Handelte es sich bei den Gewehrläufen um verhältnißmäßig nur kleine Stücke, welche herzustellen auch anderen Fabrikanten möglich war, so mußte sich dies völlig zu seinen Gunsten verändern, wenn der Gußstahl auch für Geschützrohre zur Anwendung kam. Hier war er der Einzige, der die Blöcke in der erforderlichen Größe zu erzeugen im Stande war. Und auf die Geschützfabrikation wandte er nun sein Auge.

Man fertigte zu jener Zeit die, durchweg noch glatten, Vorderladergeschütze aus Bronze. Krupp dachte zunächst noch nicht daran, an der Konstruktion, wie sie gebräuchlich war, etwas zu ändern, sondern hielt nur sein Material für vortheilhafter, weil die Rohrwandung bei dessen Anwendung viel dünner, das Rohr also viel leichter und das Geschütz beweglicher gestaltet werden konnte. Zunächst hielt er nicht einmal für nöthig, das Rohr ganz aus Gußstahl herzustellen, denn der Hauptmangel des Bronzerohres bestand in der schnellen Abnutzung der Seelenwandung. Er fertigte also nur das Kernrohr aus Gußstahl und umgab dieses mit Gußeisen. Solch ein Mantelrohr besaß der Dreipfünder, welchen er 1847 nach Berlin schickte, wo er — wiederum bezeichnend — ziemlich unbeachtet liegen blieb, bis 1849 die von der Artillerie-Prüfungskommission angestellten Versuche die Vortrefflichkeit des Materials zur Anerkennung brachten, ohne aber irgendwelche praktischen Ergebnisse zu veranlassen. Solch ein Mantelrohr besaß der Sechspfünder, welcher 1851 auf der Londoner Ausstellung allgemeine Aufmerksamkeit erregte und später, als Geschenk an den König von Preußen, im Zeughause zu Berlin Ausstellung fand. Solch ein Mantelrohr besaß auch der Zwölfpfünder, welcher 1854 nach den vorgeschriebenen Angaben des Kommandeurs der braunschweigischen Artillerie, Oberstlieutenants Georg Orges, hergestellt und eingehenden Schießversuchen unterworfen wurde. Der genannte, in militärischen Kreisen hochangesehene Offizier, war der erste, welcher die hohe Bedeutung des Krupp’schen Gußstahls für die Artilleriewaffe sowohl als für die deutsche Industrie nicht nur erkannte, sondern in seinem Gutachten deutlich aussprach. Er stellte die Behauptung auf, daß die Gußstahlrohre mehr leisten würden, als die besten Bronzerohre, daß ihre Einführung der deutschen Feld- und Festungsartillerie den größten Vortheil gewähren, daß ihre Fabrikation der deutschen Eisenindustrie Millionen zuwenden und Deutschland in Beziehung eines wichtigen Kriegsbedürfnisses unabhängig vom Auslande machen werde. Er hob aber auch hervor, daß eine früher oder später doch nothwendig werdende Neubeschaffung der Rohre in der deutschen Feldartillerie aus Stahl, wobei zwei Drittel der Kosten durch den Werth der Bronzerohre gedeckt würden, Gelegenheit gäbe, in die deutschen Feldartillerien Einheit zu bringen und dadurch ihr Zusammenwirken, die Leichtigkeit des Erfolges etc. unglaublich zu fördern.

Bevor dieses — in der Zukunft so voll bewahrheitete — günstige Urtheil in maßgebenden Kreisen, namentlich Preußens, so weit sich Boden errungen hatte, um die ausgesprochenen Wünsche durch die Einführung der Gußstahl-Geschütze erfüllt zu sehen, brauchte es allerdings noch geraume Zeit und hatte viele Widerstände zu besiegen; aber an Anerkennungen mangelte es Krupp bereits in diesen Jahren nicht. Die Ausstellung in München 1854 brachte ihm nicht nur die goldene Denkmünze, sondern als „Merkmal Allerhöchster Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen der Fabrik” vom König von Württemberg die größere goldene Medaille für Kunst und Industrie. Gleichzeitig erhielt er in Anerkennung der Vorzüglichkeit von dorthin gelieferten Probegeschützen vom König von Bayern das Ritterkreuz des Verdienstordens vom heil. Michael, vom Kaiser Franz Joseph von Oesterreich eine kostbare mit Brillanten besetzte Dose, vom König von Preußen den rothen Adlerorden IV. Klasse.

