Nowowiejskis Übergang über den Dniestr und der Zug seiner dreihundert Degen gegen die Macht des Sultans, die Hunderttausende von Kriegern zählte, waren Taten, die ein Mensch, der des Krieges unkundig ist, für Taten des Wahnsinns halten könnte. Und doch war es nur ein kühn unternommener Kriegszug, der zudem Aussicht auf Erfolg hatte. Denn es begegnete den Streifzüglern jener Zeit öfter, gegen hundertfach zahlreichere Scharen von Tataren zu kämpfen, ihnen die Stirn zu bieten, um dann zu fliehen, und den Verfolgern ein Blutbad zu bereiten, wie der Wolf oft die Hunde hinter sich herlockt, um sich im gegebenen Augenblick umzuwenden und den gefährlichsten Kläffer abzuschlachten. Das Wild ward im Augenblick zum Jäger; es floh, es verbarg sich, aber eben noch verfolgt, ward es selbst zum Verfolger, machte einen unvermuteten Überfall und biß mit tödlicher Wunde. Das war die sogenannte »Tatarenlist«; es kam darauf an, einander an Schlauheit und Verwegenheit zu übertreffen. Den größten Ruhm in solcher Tatarenlist hatte Herr Wolodyjowski erworben, dann Ruschtschyz, Piwo und Motowidlo; aber auch Nowowiejski, der von Jugend auf in der Steppe lebte, gehörte zu denen, die man unter den Berühmtesten nannte. So war es auch höchst wahrscheinlich, daß er der Horde die Spitze bieten und sich nicht werde umzingeln lassen.
Sein Zug hatte auch darum Aussicht auf Erfolg, weil jenseits des Dniestr wüste Länder sich hinzogen, in denen man leicht ein Versteck fand. Hier und da nur erhoben sich an den Flußufern menschliche Ansiedelungen; im allgemeinen aber war das Land wenig bewohnt, in der Nähe der Ufer felsig und hügelig, weiterhin steppenreich und von Wäldern bedeckt, in denen sich zahlreiche Herden von Wild aufhielten, von dem wilden Büffel bis zu Hirschen, Rehen und wilden Schweinen. Da der Sultan vor dem großen Heereszug »seine Kräfte messen wollte«, zogen auch die an der Dniestr-Niederung lebenden Horden von Bialogrod und die noch weiter wohnenden der Dobrudscha auf Befehl des Padischahs weit über den Balkan hin; ihnen folgten die Kalaraschen der Moldau, so daß das Land noch öder ward, und daß man ganze Wochen wandern konnte, ohne von einem Menschen erblickt zu werden.
Nowowiejski kannte indessen zu gut die Gebräuche der Tataren, um nicht zu wissen, daß, wenn ihre Scharen einmal die Grenze der Republik überschritten hatten, sie vorsichtig eindringen und sorgsam nach allen Seiten Ausschau halten würden. Hier aber, in ihrem eigenen Bereiche, pflegten sie in breiten Gliedern zu marschieren, ohne jegliche Vorsicht. Dem Tode zu begegnen, wäre den Tataren wahrscheinlicher gewesen, als mitten in Bessarabien, an der äußersten Grenze der tatarischen Lande auf Heere derselben Republik zu stoßen, die Mangel an Kriegern zur Verteidigung der eigenen Grenzen litt.
Nowowiejski hoffte daher, daß sein Streifzug zunächst den Feind in Erstaunen setzen und daher noch größeren Nutzen bringen werde, als der Hetman erwartete, dann, daß er für Asya und die Lipker verderblich sein könne. Der junge Hauptmann konnte leicht erraten, daß die Lipker und Tscheremissen, welche die Republik vortrefflich kannten, in der Vorhut gehen würden, und auf diese sichere Vermutung baute er seine Hoffnung. Den verhaßten Asya plötzlich zu überfallen und zu fassen, ihm vielleicht die Schwester und Sophie zu entreißen, sie aus der Sklaverei zu entführen, seine Rache zu nehmen und dann selbst im Kampfe unterzugehen — das war alles, was sein zerrissenes Herz begehrte.
Unter dem Eindruck dieser Gedanken und Hoffnungen ward Nowowiejski allmählich von seiner Starrheit befreit, er lebte wieder auf. Der Marsch durch die unbekannten Landstriche, die großen Mühsale, der frische Wind, der durch die Steppen strich, der Zauber der letzteren, und die Gefahren des kühnen Unternehmens kräftigten seine Gesundheit und gaben ihm die alte Stärke wieder. Der Streifzügler in ihm triumphierte über den gebrochenen Menschen. Bisher hatte nichts in ihm Raum als Erinnerung und Pein, — nun waren seine Gedanken den ganzen Tag darauf gerichtet, wie der Feind zu hintergehen und zu dezimieren sei.
Als sie den Dniestr durchschritten hatten, gingen sie seitwärts in der Richtung des Pruth hinab, den Tag häufig in Wäldern und Schilf verborgen, die Nacht in geheimnisvollen Eilmärschen. Das Land, das jetzt noch wenig bewohnt ist, und das zu jenen Zeiten hauptsächlich von Nomaden bevölkert wurde, war zum größten Teil wüst. Sehr selten stieß man auf Kukuruzfelder, an die sich Ansiedelungen anlehnten. Auf ihren geheimen Wegen bemühten sie sich, größere Ansiedelungen zu umgehen, doch kehrten sie auch kühn in kleinere ein, die aus einer, zwei, drei oder selbst einigen zehn Hütten bestanden, denn sie wußten, daß es keinem der Einwohner einfallen würde, ihnen vorauszueilen nach Budschiak, um die Tataren zu warnen. Luschnia achtete übrigens darauf, daß dies nicht geschehe; bald aber gab er auch diese Vorsicht auf, denn er überzeugte sich, daß die wenigen Ansiedler, die allerdings Untertanen des Sultans waren, selbst in Angst das Herannahen der türkischen Heere erwarteten, daß sie ferner gar keine Ahnung hatten, welcher Herkunft die Leute waren, die zu ihnen kamen, und die ganze Abteilung für Karalaschen hielten, die mit anderen auf Befehl des Sultans vorüberkamen.
