Sie wußte wohl, daß es für sie kein Mitleid gebe und geben werde. Denn wenn sie auch ein Wunder diesen entsetzlichen Händen entrissen hätte, so war sie nicht mehr die frühere Sophie, weiß wie der erste Schnee und fähig, durch ihre Reinheit und Unberührtheit für Liebe zu entgelten. All das war unwiederbringlich verloren, und weil sie an dieser entsetzlichen Schmach, in der sie jetzt lebte, nicht die geringste Schuld trug, weil sie im Gegenteil bis dahin immer ein Mädchen, makellos wie ein Lämmchen, sanft wie eine Taube, vertrauensvoll wie ein Kind, schlicht und liebevoll gewesen war, begriff sie nicht, warum ihr dieses entsetzliche Unrecht geschehen, das nie wieder gut gemacht werden konnte, warum über ihr so unerbittlich der Zorn Gottes walte; dieser Seelenkampf vergrößerte ihren Schmerz, ihre Verzweiflung. So flossen ihr die Tage, die Wochen, die Monate dahin. Asya war im Winter auf das Feld von Kantschukar gekommen, und der Ausmarsch gegen die Republik begann erst im Juni; all' die Zeit war Sophie in Schmach, in Qual und Arbeit hingegangen, da Asya sie trotz ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit, trotzdem er sie in seinem Zelte hielt, nicht liebte; ja, da er sie haßte, lediglich darum, weil sie nicht Bärbchen war, und sie wie eine gewöhnliche Sklavin betrachtete, mußte sie auch arbeiten wie eine Sklavin. Sie tränkte seine Pferde und Kamele am Flusse, sie brachte das Wasser herbei zu den Waschungen, sie holte Holz zur Feuerung, sie breitete die Felle für die Nacht aus, sie kochte das Essen. In anderen Abteilungen des türkischen Heeres traten die Frauen nicht aus den Zelten heraus aus Angst vor den Janitscharen oder aus Gewohnheit, aber das Lager der Lipker lag abseits, und die Sitte, die Frauen zu verbergen war unter ihnen nicht verbreitet; sie hatten, da sie einst in der Republik gewohnt, andere Sitten, und die Sklavinnen der gemeinen Soldaten, soweit diese Gefangene besaßen, bedeckten nicht einmal ihr Gesicht mit Jaschmaks.[O] Den Frauen war es zwar nicht erlaubt, sich aus den Grenzen des Lipkischen Maidans zu entfernen, denn jenseit dieser Grenzen hätte man sie sicherlich geraubt; aber im Maidan selbst konnten sie überallhin gefahrlos gehen und den wirtschaftlichen Arbeiten des Lagers obliegen.
Trotz der schweren Arbeit war es Sophie sogar ein gewisser Trost, Holz zu holen oder an den Fluß zu gehen, um die Pferde und Kamele zu tränken, denn im Zelt fürchtete sie sich zuweilen, und auf dem Wege konnte sie ihren Tränen ungestraft freien Lauf lassen. Einst, da sie mit der Holztrage hinausging, begegnete sie der Mutter, die Asya dem Halim geschenkt hatte. Sie fielen sich in die Arme, und man mußte sie mit Gewalt auseinanderreißen. Obgleich Asya Sophie nachher geißelte, obgleich er sich nicht scheute, mit dem Ziemer ihren Kopf zu schlagen, war ihr diese Begegnung doch ein Labsal. Ein andermal, da sie Asyas Tücher und Fußlappen an der Furt wusch, bemerkte Sophie in der Ferne Evchen, die mit Wassereimern herkam. Evchen stöhnte unter der Last der Eimer. Ihre Gestalt war schon sehr verändert, schwerfällig geworden, aber ihre Züge erinnerten Sophie, obwohl sie mit dem Jaschmak verhüllt waren, an Adam — und ihr Herz erfaßte ein solcher Schmerz, daß sie auf einen Augenblick die Besinnung verlor. Sie sprachen vor Angst kein Wort miteinander.
Diese Angst ertötete allmählich alle Empfindungen Sophiens, bis sie endlich als die einzige zurückblieb an Stelle der früheren Wünsche, Hoffnungen und Erinnerungen. Nicht geschlagen zu werden — das war's allein, wonach sie strebte. Bärbchen hätte an ihrer Stelle Asya mit seinem eigenen Dolche am ersten besten Tage getötet, ohne Rücksicht auf das, was nachher hätte geschehen können. Aber die furchtsame Sophie, die noch ein halbes Kind war, hatte nicht Bärbchens Blut, und so kam es endlich dahin, daß sie es für eine Gnade ansah, wenn der entsetzliche Asya, von augenblicklicher Begierde hingerissen, sein häßliches Gesicht an ihre Lippen legte. Wenn sie im Zelte saß, wandte sie kein Auge von ihrem Herrn und suchte zu erkennen, ob er zornig oder nicht zornig war, folgte jeder seiner Bewegungen, um seine Wünsche zu erraten.
