»Sie werden zum Angriff schreiten,« sagte leise Sagloba.
Wirklich glaubten die Türken, da sie den Knall hörten, beide Schlösser seien in Trümmer gegangen, und die Verteidiger zum Teil im Schutte begraben, zum anderen Teile vom Schrecken gelähmt. Darum rüsteten sie sich zum Sturm. Die Törichten! Sie wußten nicht, daß nur die Lutherische Kapelle in die Luft geflogen war, und daß die Entzündung des Pulvers außer der gewaltigen Erschütterung keinen Schaden angerichtet hatte, ja daß nicht einmal eine einzige Kanone auf dem neuen Schloß aus der Lafette gefallen war. Das Gerassel der Kanonen auf den Schanzen wurde immer stärker, Haufen von Janitscharen stürmten die Schanzen herab und liefen im Schnellschritt gegen das Schloß. Die Feuer auf dem Schlosse und in den türkischen Gräben erloschen zwar, aber die Nacht war hell, und bei dem Licht des Mondes konnte man die dichte Masse der weißen Janitscharenmützen sehen, die im Laufe hin und her wogten wie sturmbewegte Wellen. Einige tausend Janitscharen waren es, und einige hundert »Dschamaken«. Viele von ihnen sollten nie mehr die Minarets von Stambul, die hellen Gewässer des Bosporus und die dunklen Cypressen seines Friedhofes sehen; aber jetzt stürmten sie wütend dahin, die Hoffnung des sicheren Sieges im Herzen.
Michael lief, so schnell er konnte, die Mauern entlang.
»Nicht schießen, das Kommando abwarten!« rief er bei jeder Kanone.
Die Dragoner legten sich mit den Musketen platt auf die Zinnen und keuchten vor Wut. Stille trat ein, nur der Widerhall des schnellen Schrittes der Janitscharen tönte herauf wie gedämpfter Donner. Je näher sie kamen, desto sicherer glaubten sie, mit einem Streiche beide Schlösser zu nehmen. Viele meinten, die Überreste der Verteidiger hätten sich schon in die Stadt zurückgezogen, und auf den Zinnen sei alles menschenleer. Als sie an die Laufgräben gekommen waren, warfen sie Strauchhölzer und Strohsäcke hinein, und im Augenblick waren sie verschüttet. Auf den Mauern herrschte beständig vollkommene Ruhe. Aber als die ersten Reihen in den Laufgraben traten, knallte an einer Stelle der Turmzinne ein Pistolenschuß, und eine gellende Stimme rief:
»Feuer!«
Gleichzeitig erglänzten alle Scharten in einem langen, flammenden Blitz. Kanonendonner erfüllte die Luft, Musketen und Feuergewehre krachten, das Geschrei der Angreifer antwortete ihnen. Wie wenn ein Speer, mit kräftiger Hand geworfen, bis zur Hälfte in den Leib des Bären eindringt und das Tier sich zusammenballt, brüllt und tobt, dann wieder sich reckt und von neuem sich zusammenballt — so drängten sich die Haufen der Janitscharen und Dschamaken zusammen. Nicht ein Schuß der Gegner fehlte. Die Kanonen, die mit Kartätschen geladen waren, streckten die Menschen wie die Ähren hin, die ein gewaltiger Sturmwind mit einem Wehen niederlegt. Diejenigen, die auf die Ausbuchtungen losgestürmt waren, welche die Forts miteinander verbanden, befanden sich zwischen zwei Feuern. Von Entsetzen erfaßt, drängten sie sich in der Mitte zu einem ungeordneten Haufen zusammen, sanken tödlich getroffen nebeneinander nieder und bildeten so förmliche Leichenhügel. Ketling ließ die Kartätschen aus zwei Kanonen kreuzweise in den Haufen schießen, und als sie endlich zu fliehen begannen, verschloß er mit einem Regen von Eisen und Blei den schmalen Ausgang zwischen den Ausbuchtungen.
