»Das weiß der Mirza selbst gewiß nicht. Es kam der Befehl vom Padischah, daß im Lager keine Frauen gehalten werden sollten; da verkauften sie alle in die Bazare, und der Mirza verkaufte auch.«

Die Nachforschungen waren beendet, und um das Feuer herum herrschte Stille. Von Zeit zu Zeit nur erhob sich ein warmer Südwind und spielte mit den Kirschzweigen, die immer lauter rauschten. Die Luft wurde drückend, am Horizont zeigten sich Wolken, die in der Mitte dunkel waren und an den Rändern kupferfarben glänzten. Nowowiejski entfernte sich vom Feuer und ging wie ein Irrsinniger, ohne zu wissen wohin. Endlich warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde und begann den Boden mit den Nägeln zu kratzen, dann biß er sich in die Hände und röchelte, als liege er im Todeskampf. Ein Krampf schüttelte seinen Riesenkörper, und so lag er stundenlang. Die Dragoner sahen ihm aus der Ferne zu, aber selbst Luschnia wagte nicht, sich zu nähern.

Der furchtbare Wachtmeister aber sagte sich, der Kommandant werde nicht zürnen, wenn er die Lipker nicht verschone; er steckte ihnen bloß aus angeborener Grausamkeit Rasen in den Mund, um ihr Schreien zu verhüten, und schlachtete sie ab wie Rinder. Nur den einen, Eliasewitsch, verschonte er, weil er glaubte, er werde ihnen als Führer notwendig sein. Als er mit der blutigen Arbeit fertig war, zog er die noch zitternden Körper vom Feuer fort und legte sie der Reihe nach hin; dann ging er, um nach dem Kommandanten zu sehen.

»Und wenn er wahnsinnig geworden wäre,« brummte er vor sich hin, »wir müssen doch den da bekommen.«

Die Mittagsstunde ging vorüber, der Nachmittag ebenfalls — der Tag neigte sich dem Ende zu. Jene anfänglich kleinen Wolken nahmen das ganze Firmament ein, sie wurden immer dichter und dunkler, ohne den kupferfarbenen Glanz an den Säumen zu verlieren. Sie bewegten sich schwerfällig wie Mühlsteine um ihre eigene Achse; bald gingen sie ineinander über, bald stießen sie eine die andere und kamen in dichten Haufen immer tiefer zur Erde herab. Der Wind fuhr von Zeit zu Zeit mit einem mächtigen Stoße vorüber, wie der Flügelschlag eines Raubvogels, und beugte die Kirschbäume und Hundsbeerensträucher zu Boden, wirbelte eine Staubwolke von Blättern auf und warf sie rasend umher; bald hielt er wieder ein, als sei er in die Erde versunken. In diesem Augenblicke der Stille hörte man in den geballten Wolken ein unheilverkündendes Zischen, Pfeifen und Rauschen. Es war, als sammelten sich die Heerscharen des Donners, als stellten sie sich in einer Schlachtreihe auf, als wollten sie mit dumpfem Knurren ihre eigene Wut und Raserei anstacheln, ehe sie ausbrachen und gegen den verzagten Erdball ihre Keile schleuderten.

»Ein Sturm naht,« flüsterten sich die Dragoner einander zu.

Der Sturm kam, es wurde immer dunkler. Da erhob sich im Osten, von der Dniestrseite her, ein Donner und fuhr mit furchtbarem Getöse über den Himmel weithin gegen den Pruth; dort verstummte er eine Weile, aber bald erhob er sich wieder, dröhnte über die Steppen des Budschiak und verbreitete sich endlich über den ganzen Horizont. Die ersten großen Regentropfen fielen auf den versengten Rasen.

In diesem Augenblick erschien Nowowiejski vor den Dragonern.

»Aufs Pferd!« schrie er mit Donnerstimme.

Kurz darauf rückte er an der Spitze von hundertfünfzig Reitern ab; am Ende des Wäldchens verband er sich mit der anderen Hälfte seiner Leute, welche bei der Herde darauf geachtet hatten, daß keiner der Pferdehirten sich zum Lager stehle. Die Dragoner umritten in einem Augenblick die Herde, indem sie den wilden, den tatarischen Hirten eigenen Schrei ausstießen, und stürmten vorwärts, die aufgeschreckten Pferde vor sich herjagend.