»Auf der Aue von Kantschukar ist eine beständige Ansammlung der Heere. Der Sultan hat große Summen in die Krim geschickt, der Khan kommt dem Doroschenko mit fünfzigtausend Mann von der Horde zu Hilfe. Die Lawine wird, sobald die Wasser sich verlaufen, die schwarze Heerstraße und die Straße von Kutschmin einherrollen. Gott sei der Republik gnädig!«
Wolodyjowski schickte sofort seinen Burschen Pientka mit dieser Nachricht zum Hetman; er selbst aber beeilte sich nicht, Chreptiow zu verlassen. Erstens konnte er als Soldat die Grenzwacht ohne Befehl des Hetmans nicht zurücklassen, und dann hatte er auch zu viele Jahre im Kampfe mit den Tataren gelebt, um nicht zu wissen, daß ihre Schar so rasch nicht vorwärts rückte. Noch hatte das Wasser sich nicht verlaufen, noch war das Gras nicht hoch genug gewachsen, noch standen die Kosaken in ihrem Winterlager. Die Türken erwartete der kleine Ritter nicht vor dem Sommer, wenngleich sie sich jetzt bei Adrianopel sammelten; eine so riesige Wagenburg, so zahlreiche Scharen von Soldaten, Lagerknechten, Lastpferden, Kamelen und Büffeln konnte sich nur langsam fortbewegen. Die tatarische Reiterei durfte er früher erwarten, gegen Ende des April oder Anfang Mai. Zwar pflegten von dem Gros der Armee, das viele zehntausend Krieger zählte, das Land kleinere, lockere Scharen und mehr oder minder zahlreiche Banden zu überziehen, wie einzelne Regentropfen dem großen Regenschauer vorausgehen, aber diese fürchtete der kleine Ritter nicht. Selbst die trefflichste tatarische Reiterei konnte auf offenem Felde den Berittenen der Republik nicht die Spitze bieten, um wie viel weniger diese Haufen, die bei dem bloßen Gerücht von dem Herannahen der Heere auseinanderstoben, wie der Staub vor dem Sturmwind.
In jedem Falle war noch Zeit genug. Selbst wenn es daran gemangelt hätte, wäre Herr Michael nicht abgereist, ohne sich ein wenig mit den Tatarenscharen zu reiben, so daß sie es fühlten und daran denken sollten. Er war Soldat vom Wirbel bis zur Zehe, Soldat von Beruf, darum erweckte die Nähe des Heeres in ihm nur den Durst nach Feindesblut und gab ihm zugleich die Ruhe wieder.
Sagloba war, obwohl er sein langes Leben hindurch vielen Gefahren ausgesetzt gewesen, doch viel weniger ruhig. In unvorhergesehenen Fällen fand er Mut; er hatte ihn schließlich durch lange, wenn auch ungewollte Praxis entwickelt, und manchen Sieg im Leben erfochten. Aber immer machte die erste Nachricht von Kriegsgefahr einen großen Eindruck auf ihn. Als der kleine Ritter ihm seine Ansicht darlegte, faßte er Mut, ja er forderte den ganzen Osten heraus, und erhob drohend seine Hände gegen ihn.
»Wenn die christlichen Nationen untereinander Krieg führen,« sagte er, »dann ist auch Christus im Himmel traurig, und alle Heiligen kratzen sich den Kopf; denn so pflegt es immer zu sein: wenn der Herr betrübt ist, ist auch das Gesinde betrübt. Aber wer den Türken schlägt, der tut dem Himmel einen Wohlgefallen. Ich habe es von einer geistlichen Persönlichkeit gehört, daß die Heiligen im Himmel gerade Übelheiten bekommen, wenn sie jene Hundeseelen sehen, so daß ihnen das himmlische Manna nicht bekommt, und ihre ewige Glückseligkeit einen Stoß erhält.«
»Gewiß ist es so,« versetzte der kleine Ritter, »aber die Macht der Türken ist unermeßlich, und unser Heer könnte man auf einer flachen Hand halten.«
»Die ganze Republik werden sie doch nicht erobern. Hatte Karolus Gustavus etwa eine kleine Macht? Damals hatten wir Krieg mit den Septentrionären, und mit den Kosaken, mit Rakoczy, und mit dem Kurfürsten — und wo sind sie heute? Haben wir nicht bis in ihre Schlupfwinkel Feuer und Schwert getragen?«
»Wohl wahr! Persönlich würde ich den Krieg nicht fürchten, um so weniger, als ich etwas tun muß, um Christus und der heiligen Jungfrau ihr Erbarmen mit Bärbchen zu vergelten. Gebe Gott nur die Gelegenheit! Aber um diese Lande ist es mir leid, die mit Kamieniez leicht in die Hände der Heiden fallen können, wenn auch nur auf kurze Zeit. Malt es Euch nur aus, welche Schändung der Kirche, welche Bedrückung des christlichen Volkes das zur Folge haben würde.«
»Sprich nur nicht von dem Kosakenpöbel, diesen Schurken! Gegen die eigene Mutter haben sie ihre Hände erhoben. Mag sie das treffen, was sie gewollt haben. Das wichtigste ist, daß Kamieniez sich hält. Wie denkst du, Michael, wird es sich halten?«
»Ich denke, der General von Podolien hat es nicht genügend gerüstet, und die Bürger, die sich durch ihre Lage sicher fühlen, haben auch ihre Pflicht nicht getan. Ketling hat mir erzählt, daß dort gut ausgerüstete Regimenter des Bischofs Trebizki hingekommen seien. Beim Himmel! Haben wir uns doch bei Sbarasch hinter einem elenden Wall gegen eine gleiche Übermacht gehalten, warum sollten wir uns jetzt nicht halten in diesem Adlerhorst?«