19. Kapitel.

Als der Boden trocken war, und die Gräser emporschossen, rückte der Khan in eigener Person mit fünfzigtausend Mann von der krimschen und der astrachanischen Horde dem Dorosch und den aufständischen Kosaken zu Hilfe. Der Khan selbst, die ihm verwandten Sultane und alle hervorragenden Mirzen und Beys trugen Kaftane, die ihnen der Padischah zum Geschenk gemacht hatte. Sie zogen nicht wie vorzeiten um Beute und Gefangene gegen die Republik aus, sondern in einen heiligen Krieg zur »Vernichtung«, zur Ausrottung des ganzen Lechistan[N], der ganzen Christenheit.

Ein zweites, größeres Gewitter zog sich bei Adrianopel zusammen, und gegen die ganze Flut bot nur der eine Fels von Kamieniez Schutz; sonst lag die Republik wie eine offene Steppe da, ja wie ein kranker Mann, unfähig, nicht nur sich zu verteidigen, sondern auch fest auf den Füßen zu stehen. Sie war erschöpft durch die vorhergegangenen, wenn auch am Ende siegreichen Kriege mit Schweden, Preußen, den Moskowitern, den Kosaken und Ungarn, durch die Konföderationen und die Empörung Lubomirskis, und jetzt hatten sie zum Überfluß die inneren Zwistigkeiten entkräftet, die Unfähigheit des Königs, die Zwietracht der Mächtigen, die Verblendung des unvernünftigen Adels und der Schrecken des Bürgerkrieges. Vergeblich warnte der große Sobieski vor der drohenden Gefahr. Niemand wollte ernstlich an die Möglichkeit des Krieges glauben. Man vernachlässigte die Mittel zur Verteidigung, und so hatte der Schatz kein Geld, der Hetman kein Heer. Der Heeresmacht, welcher die Verbündung aller christlichen Nationen kaum hätte Trotz bieten können, vermochte der Hetman nur einige tausend Mann entgegenzustellen.

Im Osten dagegen, wo alles dem Willen des Padischahs untertan war, und die Völker wie ein Mann mit dem Schwert in der Faust bereit standen, geschah gerade das Gegenteil. In dem Augenblicke, da man das Banner des Propheten entfaltete, die Roßschweife an dem Tore des Serails und auf dem Turme des Seraskierats aufpflanzte, da die Ulemas anfingen, den heiligen Krieg zu predigen, erhob sich halb Asien und der ganze Norden Afrikas. Der Padischah selbst war zu Beginn des Frühlings auf den Ebenen von Kantschukar zur Stelle und musterte eine Macht, wie sie seit Jahrhunderten die Welt nicht gesehen hatte. Zehntausend Spahis und Janitscharen, die Blüte des türkischen Heeres, umgaben zunächst seine geheiligte Person; dann zog man Heere aus den entferntesten Ländern und Besitzungen herbei. Die europäischen waren zuerst erschienen, dann kamen die berittenen Heeresmassen der bosnischen Beys; ihre Farbe glich dem Morgenrot, ihre Kriegslust dem Blitz. Dann zogen die wilden albanesischen Krieger heran, die zu Fuß mit den Handscharen kämpften, ein Volk, das an den Ufern der Donau und hinter ihr, von jenseits des Balkan bis hinunter zu den griechischen Bergen, wohnte. Jeder Pascha führte ein ganzes Heer, das allein imstande war, die wehrlose Republik zu überfluten. Walachen und Moldauer, die Tataren der Dobrudscha und Bialogrods in mächtiger Zahl, etliche tausend Lipker und Tscheremissen waren zur Stelle, letztere geführt von dem furchtbaren Asya, dem Sohn des Tuhaj-Bey, dem besten Führer in den unglückseligen Landstrichen, die sie so gut kannten.

