Auf dem geräumigen Maidan rings um den Hof des Sultans, der in seinem Prunk und Glanz die Gläubigen an das Paradies erinnerte, lagen, nicht gleich prachtstrotzend, aber doch königlichen gleichend, die Höfe des Veziers, der Ulemas und des Paschas von Anatolien, des jungen Kaimakams Kara-Mustapha, auf welchen die Augen des Sultans und aller im ganzen Lager schauten, wie auf die zukünftige »Sonne des Krieges«. Vor den Zelten des Padischah sah man die glänzenden Wachen des »polachischen« Fußvolks in so hohe Turbane gekleidet, daß ihre Träger wie Riesen erschienen. Sie waren mit Wurfspießen bewaffnet, die auf langen Kolben saßen, und mit kurzen, krummen Schwertern; ihre linnenen Schutzzelte stießen an die Zelte des Sultans. Dann kam das Lager der furchtbaren Janitscharen, die, mit Musketen und Speeren bewaffnet, der Kern der türkischen Macht waren. Weder der Kaiser von Deutschland noch der König von Frankreich konnte sich eines Fußvolkes rühmen, das an Zahl und Kriegstüchtigkeit diesem glich. Im Kriege konnte das im allgemeinen weichere Volk des Sultans sich nicht mit dem regulären Heere der Republik messen, oft erdrückte es nur durch seine ungeheure Übermacht, und gewann so den Sieg. Aber die Janitscharen wagten auch der geschulten Fahne der Reiterei die Stirn zu bieten. Sie erweckten Furcht in der ganzen christlichen Welt, ja in Stambul selber; oft zitterte selbst der Sultan vor diesen Prätorianern, und der oberste Aga dieser »Widder« war einer der einflußreichsten Würdenträger im Divan.

Den Janitscharen folgten die Spahis, die regulären Truppen der Paschas; dann kam die große Masse des Pöbels. Dieses ganze Lager stand schon seit Monden bei Konstantinopel und harrte nur, bis sich ihre Macht aus den fernsten Ländern der türkischen Herrschaft ergänzte, bis die Frühlingssonne die Feuchtigkeit aus dem Boden gesogen und den Weg nach Lechistan öffnete.

Und die Sonne, als ob auch sie dem Willen des Sultans untergeben sei, leuchtete in hellen Farben. Vom Beginn des April bis zum Mai feuchteten nur wenige Male warme Regen die Auen von Kantschukar, sonst spannte sich das blaue Himmelsgewölbe wolkenlos über dem Zelte des Sultans; der Glanz des Tagesgestirns spielte auf dem weißen Linnen, auf den hochgetürmten Kopfbunden, den vielfarbigen Kepi's, den glänzenden Helmen, den Fahnen und Speeren und übergoß alles — das Lager, die Zelte, die Menschen und die Herden — mit einem Meer von leuchtendem Glanz. Abends schimmerte am wolkenlosen Himmel die Sichel des Mondes und nahm die Tausende, die unter seinem Zeichen auszogen, immer neue Lande zu erobern, in ihren stillen Schutz; dann stieg er immer höher und erblaßte bei dem Widerschein der Lagerfeuer. Wenn diese über die ganze unermeßliche Fläche hin erglänzten, wenn die Araber aus Damaskus und Aleppo, die man gewöhnlich die Massala-Dschilaren nannte, die grünen, roten, gelben, blauen Lampen an den Zelten des Sultans und der Veziere anzündeten, dann war's, als sei ein Stück des Himmels auf die Erde herabgefallen, und als glänzten und schimmerten Sterne auf den Auen. Musterhafte Ordnung und Manneszucht herrschte unter diesen Scharen. Die Paschas beugten sich wie das Rohr vor dem Willen des Sultans, und vor ihnen beugte sich das Heer. Es fehlte nicht an Speise und Trank für Menschen und Vieh, alles war in reichstem Maße vorhanden, alles zur rechten Zeit. In musterhafter Ordnung kamen und gingen die Stunden der Kriegsübungen, die Stunden der Stärkung und des Gebets. In dem Augenblick, da die Mu'ezzins auf den in Eile erbauten hölzernen Türmchen zum Gebet aufriefen, wandte sich das ganze Heer mit dem Antlitz gen Osten; jeder breitete vor sich ein Fell oder einen Fußteppich aus, und das ganze Heer sank wie ein Mann in die Kniee. Bei dem Anblick solcher Ordnung und Zucht wuchs der Menge der Mut, die Herzen erfüllte Siegeszuversicht. Der Sultan kam gegen das Ende des April ins Lager, brach aber nicht sogleich auf; er wartete über einen Monat, bis die Wasser getrocknet waren. Indessen übte er das Heer, gewöhnte es an das Lagerleben, führte seine Regierungsgeschäfte, empfing Abgesandte und hielt Gericht unter dem purpurnen Baldachin. Kasseka, seine erste Gemahlin, schön wie ein Traum, begleitete ihn, und mit ihr zog ein Hof, der dem Paradies anzugehören schien.