Es wurden ihnen auch ohne Widerstand Kukuruzkuchen, gedörrtes Büffelfleisch und getrocknete Kornelkirschen gereicht. Jeder Ansiedler hatte sein Häuflein Schafe, Büffel und Pferde, die an den Flüssen versteckt gehalten wurden. Von Zeit zu Zeit stießen sie auch auf sehr zahlreiche Herden halbwilder Büffel, die von Hirten gehütet wurden. Letztere zogen in der Steppe umher und blieben am Orte in Zelten nur so lange, als Futter reichlich vorhanden war. Oft stießen sie auf alte Tataren. Nowowiejski umzingelte diese »Büffelhüter« mit solcher Vorsicht, als handelte es sich um Tatarenbanden. Den Umzingelten entzog er die Nahrung, damit sie nicht nach Budschiak das Gerücht von ihrem Anmarsch verbreiteten. Besonders gegen die Tataren war er erbarmungslos. Erst fragte er sie nach allen Wegen aus, oder richtiger nach den unwegsamsten Richtungen, dann ließ er sie ohne Mitleid niedermetzeln, damit auch nicht einer entkomme; sodann nahm er aus der Herde soviel Stück, als er brauchte, und setzte seinen Weg fort. Je weiter sie nach dem Süden vordrangen, um so häufiger begegneten sie zahlreichen Herden, die fast stets von Tataren gehütet waren. Im Laufe eines zweiwöchentlichen Marsches umzingelte Nowowiejski drei Hirtenbanden und rieb sie gänzlich auf. Die Dragoner nahmen ihnen ihre von Ungeziefer starrenden Schafpelze ab, reinigten sie über dem Feuer und legten sie selbst an, um so den wilden »Tschabantschuken«[P] und Schafhirten ähnlich zu werden. In der zweiten Woche waren sie fast alle schon tatarisch gekleidet und sahen ganz aus wie eine Bande Tataren. Nur die gleichmäßige Waffe der regulären Reiterei war ihnen geblieben; die Reitkoller verbargen sie unter den Gerätschaften, um sie auf dem Rückweg wieder anzulegen. In der Nähe hätte man an den hellen, masurischen Schnurrbärten und den blauen Augen ihre Herkunft erkennen können, aber aus der Entfernung mußte das geübteste Auge bei ihrem Anblick sich irren, um so mehr, als sie auch noch die Herden vor sich hertrieben, deren sie zu ihrer Ernährung bedurften.
Als sie in die Nähe des Pruth kamen, gingen sie am linken Ufer des Flusses stromabwärts. Da die Heerstraßen von Kutschmin völlig verwüstet waren, konnte man leicht vorhersehen, daß die Scharen des Sultans und ihnen voraus die Horden über Falesi, Husch, Kotimore und dann die walachische Heerstraße ziehen würden, um entweder auf den Dniestr zu einzubiegen oder schnurstracks durch ganz Bessarabien und in der Gegend von Uschyz sich über die Grenzen der Republik zu ergießen. Nowowiejski war dessen so sicher, daß er immer langsamer vorrückte, der Zeit nicht achtend, und immer vorsichtiger, um nicht allzu plötzlich auf die Tataren zu stoßen. Als er endlich in das Flußdelta gelangte, das von der Sarata und dem Tektisch gebildet wird, blieb er dort lange liegen, erstens um Pferden und Menschen Ruhe zu gönnen, und zweitens, um an diesem gut geschützten Orte die Vorhut der Horde abzuwarten. Der Ort war wirklich gut gewählt, denn das ganze Flußdelta und die äußeren Ufer waren teils mit gemeiner Kornelkirsche bepflanzt, teils von Hundsbeere bewachsen. Das Wäldchen zog sich hin, so weit das Auge reichte, und bedeckte den Boden hier mit undurchsichtigem Dickicht, dort mit Gestrüpp, durch welches öde Flächen grau hindurchschimmerten, die sich zur Anlegung des Maidans eigneten. Um diese Zeit standen die Bäume und Sträucher schon in grünem Schmuck; zu Beginn des Frühlings aber mußte hier ein Meer von gelben und weißen Blüten sich ausbreiten. Der Hain war vollkommen menschenleer, dafür wimmelte er von allerlei Getier: Hirschen, Rehen, Hasen und Geflügel. Hier und da am Saume von Quellen entdeckten die Soldaten auch Spuren von Bären; ein solcher hatte bald nach der Ankunft der Vorposten-Abteilungen mehrere Schafe getötet. Deshalb nahm sich Luschnia vor, Jagd auf ihn zu machen; da aber Nowowiejski, der ganz im geheimen lagern wollte, die Anwendung der Muskete nicht gestattete, machten sich die Soldaten gegen den Räuber mit Knüppeln und Äxten auf.
Später fand man am Wasser auch Spuren von Herdfeuern, aber sie waren alt, vermutlich aus dem vergangenen Jahre. Offenbar kamen die Nomaden mit ihren Herden des öfteren hierher, vielleicht auch waren es Tataren, die hier die Kirschbäume fällten, um Schäfte daraus zu machen. Aber selbst die sorgfältigsten Nachforschungen vermochten nicht zur Entdeckung eines lebenden menschlichen Wesens zu führen.