Der Wachtmeister führte Eliasewitsch an der Schlinge und schrie ihm ins Ohr, so laut, daß er das Getöse des Donners übertönte:
»Führe uns, Hundeblut, den ganzen Weg, sonst stoße ich dir das Messer in die Kehle.«
Inzwischen hatten sich die Wolken so tief gesenkt, daß sie fast die Erde berührten. Plötzlich brach es hervor wie Glut aus dem Ofen, und ein entsetzlicher Orkan erhob sich. Blendende Helligkeit zerriß das Dunkel, der Donner krachte, in der Luft verbreitete sich ein Schwefelgeruch. Wieder herrschte Dunkelheit. Entsetzen erfaßte die Pferde; von hinten her durch die wilden Ausrufe der Dragoner aufgescheucht, trieben sie mit offenen Nüstern und fliegender Mähne dahin, ohne die Erde im Laufe zu berühren; der Donner ruhte nicht einen Augenblick, der Wind heulte, und die Reiter jagten rasend dahin in diesem Sturm, in dieser Finsternis, in diesem drohenden Gepolter, von dem die Erde zu bersten schien, getrieben von der Rache, und glichen in dieser öden Steppe dem entsetzlichen Reigen der Vampire oder bösen Geistern.
Der Raum schwand vor ihnen hin, sie brauchten keinen Führer, denn die Herde lief schnurstracks in das Lager der Lipker, das immer näher und näher kam. Noch ehe sie es erreichten, war der Sturm so entfesselt, als wäre Himmel und Erde in Raserei. Der ganze Horizont stand in Feuer. Bei dem Glanze dieser Helligkeit erblickten sie schon aus der Ferne die Zelte in der Steppe. Die Welt bebte vom Donnergepolter. Es schien, als müßten die Wolkenballen jeden Augenblick bersten und über der Erde zusammenstürzen; alle Schleusen des Himmels öffneten sich, und der Regen ergoß sich in Strömen über die Steppe. Eine Meereswoge hüllte die Welt ein, so daß man auf wenig Schritte Entfernung nichts sehen konnte; von der glühenden, versengten Erde erhob sich dichter Dunst.
Einen Augenblick noch, und die Herde und die Dragoner sind im Lager. Aber unmittelbar vor dem Zelte stoben die Pferde in wilder Scheu nach beiden Seiten auseinander. Dreihundert Menschen entrang sich ein furchtbarer Schrei, dreihundert Schwerter erglänzten im Feuerschein der Blitze, und die Dragoner stürzten in die Zelte.
Die Lipker hatten vor dem Ausbruch des Regens beim Schein der Blitze die heranreitende Herde wahrgenommen, aber niemand hatte vermutet, welch furchtbare Hirten sie vor sich hertrieben. Verwunderung und Unruhe ergriff sie darüber, daß die Pferde in gerade Linie auf die Zelte zueilten; sie begannen zu schreien, um die Pferde zu erschrecken. Asya selbst schob den Linnen-Vorhang zur Seite und trat trotz des Regens drohenden Antlitzes hinaus. Aber gerade in diesem Augenblick war die Herde auseinandergestoben, und unter den Strömen des Regens und den Ausdünstungen des Bodens tauchten dunkle, entsetzliche Gestalten in weit größerer Anzahl als die Pferdehirten auf, und ein dröhnender Schrei erklang:
»Schlagt, mordet!«
Es war keine Zeit zu verlieren, ja, es war weder Zeit dazu, nachzudenken, was geschehen war, noch zum Erschrecken. Ein Orkan von Menschen, schrecklicher und wütender als der Sturm, fuhr über das Lager her; ehe Tuhaj-Beys Sohn vermochte, mit einem Schritt in das Zelt zurückzutreten — man hätte glauben können, eine übermenschliche Kraft habe ihn vom Boden erhoben — empfand er plötzlich, daß ihn zwei eiserne Arme umklammert hielten, daß sich seine Knochen unter dieser Umarmung bogen, daß seine Rippen brachen. Einen Augenblick sah er im Nebelscheine ein Gesicht, das furchtbarer als das Antlitz des Teufels anzuschauen war, und ihn verließ das Bewußtsein.
Unterdessen hatte die Schlacht, oder richtiger ein blutiges Schlachten begonnen. Der Sturm, die Dunkelheit, die unbekannte Zahl der Angreifer, die Plötzlichkeit des Überfalles, das Auseinanderstieben der Pferde hatten verursacht, daß sich die Lipker fast gar nicht wehrten; es hatte sie geradezu eine Raserei der Angst ergriffen; niemand wußte, wohin er entfliehen, niemand, womit er sich schützen solle. Viele hatten gar keine Waffen bei sich, viele hatte der Überfall im Schlafe überrascht, und so drängten sie sich betäubt, irre vor Entsetzen, in dichten Haufen zusammen, wälzten sich fort, indem sie einander zu Boden warfen und mit Füßen traten. Die Pferde drängten sie zusammen und warfen sie mit der Brust zu Boden, die Säbel hieben auf sie ein, die Hufe traten sie in den Staub. Der Sturm bricht und verwüstet die junge Waldanpflanzung nicht in gleicher Weise, die Wölfe wüten nicht so in der Herde aufgescheuchter Schafe, wie die Dragoner die Lipker niedertraten und niederhieben. Verwirrung von der einen Seite, Wut und Rachedurst von der anderen machten das Maß der Niederlage voll. Ströme Blutes vermischten sich mit dem Regen; den Lipkern war, als stürze der Himmel über sie ein, als tue sich die Erde zu ihren Füßen auf. Das Krachen der Donner, das Leuchten der Blitze, das Rauschen des Regens, die Finsternis, das Entsetzen des Sturmes begleiteten das furchtbare Echo der Metzelei. Die Pferde der Dragoner, gleichfalls von Schrecken erfaßt, stürzten sich wie wahnsinnig in das Menschengewühl und mähten die Feinde nieder. Endlich begannen kleinere Haufen zu entweichen, aber sie hatten in so hohem Grade die Kenntnis des Ortes verloren, daß sie im Kreise auf das Schlachtfeld wieder zurückritten, anstatt geradeaus zu fliehen, — sie prallten oft aufeinander, wie zwei entgegengesetzte Wogen, rieben sich gegenseitig auf und kamen unter das eigene Schwert. Endlich hatte man die Reste völlig zerstreut, nach allen Seiten gejagt, auf der Flucht während der Verfolgung ohne Gnade niedergemacht, und auch nicht einen lebendig eingefangen, bis endlich die Trompeten im Lager die Verfolger zurückriefen.
Nie war ein Überfall unerwarteter, nie eine Niederlage furchtbarer. Dreihundert Mann hatten nahezu zweitausend trefflicher Krieger der Reiterei, die unendlich die gewöhnlichen Tatarenscharen an Gewandtheit übertrafen, in alle vier Winde zerstreut. Der größere Teil lag hingestreckt inmitten der roten Pfützen, die der Regen, vermischt mit dem Blute, bildete; der Rest hatte zerstreut Schutz gefunden, dank der Dunkelheit, und war zu Fuß geflohen, blindlings, ohne zu wissen, ob er nicht wieder dem feindlichen Schwerte begegne. Den Siegern hatte der Sturm und der Nebel geholfen, als ob der Zorn Gottes auf ihrer Seite gekämpft hätte gegen den Verräter.