Ein goldener Wagen trug die Herrin unter einem purpurnen Zelt; diesem folgten andere Wagen, weiße syrische Kamele, die auf Purpurdecken kostbare Schreine trugen. Huris und Bajaderen sangen ihre Lieder, wenn sie fuhr. Die süßen Töne leiser Instrumente erklangen, sobald sie, müde vom Wege, ihre seidenen Wimpern schloß, und wiegten sie in Schlaf. Während der Hitze des Tages wehten Fächer aus Straußen- und Pfauenfedern vor ihrem Antlitz, die kostbarsten Düfte des Orients dampften in indischen Schalen vor ihren Zelten. Alle Schätze, Wunder und Reichtümer waren in ihrem Geleit, die der Osten hervorbringen und die Macht des Sultans herbeischaffen konnte. Die Huris, die Bajaderen, die schwarzen Eunuchen, die bediensteten engelgleichen Knaben, die syrischen Kamele, die Pferde aus den arabischen Wüsten, kurz, die ganze Umgebung glänzte; kostbare Linnen, Gold und Silber funkelten in allen Regenbogenfarben von Diamanten, Rubinen, Smaragden und Saphiren. Die Völker sanken in die Kniee vor ihr und wagten nicht, ihr ins Gesicht zu schauen, wozu nur der Pascha das Recht hatte — und ihre ganze Umgebung erschien wie ein überirdisches Gesicht oder wie eine Wirklichkeit, die Allah selbst aus der Welt der Träume auf die Erde gezaubert hatte.

Die Sonne schien immer heißer, und endlich kamen die schwülen Tage. Da, eines Abends, wurde die Fahne auf den hohen Mast vor dem Zelte des Sultans aufgezogen, und ein Kanonenschuß verkündete den Heeren und Völkern, daß der Aufbruch nach Lechistan beginne. Die große, heilige Trommel erklang, alle anderen wiederholten ihre Zeichen, die Pfeifen ließen ihre gellenden Töne erschallen. Die frommen, halbnackten Derwische brüllten, und der Zug setzte sich in Bewegung. Es war Nacht, man mußte die Hitze des Tages vermeiden. Das Heer selbst brach einige Stunden nach der ersten Verkündigung auf; erst kamen die Wagenburg, die beiden Paschas, welche die Ernährung des Heeres beaufsichtigten, ganze Legionen von Handwerkern, welche die Zelte aufzustellen und abzubrechen hatten, die Lasttiere und das zum Schlachten bestimmte Vieh. Der Zug sollte in dieser und in der folgenden Nacht sechs Stunden dauern und in der Weise vor sich gehen, daß das Heer, sobald es Halt machte, immer Stärkungsmittel und gesicherte Ruhe vorfand.

Als endlich die Zeit des Aufbruchs für das Heer gekommen war, ritt der Sultan eine Anhöhe hinan, um seine ganze Macht zu überschauen und sich an ihrem Anblick zu erfreuen. Mit ihm war der Vezier, die Ulemas und der junge Kaimakam Kara-Mustapha, »die aufgehende Sonne des Krieges« und die Leibwache vom polachischen Fußvolk. Die Nacht war schön und hell, der Mond schien glänzend — und der Sultan hätte mit einem Blicke seine Heerscharen überschauen können, wenn überhaupt ein menschliches Auge vermocht hätte, sie alle auf einmal zu erfassen, die in einem langen Zuge, wenn auch dicht aufeinander folgend, einige Meilen einnahmen.

Sein Herz schwoll vor Freude, er schob die duftenden Sandelholzperlen der Gebetschnur und erhob die Augen dankbar zu Allah, der ihn zum Herrn so vieler Heere, so vieler Völker gemacht hatte. Plötzlich, als die Wagenburg schon ganz in der Ferne entschwunden war, unterbrach er sein Gebet und wandte sich an den jungen Kaimakam, den schwarzen Mustapha, und fragte:

»Wer ist es doch, der an der Spitze der Vorhut geht?«

»Glanz des Paradieses,« antwortete Kara-Mustapha, »in der Vorhut gehen Lipker und Tscheremissen, und der sie führt, ist dein Liebling Asya, der Sohn des Tuhaj-Bey.«