Nowowiejski beschloß, nicht weiter zu gehen und hier die Ankunft der türkischen Heere abzuwarten.

Man legte also eine Art Maidan an, es wurden Hütten gebaut, und das Warten begann. An den Rändern des Hains standen nun Wachen, von welchen die einen Tag und Nacht nach Budschiak ausschauten, die anderen nach dem Pruth in der Richtung von Falesi. Nowowiejski wußte, daß er an gewissen Anzeichen das Herannahen der türkischen Heere erraten werde; er schickte überdies kleine Vorposten-Abteilungen aus, an deren Spitze er meist selbst stand. Das Wetter war der Rast in diesem trockenen Lande sehr günstig; die Tage waren glühend, aber in dem Schatten des Dickichts konnte man sich leicht vor der Hitze bergen; die Nächte waren hell, still, vom Monde erleuchtet und vom Gesang der Nachtigallen erfüllt. In solchen Nächten litt Nowowiejski am meisten, denn er konnte nicht schlafen und dachte an das alte Glück und an die trübe Gegenwart. Er lebte nur in dem einen Gedanken, daß, wenn erst das Herz sich an der Rache gesättigt haben würde, er glücklicher, zufriedener sein werde. Und immer näher kam der Zeitpunkt, da er seine Rache ausüben oder untergehen sollte.

So ging Woche um Woche hin, während sie in der Wüste hausten und wachten. In dieser Zeit durchforschten sie alle Wege, alle Schluchten, alle Felder, alle Flüsse und Ströme, raubten sie wieder zahlreiche Herden, metzelten kleinere Haufen von Nomaden nieder und lauerten beständig in diesem Dickicht, wie das wilde Tier auf Beute. Endlich kam der erwartete Augenblick. Eines Morgens sahen sie Scharen von Vögeln, die hoch oben, in den Wolken, und unten über der Erde hinzogen. Trappen, Schneehühner, blaufüßige Wachteln schlichen durch das Gras in das Dickicht; hoch oben flogen Krähen, Raben, selbst Sumpfvögel, die offenbar an den Ufern der Donau oder aus den Sümpfen der Dobrudscha aufgescheucht waren. Bei diesem Anblick sahen die Dragoner sich an, und — »Sie kommen, sie kommen!« ging es von Mund zu Mund. Die Gesichter belebten sich, die Augen erglänzten, aber in dieser Erregung lag keine Unruhe, denn es waren alles Leute, denen ein Menschenleben in »Tatarengängen« verflossen war; sie hatten ungefähr die Empfindung der Jagdhunde, wenn sie das Wild wittern. Die Wachtfeuer wurden in derselben Minute ausgelöscht, damit der Rauch die Anwesenheit der Menschen nicht verrate, die Pferde gesattelt, und die ganze Abteilung stand marschbereit.

Nun galt es, die rechte Zeit zu finden, um in dem Augenblick über den Feind herzufallen, da er Halt machen würde. Nowowiejski begriff wohl, daß die Heere des Sultans gewiß nicht in kompakter Masse marschierten, besonders, da sie sich im eigenen Lande befanden, wo die Gefahr einer Überrumpelung unwahrscheinlich war. Er wußte auch, daß die Vorhut immer eine oder gar zwei Meilen der Hauptmacht voraus war, und er erwartete mit Recht, daß an der Spitze die Lipker marschierten.

Eine Zeitlang schwankte er, ob er ihnen auf dem geheimen, ihm wohlbekannten Wege entgegengehen, oder ob er ihre Ankunft im Kirschwald erwarten solle. Er entschloß sich zu dem letzteren, da man aus dem Walde leichter in jedem Augenblick einen unerwarteten Überfall wagen konnte. Es verging noch ein Tag, dann eine Nacht, während welcher nicht nur Vögel, sondern auch Landtiere scharenweise ins Dickicht flohen. Am folgenden Morgen kam der Feind schon in Sicht.

Vom südlichen Rande des Kirschwäldchens zogen sich breite, hüglige Auen hin, die am fernen Horizont verschwanden; auf diesem Felde zeigte sich der Feind und näherte sich dem Tekitsch mit ziemlicher Schnelligkeit. Die Dragoner sahen aus dem Dickicht auf die dunkle Masse hin, die bald den Augen entschwand, bald wieder in ihrer ganzen Ausdehnung auftauchte.

Luschnia, der ein vorzügliches Auge hatte, beobachtete lange Zeit angestrengt die heranziehenden Massen; dann näherte er sich Nowowiejski. »Herr Kommandant,« sagte er, »Menschen sind dort nicht viele, nur Herden werden auf die Weide geführt.«

Nowowiejski überzeugte sich bald, daß Luschnia recht hatte, und sein Gesicht leuchtete freudig auf.

»Das heißt, sie machen eine oder zwei Meilen von hier Rast,« sagte er.

»So ist's,« versetzte Luschnia, »sie marschieren offenbar in der Nacht, um die Hitze zu vermeiden, und ruhen am Tage. Ihre Pferde schicken sie bis zum Abend auf die Weide.«