20. Kapitel.

Noch ehe die Türken von Adrianopel ausgerückt waren, herrschte ein lebhaftes Treiben in allen Grenzwarten am Dniestr; besonders nach Chreptiow, das Kamieniez am nächsten lag, kamen häufig Berittene vom Hetman und brachten allerlei Befehle, die der kleine Ritter entweder selbst ausführte oder, wenn sie ihn nicht betrafen, durch zuverlässige Leute vermitteln ließ. Die Folge war, daß die Besatzung von Chreptiow sich stark verminderte; Motowidlo zog mit den Seinen bis nach Human, Hanenko zu Hilfe, der mit einer Handvoll Kosaken, die der Republik treu geblieben waren, Doroschenko und der mit ihm verbündeten krimschen Horde trotzte, so gut es ging. Muschalski, der unvergleichliche Bogenschütze, Snitko, Nienaschyniez und Hromyka führten die genossenschaftliche Fahne und die Linkhausenschen Dragoner nach Batoh unseligen Angedenkens, wo Luschezki stand, der in Gemeinschaft mit Hanenko Doroschenkos Bewegungen beobachten sollte. Bogusch erhielt den Befehl, so lange in Mohylow auszuhalten, bis er mit bloßem Auge die herannahenden Tatarenscharen erblicke; auch den berühmten Ruschtschyz suchten die Befehle des Hetmans auf, ihn, der nur von Michael Wolodyjowski im Scharmützel übertroffen wurde. Aber Ruschtschyz war an der Spitze von hundert Mann in die Steppe gezogen und spurlos verschwunden. Erst später hörte man von ihm; es verbreiteten sich seltsame Gerüchte, daß um Doroschs Wagenburg und die Horde ein böser Geist kreise, der täglich einzelne Krieger und kleinere Banden wegraffe. Man vermutete, es sei Ruschtschyz, der den Feind überliste, denn kein anderer, mit Ausnahme des kleinen Ritters, hätte ihn so zu hintergehen vermocht. Wirklich war es auch so.

Herr Michael sollte, wie schon früher bestimmt war, nach Kamieniez gehen, denn dort brauchte ihn der Hetman, der wohl wußte, er gehöre zu denjenigen Kriegern, deren Anblick Mut in die Herzen goß und die Begeisterung der Einwohner wie der Besatzung mit sich riß. Der Hetman war überzeugt, daß Kamieniez sich nicht halten werde, aber es war ihm darum zu tun, es solange wie möglich zu verteidigen, so lange besonders, bis die Republik Kräfte zu seinem Entsatz gesammelt hatte. In dieser Überzeugung schickte er den berühmtesten Ritter der Republik und zugleich den beliebtesten Krieger in den sicheren Tod. In den Tod schickte er den bewährtesten Krieger, und es tat ihm nicht wehe. Der Hetman dachte immer so, wie er später in Wien sagte, daß die Kriegsgöttin wohl Männer gebären, der Krieg aber sie nur töten könne. Er selbst war bereit zu sterben und hielt die Todesbereitschaft für die einfachste Pflicht des Kriegers. Wenn er durch den Tod einen großen Dienst leisten kann, so ist dieser Tod eine Gunst und ein besonderer Lohn. Der Hetman wußte auch, daß der kleine Ritter ebenso denke wie er selber.

Zudem war es nicht an der Zeit, an die Schonung des einzelnen zu denken, da die Gefahr Kirchen, Städte, Länder, die ganze Republik bedrohte, und der Osten sich mit nie erlebter Machtentfaltung gegen Europa erhob, um die ganze Christenheit zu unterwerfen, die, gedeckt von der Brust der Republik, nicht daran dachte, ihr zu Hilfe zu eilen. Darum wollte der Hetman, daß erst Kamieniez die Republik schütze, und diese dann den Rest der Christenheit.

Das hätte auch geschehen können, wenn sie Kraft gehabt, wenn nicht die Mißwirtschaft sie zerfressen hätte. Der Hetman besaß nicht einmal genügende Streitkräfte zur Vorpostenaussendung, geschweige denn zu einem Kriege. Hatte er eine Anzahl Soldaten an einen Ort geworfen, so entstand alsbald an einem anderen eine Bresche, durch welche der Strom der Übermacht sich ohne Behinderung ergießen konnte. Die Wachen, welche der Sultan zur Nachtzeit in seinem Lager aufstellte, waren zahlreicher als die Fahnen des Hetmans; die Flut kam von zwei Seiten; vom Dniestr und von der Donau, und da Dorosch mit der ganzen krimschen Horde näher war, die schon das Land sengend und mordend überflutete, so zogen die Hauptfahnen gegen ihn; für die andere Richtung fehlte es an Mannschaften selbst zur Auskundschaftung.

In dieser schweren Bedrängnis schrieb der Hetman an Herrn Wolodyjowski folgende wenige Zeilen:

»Ich habe es schon hin und her erwogen, ob ich Dich nicht von Raschkow aus dem Feind entgegenschicken soll; aber ich fürchte, wenn die Horde in sieben Armeen sich vom Moldauischen Ufer her ergießt und das Land überströmt, so wird es Dir nicht gelingen, Dich nach Kamieniez durchzuschlagen, und dort bist Du durchaus nötig. Erst gestern fiel mir Nowowiejski ein; er ist ein erfahrener Soldat und ein entschlossener Mann, und da der Mensch in seiner Verzweiflung alles wagt, so hoffe ich, er wird mir gute Dienste leisten. Was Du an leichter Reiterei entbehren kannst, schicke ihm hin, er aber rücke soweit wie möglich vor, zeige sich überall, verbreite das Gerücht von unserem großen Heere, und wenn der Feind in Sicht ist, soll er ihm hier und da vorüberhuschen, ohne sich fassen zu lassen. Es ist bekannt, welchen Weg sie nehmen, wenn er aber etwas Neues bemerkt, soll er Dir sofort Mitteilung machen, und Du schickst die Nachricht unverzüglich zu mir und nach Kamieniez. Nowowiejski soll bald ausrücken, und auch Du halte Dich bereit, nach Kamieniez aufzubrechen; warte aber noch, bis von Nowowiejski die Mitteilungen von der Moldau kommen.«

Da Nowowiejski augenblicklich in Mohylow weilte, und da es hieß, er werde ohnehin nach Chreptiow kommen, ließ ihm der kleine Ritter nur melden, er solle seine Reise beschleunigen, da seiner in Chreptiow ein Auftrag von seiten des Hetmans harre.