Asya, Tuhaj-Beys Sohn, war nach langem Stillstand auf dem Felde von Kantschukar wirklich mit den Lipkern, an der Spitze des Zuges aller türkischen Heere, gegen die Grenzen der Republik ausgerückt.
Nach dem schweren Schlag, den er und seine Pläne von Bärbchens kühner Hand erhalten hatten, schien ihm wieder ein günstiger Stern zu leuchten. Zunächst genas er. Seine Schönheit war zwar für immer vernichtet: das eine Auge war ihm gänzlich ausgeflossen, die Nase zerschlagen, und sein Haupt, einst dem Kopfe eines Falken ähnlich, war widerwärtig und entsetzlich geworden; aber gerade der Schrecken, den es den Menschen einflößte, verschaffte ihm noch größere Achtung unter den wilden Tataren der Dobrudscha. Seine Ankunft ward bald im ganzen Lager bekannt, und seine Taten wuchsen in dem Munde der Krieger riesenhaft an. Es hieß, er habe alle Lipker und Tscheremissen in den Dienst des Sultans gebracht, er habe die Lechen hintergangen, wie sie noch nie jemand hinterging, er habe alle Städte an der Dniestr-Heerstraße in Brand gesteckt, ihre Besatzungen niedergehauen und unerhörte Beute fortgeschleppt.
Diejenigen, die erst nach Lechistan gehen sollten, diejenigen, die aus dem fernsten Winkel des Orients gekommen und nie lechische Waffen erprobt hatten, die, deren Herzen unruhig pochten bei dem Gedanken, daß sie bald Aug' in Auge der furchtbaren Reiterei der Ungläubigen gegenüberstehen würden, sahen in dem jungen Asya einen Krieger, der den Lechen schon die Stirn geboten hatte, der sie nicht fürchtete, ja, der sie besiegt und so den glücklichen Beginn des Krieges bezeichnet hatte. Der Anblick des »Recken« erfüllte aller Herzen mit Mut, da aber Asya der Sohn des furchtbaren Tuhaj-Bey war, dessen Name im ganzen Osten bekannt, so richteten sich aller Augen um so mehr auf ihn.
Lechen haben ihn erzogen, hieß es, aber er ist der Sohn eines Löwen, er hat sie gebissen und ist in den Dienst des Padischahs zurückgekehrt.
Der Vezier selbst war begierig, ihn zu sehen, »und die aufgehende Sonne des Krieges«, der junge Kaimakam Kara-Mustapha, der für Kriegsruhm und wilde Krieger schwärmte, gewann ihn lieb. Beide fragten ihn lebhaft aus über die Republik, über den Hetman, über die Heere, über Kamieniez und freuten sich über seine Antwort, aus der sie sahen, daß der Krieg leicht sein werde, daß dem Sultan der Sieg, den Lechen die Niederlage zufallen müsse, und daß er ihnen beiden den Zunamen Ghazi, d. h. Eroberer, eintragen werde. So hatte Asya denn späterhin oft Gelegenheit, vor dem Vezier sein Knie zu beugen, an der Schwelle des Zelts des Kaimakam zu sitzen und von beiden reichliche Geschenke an Kamelen, Pferden und Waffen zu empfangen.
Der Großvezier schenkte ihm einen Kaftan aus silberfarbigen Lamafellen, dessen Besitz ihn in den Augen aller Lipker und Tscheremissen hoch erhob. Krytschynski, Adurowitsch, Morawski, Grocholski, Tworkowski, Alexandrowitsch, kurz, alle Hauptleute, die einst in der Republik gelebt und ihr gedient hatten und jetzt zum Sultan zurückgekehrt waren, stellten sich ohne Widerspruch unter Tuhaj-Beys Kommando, indem sie gleichzeitig in ihm die fürstliche Abstammung und den Krieger ehrten, der den Kaftan empfangen hatte. Er ward also ein bedeutender Mirza, und über zweitausend Krieger, weitaus tüchtiger als die Tataren sonst, gehorchten seinem Winke. Der herannahende Krieg, in dem es dem jungen Mirza leichter als irgend einem anderen war, sich auszuzeichnen, konnte ihn hoch emporbringen, er konnte Würde, Ruhm und Macht erwerben.
