DER ERHABENE SPRACH

Die ganz in mich versenkt nur mir andächtig stets Verehrung weihn,2
Von höchstem Glauben ganz erfüllt, denen gebührt der Andacht Preis.
Doch die dem Unvergänglichen, Unsichtbaren Verehrung weihn,3
Das üb'rall weilt, unvorstellbar, fest, unbeweglich, gipfelhoch;
Die, bänd'gend ihrer Sinne Schar, gleichgesinnt gegen Jedermann,4
An aller Wesen Heil sich freun, – auch die erlangen mich gewiß.
Mehr Mühsal aber haben sie, die sich dem Unsichtbaren weihn;5
Von Körperwesen wird nur schwer das unsichtbare Ziel erreicht.
Die aber all ihr Tun auf mich hinwerfen, mir ergeben ganz,6
In Andacht, die nur mir geweiht, mich verehren, in mich versenkt,
Denen werd' ich ein Retter sein aus dem Meere der Todeswelt,7
In Kürze schon, o Prithâ-Sohn, wenn all ihr Denken mir gehört.
Drum richt' auf mich nur deinen Sinn und senk' in mich nur deinen Geist,8
So wirst du wohnen auch in mir nach dieser Zeit unzweifelhaft.
Doch kannst dein Denken du in mich noch nicht versenken ganz und gar,9
Dann suche zu erreichen mich durch Andacht, die du eifrig übst.
Bist du auch dazu noch zu schwach, dann weihe dich dem Tun für mich, –10
Wenn meinethalb du Werke tust, wird auch Vollendung dir zuteil.
Wenn du auch das nicht leisten kannst, auf die Andacht zu mir gestützt,11
Verzicht' auf aller Taten Frucht, als Einer, der sich selbst bezähmt.
Mehr ist Erkenntnis als Bemühn, Versenkung noch viel höher steht,12
Noch höh'r Verzicht auf Tatenfrucht, – dann ist der Seelenfrieden da.
Wer keinem Wesen feindlich ist, freundlich gesinnt und mitleidsvoll,13
Von Selbstsucht und von Dünkel frei, geduldig, gleich in Leid und Lust,
Zufrieden, immer andachtsvoll, sich zügelnd, dem Entschlusse treu,14
Mit Sinn und Geist in mich versenkt, – wer so mich ehrt, der ist mir lieb.
Vor dem die Welt nicht zittern muß, der auch nicht zittert vor der Welt,15
Wer frei von Freude, Unmut, Furcht und Aufregung, der ist mir lieb.
Unbekümmert, rein und tüchtig, unparteiisch und unverzagt,16
Alle Pläne fahren lassend, – wer so mich ehrt, der ist mir lieb.
Wer nicht frohlocket und nicht haßt, um nichts trauert und nichts begehrt,17
Wer Wohl und Übel fahren läßt und mich verehrt, der ist mir lieb.
Gleichmütig gegen Feind und Freund, gleichmütig gegen Ehr' und Schmach,18
Kält' und Hitze, Glück und Unglück, befreit vom Hängen an der Welt;
Lob und Tadel gleich viel achtend, schweigsam, zufrieden immerdar,19
Ohn' Haus und Heim, von festem Sinn, – solch ein Verehrer ist mir lieb.
Und die dem Nektar meines Worts, dem heiligen, Verehrung weihn,20
Glaubensvoll, mir ganz ergeben, mich liebend – ja, die sind mir lieb!

