Muschalski sann eine Weile nach, dann rief er aus: »Wohl, bei Gott, es verlohnt!«

»An der einen Stelle haben sie erst unlängst zu graben begonnen; die wollen wir in Ruhe lassen. Aber von dieser und von der anderen Seite sind sie schon sehr tief eingedrungen. Ihr nehmt fünfzig Dragoner, ich nehme ebensoviel; wir wollen versuchen, ihnen den Garaus zu machen. Habt Ihr Lust?«

»O gewiß, und welche Lust! Ich stecke ein paar Nägel in den Gurt, die Geschütze zu vernageln, wenn wir vielleicht unterwegs auf Geschütze stoßen.«

»Ich zweifle daran, obwohl in der Nähe Kanonen stehen; aber nehmt nur die Nägel mit. Wir wollen auf Ketling warten, denn er weiß besser als die anderen, wie er uns im Falle der Not zu Hilfe kommen kann.«

Ketling kam, wie er versprochen hatte. Auch nicht eine Minute hatte er versäumt, und eine halbe Stunde später kamen zwei Abteilungen Dragoner von je fünfzig Mann an die Bresche herangerückt und schlichen auf die andere Seite hinüber. Sie verschwanden in der Finsternis. Ketling ließ noch eine Zeit hindurch Granaten werfen, aber bald unterbrach er die Arbeit und wartete. Sein Herz schlug unruhig, denn er war sich der Kühnheit des Unternehmens voll bewußt. Eine Viertelstunde verging, eine halbe, eine ganze Stunde; es schien, als müßten sie schon den Ort erreicht haben und beginnen; und doch konnte man, wenn man das Ohr auf den Boden hielt, deutlich die ruhige Minenarbeit hören.

Plötzlich ertönte am Fuße des Schlosses ein Pistolenschuß, der übrigens infolge der herrschenden Feuchtigkeit der Luft und des ununterbrochenen Kugelwechsels von den Schanzen her nicht allzu laut knallte und vielleicht verpufft wäre, ohne die Aufmerksamkeit der Besatzung zu erregen, wäre nicht sofort ein entsetzlicher Lärm entstanden. Sie sind am Ziel, dachte Ketling, aber ob sie wiederkehren? — Drüben ertönte das Geschrei von Menschen, das Getöse der Kanonen, die Stimmen der Pfeifen und endlich das Geknatter der Janitscharenbüchsen, eilig, ungeordnet. Von allen Seiten wurde geschossen; offenbar waren ganze Abteilungen den Mineuren zu Hilfe geeilt. Aber wie Michael vorausgesehen, hatte sich der Janitscharen eine große Verwirrung bemächtigt; sie fürchteten, sich gegenseitig zu verwunden, und riefen sich mit lauter Stimme an, indem sie blindlings, ja zum Teil in die Luft feuerten. Mit jedem Augenblick wuchs der Lärm der Stimmen und der Geschosse. Wie wenn der blutdürstige Marder im Frieden der Nacht unter das schlafende Federvieh dringt, plötzlich in dem stillen Hühnerhaus eine entsetzliche Verwirrung und angstvolles Gackern entsteht — so brach auch um das Schloß herum ein furchtbarer Wirrwarr los. Von den Verschanzungen wurden Granaten auf die Mauer geworfen, um die Dunkelheit zu lichten; Ketling ließ die Kanonen auf die türkischen Vorposten richten und antwortete mit Kartätschen. Die türkischen Gräben, die Mauern leuchteten auf, in der Stadt wurde Lärm geschlagen, denn man glaubte allgemein, die Türken seien in die Festung eingedrungen. Auf den Schanzen glaubte man gerade das Gegenteil, daß ein gegen die Arbeiten gerichteter wütender Ausfall der Belagerten geplant sei, und so entstand ein allgemeiner Alarm. Die Nacht begünstigte das kühne Unternehmen Michaels und Muschalskis, denn es war sehr finster geworden. Die Kanonenschüsse und die Granaten erhellten nur auf Augenblicke den dunklen Schleier, der dann um so schwärzer wurde; endlich öffneten sich plötzlich die Schleusen des Himmels und gossen strömenden Regen herab. Donnerschläge übertönten das Geschützfeuer und hallten heulend in entsetzlichem Echo von den Felsen wieder. Ketling sprang von dem Wall hinab, eilte an der Spitze einer kleinen Mannschaft an die Bresche und wartete.

Es dauerte nicht lange, so wimmelte es von dunklen Gestalten zwischen den Balken, welche die Öffnung schützten.

»Wer da?« rief Ketling.

»Michael Wolodyjowski!« ertönte die Antwort, und die beiden Ritter stürzten sich in die Arme.

»Was ... wie steht's dort?« fragten die Offiziere, die immer zahlreicher zur Bresche geeilt kamen.