Wenn sie dieselben falsch erriet, wenn, wie dereinst dem alten Tuhaj-Bey, die Hauer unter seinem Schnurrbart aufblitzten, dann krümmte sie sich fast bewußtlos vor Schrecken zu seinen Füßen, drückte ihre blassen Lippen an seine Stiefel, umfaßte krampfhaft seine Knie und schrie wie ein gemartertes Kind: Schlage mich nicht, Asya, vergib, schlage mich nicht! — Er vergab ihr fast nie; er peinigte sie nicht bloß, weil sie nicht Bärbchen war, — war sie doch einst die Verlobte Nowowiejskis gewesen! Asya hatte ein unerschrockenes Herz; aber so furchtbar war die Abrechnung zwischen ihm und Nowowiejski, daß den jungen Lipker bei dem Gedanken an diesen Riesen mit der Rache im Herzen eine gewisse Unruhe erfaßte. Der Krieg stand bevor, sie konnten sich begegnen, ja, es war wahrscheinlich, daß sie aufeinanderstießen. Asya vermochte nicht, sich von diesen Gedanken zu befreien, und da dieselben ihm sehr oft kamen, wenn er Sophie sah, so nahm er an ihr Rache dafür, als wollte er die eigene Unruhe durch die Streiche vertreiben, mit welchen er sie peinigte.
Endlich war der Augenblick gekommen, da der Sultan den Befehl zum Aufbruch gab. Die Lipker und mit ihnen der ganze Troß der Tataren der Dobrudscha und Nowogrods sollten den Vortrab bilden; so war es zwischen dem Sultan, dem Vezier und dem Kaimakam abgemacht. Aber zu Anfang, besonders bis zum Balkan, gingen sie alle zusammen. Der Marsch war nicht lästig, denn wegen der beginnenden Hitze marschierten sie nur in der Nacht sechs Stunden lang und machten dann Halt. Pechtonnen erhellten ihren Weg, und die Massaldschiralen leuchteten dem Sultan mit ihren bunten Fackeln. Das Menschenmeer ergoß sich über die endlosen Ebenen, füllte, den Heuschrecken gleich, die tiefen Täler und bedeckte die Höhen der Berge. Dem bewaffneten Volk zogen die Wagenburgen mit dem Harem nach; ihnen folgten zahllose Herden. Aber in den Brüchen vor dem Balkan war der goldige und purpurne Wagen Kassekas so tief eingesunken, daß zwanzig Büffel ihn nicht aus dem Sumpfe ziehen konnten. »Ein böses Vorzeichen, Herr, für dich und dein ganzes Heer,« sagte der höchste Mufti zum Sultan. — Ein böses Vorzeichen! wiederholten im Lager die halb wahnsinnigen Derwische. Und der Sultan erschrak und beschloß, alle Frauen, auch die wunderschöne Kasseka, aus dem Lager zu entfernen.
Der Befehl wurde dem Heere verkündet. Diejenigen der Soldaten, die nicht wußten, wo sie ihre Sklavinnen hinschicken sollten, und die aus Liebe sie nicht der Wollust preisgeben mochten, zogen es vor, sie zu töten; andere wurden zu Tausenden von den Bazaren der Karawanserai aufgekauft und später auf den Märkten Stambuls und in den Städten des nahen Asiens verhandelt. Drei Tage dauerte der große Jahrmarkt. Asya stellte ohne Zögern Sophie zum Verkauf. Sofort erstand sie für gutes Geld ein reicher, alter Südfruchthändler aus Stambul für seinen Sohn. Es war ein guter Mensch, denn als Sophie weinte und ihn darum beschwor, kaufte er auch von Halim, freilich für einen sehr geringen Preis, ihre Mutter. Am folgenden Tage wanderten sie beide den Weg nach Stambul mit einer großen Zahl anderer Frauen. In Stambul ward Sophies Los, ohne weniger schmachvoll zu sein, doch ein besseres. Der neue Besitzer hatte sie gern und erhob sie nach Verlauf einiger Monate zur Würde seiner Gemahlin. Ihre Mutter verließ sie nicht mehr.
Viele Menschen, unter ihnen auch viele Frauen, pflegten, oft sogar nach langer Sklaverei, in die Heimat zurückzukehren. Es soll auch jemand mit allen Mitteln, mit Hilfe von Armeniern, von griechischen Kaufleuten, von Boten der Republik, Sophie gesucht haben, aber ohne Erfolg. Später brachen die Nachforschungen nach ihr plötzlich ab, und Sophie sah ihre Heimat und ihre Angehörigen nie wieder.
Sie verblieb bis an ihr Lebensende im Harem.