DREIZEHNTER GESANG

DER ERHABENE SPRACH

Dieser Leib, o Sohn der Kuntî, er wird bezeichnet als das „Feld“,1
Wer diesen kennt, den nennet man den „Feldkenner“[149] – es ist der Geist!
Wisse, daß ich Feldkenner bin auf allen Feldern, Bhârata!2
Vom „Feld“ und von dem „Feldkenner“ das Wissen ist des Namens wert[150].
Doch was das Feld und wie es ist, wie sich verändernd und woher,3
Auch des Feldkenners Art und Macht vernimm in Kürze nun von mir.
In manchen Rhythmen sang es einst vielfältig manches Sängers Mund,4
In klaren, wohlbegründeten Brahman-Büchern verkündet ist's.
Die Elemente und das Ich, der Verstand, das Unsichtbare,5
Zehn Sinne und der inn're Sinn[151], auch die fünf Sinnesreiche noch;
Begehren, Hassen, Lust und Leid, Körper, Denken und Festigkeit, –6
Zusammen wird's das „Feld“ genannt, in dem ein ew'ger Wechsel wohnt[152].
Bescheidenheit und Redlichkeit, das Nichtverletzen, die Geduld,7
Reinheit, Ehrfurcht vor dem Lehrer, Beständigkeit, Selbstzügelung;
Entsagung von der Sinnenwelt, vor allem auch Selbstlosigkeit,8
Ein recht Erwägen, wie Geburt, Tod, Alter, Krankheit Schmerz bewirkt;
Kein Hang zur Welt, noch Sichklammern an Söhne, Gattin, Haus und Hof,9
Beständige Gleichmütigkeit bei jedem Schicksal, gut und bös;
Verehrung, die sich nicht verirrt, durch Andacht, die nur mir geweiht,10
Das Wohnen in der Einsamkeit, an Gesellschaft sich nicht erfreun;
Stetes Erkennen höchsten Geist's, die Einsicht in des Wissens Zweck,11
Das ist es, was man Wissen nennt, – was anders ist, Nichtwissen heißt's.
Ich sag' dir, was man wissen muß, was die Unsterblichkeit verschafft,12
Das anfangslose, höchste Brahm, nicht Sein noch Nichtsein wird's genannt.
Hände und Füße, Augen, Köpf' und Münder hat es überall,13
Auch Ohren hat's in aller Welt, das All umfassend steht es da;
Strahlend durch aller Sinne Kraft, von allen Sinnen doch ganz frei,14
Alltragend, qualitätenlos, und doch der Qualitäten froh;
In- und außerhalb der Wesen, sich bewegend und unbewegt,15
Unerfaßbar ob der Feinheit, ganz fern und wiederum ganz nah;
Nicht zerteilet in den Wesen und wie zerteilt doch steht es da,16
Als der Wesen Träger kenn' es, der sie verschlingt und wieder zeugt.
Das Licht der Lichter wird's genannt, das über aller Finsternis,17
Wissen, wißbar, wissenswürdig, in Jedes Herzen steckt es drin.
So vom „Feld“ und von dem Wissen und Wissenswürdgen sagt' ich dir[153], –18
Wer mich verehrt und dies erkennt, wird teilhaft meines Wesens sein.
Natur und Geist – das wisse du – ohne Anfang sie beide sind;19
Doch Veränd'rung und Qualität entspringen beid' aus der Natur.
Bei allem, was das Tun betrifft, dafür ist die Natur Prinzip,20
Beim Genießen von Lust und Leid wird der Geist das Prinzip genannt.
Der Geist, in die Natur gebannt, schmeckt, was sie schafft, die Qualität,21
Sein Hängen an der Qualität ist Ursach steter Neugeburt.
Der Zeuge, der Gewährer auch, Träger, Genießer, großer Herr22
Und höchstes Selbst[154] auch wird genannt in diesem Leib der höchste Geist[155].
Wer so den Geist und die Natur zusamt den Qualitäten kennt,23
Wo und wie er sich auch bewegt, erleidet keine Neugeburt.
Durch Versenkung schauen Manche in sich und durch sich selbst das Selbst,24
Andre schaun's durch Kraft des Denkens[156], durch Werkübung noch Andere;
Andre ehren es unwissend, da sie von Andern es gehört;25
Auch sie besiegen so den Tod, der heil'gen Schrift ergeben ganz.
So oft ein Wesen auch entsteht, sei es beweglich oder fest,26
Es wird durch die Vereinigung des Felds und des Feldkundigen.
Wer in den Lebewesen all denselben höchsten Herrn erblickt, 27
Der nicht vergeht, wenn sie vergehn, – wer das erkennt, hat recht erkannt.
Denn wer denselben Herrn erkennt als den, der Allen innewohnt,28
Verletzt das Selbst nicht durch das Selbst und wandelt so die höchste Bahn[157].
Und wer die Taten allerwärts durch die Natur nur sieht geschehn,29
Das Selbst dabei als nichthandelnd erkennet, der hat recht erkannt.
Wenn er die Sonderexistenz der Wesen all in Einem schaut,30
Und von Diesem aus entwickelt, dann wandelt er zum Brahman hin.
Dies ewige und höchste Selbst, ohn' Anfang, ohne Qualität,31
Wenn es auch in dem Körper wohnt, doch handelt's nicht, wird nicht befleckt.
Der Äther ist allüberall[158], wird nicht befleckt, weil er zu fein, –32
So wird das Selbst auch nicht befleckt, auch wenn's in allen Körpern weilt.
Wie die Sonne die ganze Welt allein mit ihrem Licht erhellt,33
So erleuchtet das ganze Feld der Herr des Felds, o Bhârata!
Die zwischen Feld und Feldkenner den Unterschied mit Wissensaug'34
Erkennen, die Erlösung auch von der Natur, – die gehn zu Gott.

