»Ketling, siehst du?« flüsterte er und wandte sich um zu dem Freunde. Auch Ketlings Gesicht war bleich geworden.

»Ich seh's,« sagte er.

Sie sahen einander in die Augen und sagten sich mit Blicken, was zwei solche Krieger ohne Furcht und Tadel sich sagen konnten, die nie in ihrem Leben ihr Wort gebrochen und die vor dem Altar geschworen hatten, eher zu sterben, als das Schloß zu übergeben. Jetzt, nach solcher Gegenwehr, nach solchem Kampfe, der an die Tage von Sbarasch erinnerte, nach der glücklichen Abwehr des Sturmes und nach dem Sieg, hieß man sie den Eid brechen, das Schloß übergeben und am Leben bleiben!

Wie noch kurz vorher todbringende Kugeln über das Schloß geflogen waren, so jagten jetzt tödliche Gedanken durch ihre Köpfe; ein unermeßlicher Schmerz preßte ihre Herzen zusammen, der Schmerz um zwei liebende Wesen, der Schmerz um das Leben, um das Glück, und so sahen sie einander an wie Irre, wie Tote, nur bisweilen richteten sie ihre verzweiflungsvollen Blicke nach der Stadt, als wollten sie sich überzeugen, ob ihre Augen sie nicht täuschten, ob wirklich ihre letzte Stunde gekommen sei.

Inzwischen ertönte Pferdegetrappel von der Stadt her, und bald darauf stürzte Horaim, der getreue Knappe des Generals von Podolien, herein.

»Ein Befehl an den Herrn Kommandanten!« rief er, indem er vom Pferde sprang. Michael nahm den Befehl, las ihn schweigend und sprach, während ihn Grabesstille umgab, zu den Offizieren:

»Meine Herren, die Kommissare haben mit einem Boot den Fluß überschritten und sich nach Dluschek begeben, um den Vertrag zu unterzeichnen; in wenigen Minuten werden sie diesen Weg hier zurückkommen ... Vor Abend sollen wir das Heer aus dem Schlosse führen und unverzüglich die weiße Fahne hissen ...«

Niemand sprach ein Wort, nur beschleunigtes Atmen ward vernehmbar.

Endlich meldete sich Kwasibrozki:

»Wir müssen die Fahne aufhissen, ich will die Leute sogleich sammeln.«