Was blieb ihr? — Klagen und Tränen, und doch hatte sie noch soviel Mut, soviel Tatkraft, soviel Ausdauer, wie ein armes, schwaches Geschöpf in solcher Lage haben kann. Ihr Pferd war ertrunken, die letzte Hoffnung auf Rettung, der letzte Strohhalm, den sie ergreifen konnte — das einzige lebende Wesen, das die Gefahren mit ihr teilte. Ohne dieses Pferd fühlte sie sich kraftlos in dieser Wildnis, die sie von Chreptiow trennte, in diesen Wäldern, Schluchten und Steppen, nicht bloß wehrlos gegen Nachstellung von Mensch und Tier, sondern mehr noch einsam, mehr noch verlassen.

Sie weinte, bis ihr die Tränen versiegten; dann kam die Erschöpfung und Ermüdung, das Gefühl der Ratlosigkeit so mächtig über sie, daß es beinahe der Ruhe glich. Sie seufzte ein über das andere Mal tief auf und sagte zu sich: »Gegen den Willen Gottes vermag ich nichts ... hier will ich sterben.«

Und sie schloß die Augen, die früher so hell und heiter gewesen, heute waren sie eingefallen, umrändert.

Und doch, obgleich ihr Körper mit jeder Minute hinfälliger wurde, waren ihre Gedanken lebendig, und ihr Herz pochte wie das eines aufgescheuchten Vogels. Wenn niemand in der Welt sie geliebt hätte, würde der Tod sie nicht so erschreckt haben, aber es liebten sie doch alle so sehr ... Und sie malte sich aus, was geschehen werde, wenn Asyas Verrat und ihre Flucht bekannt würden, wie man sie suchen, wie man sie endlich finden würde, blau und erfroren, den ewigen Schlaf schlafend unter dem Gesträuch am Fluß. Und plötzlich sagte sie laut:

»O, wie wird Michael verzweifeln, ach ... ach!«

Und dann bat sie ihn um Verzeihung, es sei nicht ihre Schuld.

»Ich, Michael, habe alles getan,« sagte sie, indem sie ihn im Geiste umarmte, »was in meiner Macht stand, aber Gott wollte nicht, mein Geliebter!«

Und eine so innige Liebe zu dem teuren Manne erfaßte sie, eine solche Sehnsucht, wenigstens in der Nähe dieses geliebten Hauptes zu sterben, daß sie alle Kräfte zusammennahm, sich aufraffte und weiter ging.

Anfangs ward es ihr sehr beschwerlich; ihre Füße waren durch den andauernden Ritt des Gehens entwöhnt, und sie hatte die Empfindung, als ginge sie auf fremden Füßen. Zum Glück fühlte sie keine Kälte, ja es war ihr eigentlich warm, denn das Fieber verließ sie keinen Augenblick.

Sie kam tief in den Wald hinein und ging ausdauernd vorwärts, indem sie darauf achtete, die Sonne zur Linken zu behalten. Sie mußte schon auf die Moldauische Seite hinübergegangen sein, denn es war die zweite Hälfte des Tages gekommen, wohl die vierte Stunde. Bärbchen achtete nun schon weniger darauf, dem Dniestr fernzubleiben, denn sie glaubte immer, sie sei schon über Mohylow hinaus.