»O, wenn man das sicher wissen könnte,« wiederholte sie, indem sie ihr bläuliches und zugleich glühendes Gesichtchen zum Himmel wandte. »Wenn ein Tier, ein Baum sprechen könnte, um mir zu sagen: bis Chreptiow ist eine Meile oder zwei, dann erreiche ich es noch.«
Aber die Bäume schwiegen, ja sie schienen ihr sogar feindlich gesinnt und verlegten ihr den Weg mit ihren Wurzeln; alle Augenblicke stieß Bärbchen gegen schneebedeckte Knorren derselben. Nach einiger Zeit ward sie unerträglich matt; sie warf den warmen Übermantel von den Schultern und blieb nur im Jäckchen. Nachdem sie sich so erleichtert hatte, ging sie immer hastiger, bald über die Wurzeln strauchelnd, bald in den tiefen Schnee fallend. Die pelzgefütterten Stiefelchen aus dünnem Saffian, ohne besondere Sohlen und vortrefflich für die Schlittenfahrt oder die Reise zu Pferde, schützten ihre Füße nicht genügend vor Steinen oder Erdschollen; sie waren überdies durch die vielfachen Flußübergänge naß geworden, und in dieser Feuchtigkeit und bei der Wärme der fieberheißen Füße konnten sie leicht zerreißen.
»Ich gelange barfuß entweder nach Chreptiow oder in den Tod,« dachte Bärbchen. Ein trübes Lächeln erhellte ihr Gesichtchen, denn sie empfand doch Freude darüber, daß sie so ausdauernd vorwärts schreite, und daß Michael, wenn sie unterwegs sterben sollte, ihrem Andenken nichts würde vorwerfen können.
Da sie jetzt unaufhörlich in Gedanken mit ihrem Gatten sprach, sagte sie:
»O Michael, eine andere hätte das nicht zustande gebracht, Evchen zum Beispiel.«
An Evchen hatte sie manchmal während dieser Flucht gedacht, sie hatte wohl auch für sie gebetet, denn das war ihr klar: wenn Asya das Mädchen nicht liebte, dann war ihr Los, wie das aller Gefangenen in Raschkow, ein entsetzliches.
»Ihr ist schlimmer als mir,« wiederholte sie, und bei diesem Gedanken wuchsen ihre Kräfte.
Aber jetzt, als eine, die zweite und die dritte Stunde vergangen war, nahmen ihre Kräfte mit jedem Schritte ab. Langsam war die Sonne hinter dem Dniestr versunken, sie übergoß den Himmel mit glänzendem Abendrot und verlosch. Der Schnee nahm einen violetten Glanz an, dann wurde der goldige Streifen am Himmel immer dunkler, immer schmaler, der Ozean, der zwischen Himmel und Erde ergossen schien, wandelte sich in einen See, der See wurde zum Fluß, der Fluß zum Bach, endlich glänzte nur noch ein lichter Streifen am Himmel — und wich der Finsternis. Die Nacht brach an.
Wieder verging eine Stunde, der Wald wurde schwarz und geheimnisvoll, er schwieg, von keinem Lüftchen bewegt, als habe er sich gesammelt, um zu erwägen, was er mit dem armen, verirrten Wesen beginnen solle. Aber es lag nichts Gutes in seiner Totenstille, es war vielmehr Fühllosigkeit und Starrheit. Bärbchen ging immer weiter, immer schneller, mit ihren glühenden Lippen nach Luft haschend. In der Finsternis und bei ihrer Übermüdung fiel sie immer häufiger hin.
Ihren Kopf hielt sie gewaltsam emporgerichtet, aber sie blickte nicht mehr nach dem führenden Großen Wagen, denn sie hatte schon ganz das Gefühl der Richtung verloren. Sie ging, um zu gehen, sie ging, weil über ihr Gesichte des Todes schwebten, hell und lieblich.