Dann kam das ganze Aufgebot aus Asien herbeigeströmt; die Paschas von Siwas, Brussa, Aleppo, Damaskus, Bagdad brachten außer dem regelmäßigen Heere bewaffnete Massen der wilden Bevölkerung mit, welche die zederbewachsenen Berge Kleinasiens bewohnte, mit Einschluß der dunkelfarbigen Völker der Euphrat- und Tigrisländer. Auf den Ruf des Kalifen waren auch die Araber herbeigeeilt, deren Burnusse die kantschukarischen Gefilde wie mit Schnee bedeckt erscheinen ließen. Unter ihnen befanden sich Nomaden der sandigen Wüste und Städtebewohner von Medina bis Mekka. Auch die Lehnsmacht Ägyptens war nicht daheim geblieben; die in dem volkreichen Kairo wohnten, die allabendlich die rot übergossenen Pyramiden anschauten und in den Ruinen von Theben umherirrten, die in den nebeligen Ländern hausten, wo der heilige Nil seine Quellen hat, und denen die Sonne das Antlitz schwarz wie Ruß gebrannt — sie alle pflügten jetzt mit der Waffe die Scholle von Adrianopel und beteten allabendlich um den Sieg des Islam, um die Vernichtung des Landes, das seit Jahrhunderten allein den Rest der Welt vor den Bekennern des Propheten schützte.

Tausende Bewaffneter folgten, Hunderttausende von Pferden wieherten auf der Flur; Hunderttausende von Büffeln, Schafen, Kamelen weideten neben den Herden der Rosse. Man hätte glauben können, ein Engel habe auf Befehl des Herrn die Völker aus Asien vertrieben, wie einst Adam aus dem Paradiese, und habe sie veranlaßt, dorthin zu ziehen, wo die Sonne blasser herniederscheint, und die Steppe sich im Winter mit Schnee bedeckt. So zogen sie dahin mit ihren Herden, eine unabsehbare Schar weißer, brauner, schwarzer Krieger. Wieviel Zungen schwirrten da durcheinander, wieviel Trachten erglänzten in der Frühlingssonne! Die Völker staunten sich gegenseitig an; fremd waren sie untereinander an Sitten, verschieden ihre Waffen, ihre Kriegsführung, nur der Glaube verband diese wandernden Geschlechter. Wenn die Mu'ezzins sie zum Gebet aufriefen, wandten sich diese hundertzüngigen Heerscharen mit dem Antlitz gen Osten und riefen wie aus einem Munde Allah an.

Die Dienerschaft am Hofe des Sultans allein war zahlreicher als die bewaffnete Macht der Republik. Dem Heere der ausgerüsteten Freiwilligen folgten Scharen von Krämern, die jegliche Ware feilboten; ihre Wagen nahmen mit denen des Heeres den Weg zu Wasser.

Zwei Paschas an der Spitze hatten nichts anderes zu tun, als die Heeresmasse mit Speise zu versorgen, und es war an allem Überfluß. Der Sandschak von Sangritanien führte die Aufsicht über die Pulvervorräte; zweihundert Kanonen geleiteten das Heer, zehn davon waren Sturmgeschosse, so groß, wie sie kein König in der Christenheit besaß. Die Begler-Beys von Asien standen am rechten, die von Europa am linken Flügel. Die Zelte nahmen einen so großen Raum ein, daß Adrianopel dagegen als eine kleine Stadt erschien; die des Sultans, die von Purpur und Seidenschnüren, von Atlas und Goldstickereien glänzten, bildeten gleichsam eine besondere Stadt. Zwischen ihnen wogten die bewaffneten Wachen, die schwarzen Eunuchen aus Abessinien in ihren gelben und blauen Kaftanen, die riesengroßen Hamals vom Kurdischen Stamme, die als Lastträger mitgingen, die jungen Burschen aus dem Geschlecht der Usbeks mit ihren über die Maßen schönen Gesichtern, die sie mit Seidenfransen schützten, und eine Menge anderer Dienerschaft, in bunte Farben gekleidet, wie die Blumen der Steppe, für den Marstall, für den Dienst der Tafel, zum Tragen der Lampen und zu wichtigeren Dienstleistungen für die Umgebung des Sultans.