VIERZEHNTER GESANG

DER ERHABENE SPRACH

Weiter will ich dir verkünden das höchste Wissen, das es gibt,1
Welches kennend die Weisen all höchste Vollkommenheit erreicht.
Auf dieses Wissen fest gestützt sind Eins geworden sie mit mir,2
Auch Weltschöpfung, Weltvernichtung bringt ihnen nicht Geburt und Schmerz.
Das große Brahman ist mein Schoß, in den ich leg' den Lebenskeim,3
Das Werden aller Wesen hat dort seinen Ursprung, Bhârata.
In allen Mutterschößen, Freund, welche Gestalten auch entstehn,4
Brahman ist deren Mutterschoß, den Samen geb' als Vater ich.
Güte, Leidenschaft, Finsternis[159], die Qualitäten der Natur,5
Sie fesseln in dem Leibe hier den Geist, den unvergänglichen.
Güte ist strahlend, leidenlos, weil sie von allen Flecken frei,6
Sie fesselt durch das Hängen an dem Glück und an dem Wissen dich.
Die Leidenschaft ist voll Begehr, erzeugt das Hängen an dem Durst[160],7
Sie fesselt deine Seele hier durch Hängen an der Tatenlust.
Finsternis aus Nichtwissen stammt und alle Sterblichen betört,8
Sie fesselt durch Nachlässigkeit, Faulheit und Schlaf, o Bhârata.
Güte läßt hängen an dem Glück, Leidenschaft an der Tatenlust,9
Finsternis an Nachlässigkeit, nachdem das Wissen sie umhüllt.
Zwingst Leidenschaft und Dunkel du, dann tritt die Güte siegreich vor,10
Wenn Leidenschaft und Güte-Dunkel; wenn Güt' und Dunkel-Leidenschaft.
Wenn in des Leibes Pforten all des Wissens helles Licht erscheint,11
Dann wisse wohl, dann wuchs in ihm die Qualität der Güte groß.
Habsucht, Streben, Unternehmen von Taten, Unruh und Begier,12
Diese entstehn, o Bhârata, wenn Leidenschaft erwachsen ist.
Ein finstres Wesen, Nichtstreben, Nachlässigkeit, Betörung auch,13
Diese entstehn, o Kuru-Sohn, wenn Finsternis erwachsen ist.
Ward Güte in dem Menschen groß, dann nach dem Tod erreichet er14
Jene fleckenlosen Welten der höchsten Wissens Kundigen.
Stirbt er in Leidenschaft, dann kommt er unter Tät'gen neu zur Welt,15
Stirbt er im Dunkel, wird er neu geboren aus betörtem Schoß.
Die Frucht der recht getanen Tat ist guten Wesens, fleckenlos,16
Die Frucht der Leidenschaft ist Leid, – Nichtwissen ist des Dunkels Frucht.
Aus der Güte entsteht Wissen, aus der Leidenschaft die Begier,17
Nachlässigkeit, betörter Sinn, Nichtwissen aus dem Dunkel stammt.
Hinauf gehn, die an Güte reich, – Leidenschaft in der Mitte bleibt;18
Hinunter geht der Finsterling von der niedersten Qualität.
Wenn keinen Täter du mehr kennst als nur der Qualitäten Schar,19
Auch weißt, was über diesen steht, – dann gehst du in mein Wesen ein.
Wenn der Mensch die leibzeugenden drei Qualitäten hat besiegt,20
Frei von Geburt, Tod, Alter, Schmerz erlangt er die Unsterblichkeit.

ARJUNA SPRACH

An welchen Zeichen wird, o Herr, solch ein siegreicher Mensch erkannt?21
Wie ist sein Wandel? wie gelangt er über alle drei hinaus?