»Was gibt's?« rief der wachsame Krieger und sprang mit einem Satz in die Höhe.

»Herr Muschalski ist da.«

»Bei Gott, was sagst du?«

»Er ist da; ich stand an der Bresche, da hörte ich, wie einer von drüben in unserer Sprache ruft: »Nicht schießen, ich bin's!« Ich höre hin, — da kommt Muschalski, als Janitschar verkleidet, an.«

»Gott sei gedankt,« sagte der kleine Ritter.

Er eilte hinaus, den Schützen zu begrüßen. Der Tag dämmerte schon; Muschalski stand diesseits des Walles in weißer Kapuze und Rüstung, so völlig einem Janitscharen ähnlich, daß man den eigenen Augen nicht traute. Als er den kleinen Ritter erblickte, sprang er auf ihn zu, und sie begrüßten sich freudig.

»Wir haben Euch schon beweint,« rief Herr Michael.

Inzwischen waren einige andere Offiziere herbeigekommen, unter ihnen auch Ketling. Alle waren sehr erstaunt und fragten den Bogenschützen um die Wette aus, wie er zu der türkischen Verkleidung gekommen sei: er ergriff das Wort und erzählte:

»Ich purzelte rückwärts taumelnd über die Leiche eines Janitscharen und schlug mit dem Kopf an eine Kugel, die am Boden lag, und obwohl meine Mütze mit Draht versehen ist, ward es mir doch neblig um die Sinne, da mein Gehirn von dem Schlage, den mir Hamdi versetzt hatte, noch sehr empfindlich ist. Dann später erwache ich — sieh' da, ich liege auf einem toten Janitscharen, weich wie im Bette. Ich fühle nach meinem Kopfe: er tut ein wenig weh, aber nicht einmal eine Beule ist zu spüren; ich nehme die Mütze ab, der Regen kühlt mir den Kopf, ich denke bei mir: Gut so. Da fällt mir ein: wenn ich dem Janitscharen so den ganzen Plunder abnähme und unter die Türken ginge? Ich spreche ja türkisch wie meine Muttersprache, niemand wird mich erkennen, und mein Gesicht verrät mich auch nicht. Ich will hingehen und sie belauschen. — Wohl packte mich auch die Angst; ich dachte an die alte Gefangenschaft, aber ich ging doch hin. Die Nacht war dunkel, nur an einigen Stellen war Licht; und so ging ich, sag' ich euch, unter ihnen einher wie unter den eigenen Landsleuten. Viele von ihnen lagen in den Gräben unter Decken; ich ging auch zu ihnen. Einer und der andere fragte mich: Was schlenderst du umher? — Ich mag nicht schlafen, antwortete ich. Andere schwatzten über die Belagerung. Es herrscht große Verwunderung unter ihnen, ich habe es mit eigenen Ohren gehört, wie sie unsere Kommandanten hier geschmäht haben« — bei diesen Worten verneigte sich Muschalski vor Michael. »Ich wiederhole ihre ipsissima verba, denn Feindes Tadel ist das größte Lob. — Solange dieser kleine Hund — so nannten die Hundsfötter Ew. Gnaden — solange dieser kleine Hund das Schloß verteidigt, kriegen wir es nimmermehr. — Er ist kugel- und eisenfest, sagte ein anderer, und der Tod weht vor ihm die Menschen an wie die Pest. — Da begannen sie alle zu klagen: Wir allein müssen in den Kampf, und die anderen Heere tun gar nichts, die Dschamaken liegen auf dem Rücken, die Tataren plündern, die Spahis schlendern im Bazar umher, — und zu uns sagt der Padischah: Meine lieben Schäfchen; aber wir scheinen ihm doch nicht gar so sehr ans Herz gewachsen zu sein, wenn man uns hier wie zur Schlachtbank führt. Wir halten's aus — sagten sie —, aber nicht lange; dann gehen wir nach Chozim zurück, und wenn wir den Urlaub nicht bekommen, so kann manches große Haupt fallen.«

»Hört ihr's, Herren?« rief Michael. »Wenn die Janitscharen sich empören, wird dem Sultan der Schreck in die Glieder fahren, und er gibt die Belagerung auf.«