Der Angriff wurde auf der ganzen Linie zurückgeworfen. Als nun die Janitscharen und Dschamaken, den Laufgraben verlassend, wie wahnsinnig mit einem Gebrüll des Entsetzens flohen, begann man von den türkischen Verschanzungen brennende Teerfässer zu werfen und künstliche Pulverfeuer zu entzünden, so daß die Nacht zum Tage wurde, um den Fliehenden den Weg zu beleuchten, und in dem erwarteten Ausfall die Verfolgung zu erschweren.
Als Herr Wolodyjowski den in die Enge getriebenen Feind sah, rief er seine Dragoner zusammen und stürmte auf ihn los. Noch einmal versuchten die Unglücklichen, sich durch den Ausgang zu drängen, aber Ketling überschüttete sie mit einem so furchtbaren Kugelregen, daß er von einem Leichenhügel wie von einem hohen Walle verstopft ward. Wer noch am Leben geblieben war, mußte sterben, denn die Verteidiger wollten keine Gefangene machen; sie mußten sich also verzweifelt wehren. Tüchtig, wie sie waren, verdichteten sie sich zu kleinen Häufchen, zu zweien, dreien und fünfen, deckten sich mit den Schultern und hieben mit Speeren, Yataganen, Säbeln und Streitäxten rasend um sich. Die Angst, das Entsetzen, der sichere Tod, die Verzweiflung hatten sich in ein Gefühl rasender Wut verwandelt. Eine mächtige Kampfbegeisterung hatte sie ergriffen; manche warfen sich einzeln in blinder Selbstvergessenheit auf die Dragoner, und im Augenblick waren sie von den Schwertern zerrissen. Es war ein Kampf zweier Furien, denn auch die Dragoner erfüllte vor Mühsalen, Schlaflosigkeit und Hunger eine tierische Wut gegen diesen Feind. Da sie aber im Kampf mit blanker Waffe den Gegner bedeutend übertrafen, richteten sie ein furchtbares Blutbad an. Ketling, der das Schlachtfeld erleuchten wollte, befahl gleichfalls Pechtonnen anzuzünden, und in ihrem Scheine sah man die unbezähmbaren Masuren mit den Janitscharen einen Säbelkampf führen, indem sie einander bei den Köpfen und bei den Bärten hielten. Besonders wütete der furchtbare Luschnia, einem wilden Stiere ähnlich. Am Ende des zweiten Flügels kämpfte Michael selber, und da er wußte, daß Bärbchen von der Mauer ihm zuschaute, übertraf er sich selbst. Wie das bissige Wiesel, wenn es in den Getreideschober eindringt, den ein Rudel Mäuse bewohnt, ein fürchterliches Blutbad darin anrichtet, so stürzte der kleine Ritter, dem Geiste des Verderbens gleich, unter die Janitscharen. Sein Name war schon bekannt unter den Türken aus den vorangegangenen Kämpfen und aus den Erzählungen der Türken von Chozim. Schon war allgemein die Ansicht verbreitet, daß kein Mensch, der ihm im Kampfe begegne, dem Tode entgehe — darum versuchte, wenn er ihn vor sich sah, mancher der Janitscharen, die jetzt zwischen die Vorsprünge eingekeilt waren, gar nicht erst, sich zu verteidigen, sondern er schloß die Augen und starb unter dem Streiche des Rapiers, das Wort »Kismet« auf den Lippen. Endlich erlahmte der Widerstand; der Rest warf sich dem Wall von Leichen entgegen, der den Ausgang hemmte, und fand hier seinen Tod. Die Dragoner kehrten jetzt über die ausgefüllten Laufgräben mit Gesang und Geschrei zurück; sie dampften, und der Hauch des Blutes haftete an ihnen. Dann wurden noch einige Kanonenschüsse von den türkischen Schanzen und vom Schlosse gegeben, und endlich verstummte alles. So endete jener Kanonenkampf, der einige Tage gedauert und den der Sturm der Janitscharen beschlossen hatte.
»Gott sei Dank!« sagte der kleine Ritter; »wenigstens bis zur Reveille morgen früh werden wir Ruhe haben, — sie kommt uns redlich zu.«