»So muß es sein, sonst sterben wir,« sagte eine Stimme an der Schwelle.
Bärbchen sprang bei dem Klang dieser Stimme auf, rief: »Michael!« und stürzte dem kleinen Ritter in die Arme.
Michael brachte viele wichtige Nachrichten mit, die er erst, ehe er sie im Kriegsrat kundgab, seiner Gattin in der stillen Zelle mitteilte. Er selbst hatte einige kleinere Tatarenscharen bis auf den letzten Mann aufgerieben und war mit großem Ruhm bis ganz in die Nähe des Krimschen und Doroschenkos Lager herangeschlichen. Er hatte auch eine Anzahl Gefangener mitgebracht, von welchen man Nachricht über die Streitkräfte des Khans und Doroschs erlangen konnte.
Die anderen Streifzügler hatten weniger Glück gehabt; der Herr von Podlachien, der an der Spitze bedeutender Streitkräfte stand, war in einer mörderischen Schlacht aufgerieben worden; Herrn Motowidlo, der die Walachische Heerstraße gezogen war, hatte Krytschynski mit Hilfe der Horde von Bialogrod und des Restes der Lipker, die sich nach der Niederlage bei Tykitsch geflüchtet hatten, geschlagen. Michael hatte, ehe er nach Kamieniez gekommen war, einen Umweg über Chreptiow gemacht; noch einmal wollte er, wie er sagte, diesen Ort seiner Glückseligkeit schauen.
»Ich war dort,« sagte er, »unmittelbar nach Eurer Abreise. Noch war Euer Platz warm, und ich hätte Euch leicht erreichen können, aber ich setzte in Uschyz ans Moldauische Ufer hinüber, um dort in der Steppe Kundschaft einzuziehen. Einige Scharen waren bereits vorüber, und sie fürchteten bei Pokuta auf »Unerwartete« zu stoßen; andere gehen in der Vorhut des türkischen Heeres und werden bald hier sein. Es wird eine Belagerung geben, mein süßes Täubchen, da hilft nichts, aber wir werden standhalten, denn hier verteidigt man nicht nur sein Vaterland, sondern auch sein eigenes Gut.« Dabei schloß er sein Weib in die Arme und küßte sie auf die Wangen.
An diesem Tage sprachen sie nicht mehr. Am anderen Morgen wiederholte Michael seine Neuigkeiten bei dem Bischof von Landskron vor dem Kriegsrat, zu welchem außer dem Bischof noch der General von Podolien, der Kämmerer von Podolien, der podolische Schreiber Rschewuski, der Fahnenträger Humiezki, Ketling, Makowiezki, der Major Kwasibrozki und einige Militärs gehörten. Zunächst mißfiel Herrn Michael, daß der General von Podolien erklärte, er wolle das Kommando nicht übernehmen, sondern vertraue es dem Rate an. »In unvorhergesehenen Fällen muß ein Kopf und ein Wille sein,« hielt ihm der kleine Ritter entgegen; »bei Sbarasch waren drei Regimentarier, welchen von Amts wegen die Macht zustand; und doch legten sie dieselbe in die Hände des Fürsten Jeremias, weil sie mit Recht sagten, in der Gefahr sei es besser, einem zu gehorchen.«
Aber diese Worte fruchteten nichts. Vergeblich wies der gelehrte Ketling auf die Römer als Muster hin, die als die größten Krieger der Welt die Diktatur ersonnen haben, — der Bischof von Landskron, der Ketling nicht sonderlich leiden mochte, weil er sich, Gott weiß warum, einbildete, er müsse als Schotte im Grunde seiner Seele ein Ketzer sein, erwiderte: »Die Polen brauchen nicht von Fremden Geschichte zu lernen; sie brauchen aber auch nicht, da sie ihren eigenen Verstand haben, den Römern nachzuahmen, denen sie übrigens an Mut und Beredsamkeit in nichts oder doch nur wenig nachstehen.« »Wie ein ganzes Bündel Holz,« sagte er, »eine größere Flamme gibt, als ein Scheit, so sind auch viele Köpfe klüger als einer«, und er lobte die »Bescheidenheit« des Generals von Podolien — zwar meinten andere, es sei dies nur Scheu vor der Verantwortung — und riet seinerseits zu Verhandlungen. Als dies Wort gefallen war, sprangen die Soldaten, wie von der Tarantel gestochen, von ihren Sitzen auf; Wolodyjowski, Ketling, Makowiezki, Kwasibrozki, Humiezki, Rschewuski begannen mit den Zähnen zu knirschen und mit den Schwertern zu rasseln. »Meiner Treu!« ließen sich Stimmen vernehmen, »nicht zum Verhandeln sind wir hergekommen!« — »Den Vermittler schützt sein geistliches Gewand.« Kwasibrozki schrie sogar: »In die Kirche, nicht in den Rat!« und ein ungeheurer Lärm entstand. Da erhob sich der Bischof und sagte mit mächtiger Stimme: »Ich wäre der erste, der bereit ist, sein Leben hinzugeben für die Kirche und für meine Herde, und wenn ich von Verhandlungen spreche und Verzögerung wünsche, so geschieht es, Gott ist mein Zeuge, nicht, um die Festung zu übergeben, sondern um dem Hetman Zeit zur Heranziehung von Hilfstruppen zu gewähren. Sobieskis Name ist den Heiden ein Schrecken, und wenn er auch die nötigen Streitkräfte nicht hätte, wenn nur das Gerücht umläuft, daß er kommt, so werden die Türken Kamieniez meiden.« Als er dies mit mächtiger Stimme gesagt hatte, schwiegen alle, manche freuten sich sogar, da sie hörten, daß der Bischof an Übergabe nicht gedacht hatte.
Da sprach Michael: »Ehe der Feind Kamieniez belagert, muß er erst Swaniez niederwerfen oder in Trümmer legen, denn unmöglich kann er das befestigte Schloß im Rücken liegen lassen. Nun denn, mit Erlaubnis des Herrn Kämmerers von Podolien erkläre ich mich bereit, mich in Swaniez einzuschließen und mich genau so lange Zeit dort zu halten, als der Herr Bischof mit Hilfe von Verhandlungen zu gewinnen denkt. Ich nehme sichere Leute mit, und, solange ich am Leben bin, so lange wird auch Swaniez stehen.«
Da riefen alle: »Das darf nicht sein, du bist hier nötig. Ohne dich läßt der Bürger den Mut sinken, ohne dich werden die Soldaten nicht mit gleicher Lust kämpfen, das darf keineswegs geschehen. Wer hat hier die größte Kriegserfahrung, wer hat Sbarasch mitgemacht? Wer soll die Führerschaft haben, wenn es zu einem Ausfall kommt? Du wirst für Swaniez untergehen, und wir werden ohne dich hier untergehen.«
»Das Kommando hat mir zu gebieten,« antwortete Michael.