Und doch trug Asya Gift im Busen. Zunächst kränkte seinen Stolz, daß die Tataren den Türken, besonders den Janitscharen und Spahis gegenüber, nicht viel mehr bedeuteten, als die Jagdhunde neben den Jägern. Er selbst hatte große Bedeutung, aber die Tataren im allgemeinen betrachtete man als niedrigen Troß. Der Türke brauchte sie, fürchtete sie bisweilen, aber im Lager verachtete er sie. Als Asya das bemerkte, schloß er seine Lipker von der großen Masse der Tataren aus wie einen besonderen, besseren Teil des Heeres; doch dadurch erzürnte er die anderen Massen der Dobrudscha und Bialogrods und vermochte doch nicht den verschiedenen türkischen Offizieren die Überzeugung einzuflößen, daß die Lipker wirklich etwas Besseres seien als die Männer der Horde. Andererseits konnte er, der in christlichen Landen erzogen war, unter Adel und Rittertum, sich an die Sitten des Orients nicht gewöhnen. In der Republik war er nur ein gewöhnlicher Offizier und nicht gerade vornehmen Ranges gewesen, und doch brauchte er, wenn er mit den Vorgesetzten, mit dem Hetman selbst zusammentraf, sich nicht so zu erniedrigen wie hier, wo er ein Mirza und der Führer aller Lipker war. Hier vor dem Vezier mußte man auf das Gesicht fallen, in dem befreundeten Zelte des Kaimakam das Knie beugen, vor den Paschas, den Ulemas und dem obersten Aga der Janitscharen zur Erde sinken. Asya war dessen ungewohnt, er konnte nicht vergessen, daß er der Sohn eines Kriegshelden war, sein Busen war voll wilden Stolzes, der so hoch strebte, wie der Flug des Adlers, und das verursachte ihm tiefen Schmerz.
Am meisten aber wütete in seinem Busen die Erinnerung an Bärbchen. Nicht, daß eine schwache Hand ihn vom Pferde geworfen, ihn, der bei Brazlaw, bei Kalnik und in hundert anderen Schlachten die gefürchtetsten saporogischen Kämpfer herausgefordert und zu Leichen gemacht hatte, nicht die Schande war es, die an ihm nagte — was kümmerte ihn Schande! Aber er liebte dieses Weib grenzenlos, wahnsinnig. Er wollte sie in seinem Zelte haben, sie anschauen, schlagen, küssen dürfen. Hätte man ihm die Wahl gestellt, Padischah zu werden und die halbe Welt zu regieren, oder sie in seine Arme zu schließen, ihr warmes Blut an seinem Herzen zu fühlen, ihren Atem einzusaugen, seine Lippen auf die ihren zu drücken — er hätte sie Stambul, dem Bosporus und dem Titel des Kalifen vorgezogen. Sie begehrte er, weil er sie liebte, sie begehrte er, weil er sie haßte, je ferner sie ihm war, je reiner, treuer, unantastbarer sie sich erwies, desto heftiger begehrte er sie. Manchmal, wenn er im Zelte saß und sich zurückerinnerte, daß er einmal im Leben nach der Schlacht gegen Asba-Bey ihre Augen geküßt, daß er bei Raschkow ihre Brust an die seine gedrückt hatte, da erfaßte ihn eine wahnsinnige Begier. Er wußte nicht, was mit ihr geschehen war, und ob sie unterwegs umgekommen sei; manchmal empfand er es wie eine Linderung seiner Schmerzen, daß sie gestorben sein könne, dann wieder erfaßte ihn ein unermeßliches Leid. Es gab Augenblicke, wo er dachte, es wäre besser gewesen, sie nicht zu rauben, Raschkow nicht in Flammen zu setzen, nicht hierherzukommen, sondern als Lipker in Chreptiow zu bleiben — nur um sie anschauen zu dürfen.
Dafür war aber die unglückliche Sophie Boska bei ihm im Zelte. Ihr Leben ging in Sklavendiensten dahin, in Schmach, in beständiger Angst, denn in Asyas Herzen war auch nicht ein Fünkchen Mitleid mit ihr. Er peinigte sie, bloß weil sie nicht Bärbchen war. Ihr war die Süßigkeit und der Zauber einer Feldblume eigen, sie besaß Jugend und Schönheit, und darum sättigte er sich an ihrer Schönheit; aber oft stieß er sie ohne Grund mit den Füßen oder geißelte mit dem Ziemer ihren weißen Körper. In einer ärgeren Hölle hätte sie nicht leben können, denn sie lebte ohne Hoffnung. Ihr Leben war in Raschkow wie der Frühling erblüht, in der Liebe zu dem jungen Nowowiejski. Sie liebte ihn mit ganzer Seele, sie liebte die edle, ritterliche und zugleich biedere Natur, und hier war sie das Gespött und die Sklavin dieses blinden Ungeheuers. Zitternd wie ein geschlagener Hund mußte sie sich zu seinen Füßen krümmen, seine Blicke verfolgen, seine Hände beobachten, ob sie nicht nach der Geißel faßten, und ihren Atem, ihre Tränen zurückhalten.