser plätscherte unter den Hufen, und wirklich lag hartes Eis darunter; die Hufe schlugen hinein wie in Gestein, aber die Eisen waren durch den langen, an vielen Stellen felsigen Weg stumpf geworden, das Pferd glitt aus, die Kräfte versagten, und plötzlich stürzte es nach vorn, so daß sein Maul unter das Wasser kam. Es raffte sich auf, fiel wieder zurück, machte noch einen Versuch, sich aufzurichten, und warf sich endlich geängstigt hin und her, verzweifelt mit den Hufen schlagend. Bärbchen riß am Zügel, aber zugleich vernahm sie ein dumpfes Krachen, und die Vorderfüße des Tieres versanken in die Tiefe.

— Jesus, Jesus! rief Bärbchen aus.

Das Pferd, das mit den Hinterfüßen noch auf festem Grunde stand, machte die äußersten Anstrengungen, aber die Eisschollen, auf welche es sich stützte, begannen allmählich unter seinen Hufen fortzurücken, denn es sank keuchend und schwer atmend immer tiefer ein.

Bärbchen hatte noch soviel Zeit und Geistesgegenwart, daß sie das Pferd an der Mähne ergriff und über seinen Nacken auf das ungebrochene Eis vor ihm gelangen konnte. Dort fiel sie ins Wasser. Aber sie erhob sich, und da sie festen Grund unter den Füßen spürte, ward ihr klar, daß sie gerettet sei. Noch wollte sie das Pferd befreien; sie neigte sich hinüber, ergriff die Zügel und zog, indem sie auf das jenseitige Ufer zustrebte, aus Leibeskräften an.

Aber das Pferd versank nur immer tiefer und vermochte die Vorderfüße nicht mehr frei zu bekommen, um sich auf das bisher unbeweglich gebliebene Eis zu stützen. Die Zügel spannten sich immer straffer, und endlich versank das Tier im Wasser, so daß nur Hals und Kopf darüber hervorragte. Dann begann es mit fast menschlicher Stimme zu stöhnen, und zeigte knirschend die Zähne. Seine Augen waren mit unbeschreiblichem Ausdruck auf Bärbchen gerichtet, als wollte es ihr zurufen: — Für mich gibt es keine Rettung mehr, laß' die Zügel fahren, sonst reiße ich dich noch mit! —

Und es gab wirklich für das Pferd keine Rettung, Bärbchen mußte die Zügel loslassen.

Als es ganz vom Eise bedeckt war, ging sie an das andere Ufer, setzte sich dort an einen laublosen Strauch und begann wie ein Kind zu schluchzen.

Ihre Energie war auf einen Augenblick ganz gebrochen, und auch die Bitterkeit und das Leid, das nach der Begegnung mit den Menschen ihr Herz erfüllt hatte, schlug jetzt in Wogen über sie zusammen. Alles war wider sie: die Unsicherheit der Wege, die Dunkelheit, die Elemente, Menschen und Tiere, nur die Hand Gottes schien bisher schützend über ihr ausgestreckt zu sein; in diese gute, milde, väterliche Hut hatte sie ihr ganzes kindliches Vertrauen gesetzt, und nun hatte auch diese sie getäuscht. Es war eine Empfindung, der Bärbchen nicht Worte zu leihen wagte, die sie aber desto klarer in ihrem Herzen empfand.