In Berlin scheiterten alle Anstrengungen der für die Gußstahlgeschütze gewonnenen Freunde immer noch an dem zähen Widerstand der Vertheidiger der Bronzerohre, besonders des General-Inspekteurs der Artillerie, des Generallieutenant v. Hahn, der trotz des günstigen Ausfalles der wiederholt mit Krupp’schen Geschützen angestellten Versuche, sich nicht entschließen konnte, die Ueberlegenheit des Gußstahls über die Bronze durch Empfehlung der Einstellung Krupp’scher Kanonen in die Truppe anzuerkennen. Nicht unberechtigt schrieb deshalb Oberst Weber, Direktor der Geschützgießerei in Augsburg, auf Grund der 1854 in Bayern veranstalteten Versuche, in Dingler’s polytechnischem Journal: „Zum Glück braucht die Eisentechnik nicht mehr die Schießversuche, um festzustellen, welches Geschützmaterial das bessere sei, und wenn das engere Vaterland verkennt, was die eigene Technik leistet, so erkennt es das weitere Vaterland.” Das war deutlich. Es erschien aber Krupp, so richtig es gegenüber den preußischen Behörden sein mochte, unbillig in Bezug auf die hohen Persönlichkeiten, welche seinen Bestrebungen stets ihr Wohlwollen entgegengebracht hatten. Er nahm deshalb Veranlassung in einer berichtigenden Zuschrift an die Allgemeine Augsburger Zeitung in taktvoller Weise die Gnadenbeweise des Königs Friedrich Wilhelm IV. (die erwähnte Dekoration und eine Schenkung für das Essener Krankenhaus, welche auf Veranlassung des Prinzen von Preußen erfolgt sein dürfte) als eine überreiche Anerkennung zu erwähnen.

Wenngleich die Mantelrohre schon die Bronzerohre so wesentlich an Widerstandskraft überragten, daß z. B. die Wandstärke des Dreipfünders nur 32,7 gegenüber 62,8 mm (beim Bronzerohr) zu betragen brauchte, ging doch Krupp etwa im Jahre 1854 zum Massivrohr über, indem er das ganze Rohr einschließlich der zur Lagerung in der Laffete nöthigen Schildzapfen aus Gußstahl herstellte. Ein solches Rohr, 12pfündige Granatkanone, gleich in inneren Abmessungen und Einrichtung der damals neu eingeführten französischen bronzenen Granatkanone, sandte er zur zweiten internationalen Industrie-Ausstellung, welche Kaiser Napoleon II. 1855 in Paris in Scene setzte. Es mag nebenbei erwähnt werden, daß auch hier wieder ein Gußstahlblock, aber dieses Mal 5000 Kgr. schwer, also von mehr als doppeltem Gewicht des Londoner von 1851, die allgemeine Bewunderung hervorrief. Bereits bei seiner Ankunft auf dem Ausstellungsplatze ward er von den Arbeitern mit heiligem Respekt behandelt und nicht anders als „la sacre tête carrée d’Allemand” genannt.

Die Herstellung der Massivrohre war der nächste Vorläufer der allgemeinen Einführung der Gußstahlgeschütze in den europäischen Armeen. Die gesammte Artillerie war in ein Stadium der Umwälzung eingetreten, welches in der Folge Jahrzehnte hindurch von Vervollkommnung zu Vervollkommnung immer größere Fortschritte zeitigte und in dem Gußstahl das unbedingt erforderliche Material von hoher Leistungsfähigkeit fand, um die stets weiter sich entwickelnden Ideen ins Leben treten zu lassen. Anfangs beschränkte sich, wie wir sehen werden, Krupp lediglich auf die Lieferung des Materials, auf die Anpassung an die Form, die in jedem Staate für brauchbar erachtet worden war; nicht lange aber begnügte er sich mit dieser sozusagen subalternen Stellung. Sein Schaffenstrieb ließ ihn selbst nach neuen und seinem Material am besten entsprechenden Konstruktionen suchen, und bald stand er als genialer Meister führend an der Spitze der Geschützingenieure.

Die Feldartillerie war durch die Einführung der gezogenen Handfeuerwaffen, welche in allen Armeen seit den vierziger Jahren immer mehr vervollkommnet wurden, in ihrem Werthe für die Schlacht ganz wesentlich beeinträchtigt worden. Die glatten Kanonen hatten nur kleine Schußweiten, ihre werthvollen waren gerade diejenigen, welche jetzt die Infanterie mit den neuen Gewehren auch beinahe erreichen konnte. Sie vermochten also nur noch auf die größeren Entfernungen — über 600 m — zu schießen, denn wenn die feindlichen Schützen ihnen näher standen, wurden sie zum Abfahren gezwungen, wie sich bereits in den Kriegen 1848 bis 1850 mehrfach gezeigt hatte. Der für so werthvoll erachtete Kartätschschuß kam kaum mehr zur Verwendung. Wollte die Feldartillerie nicht zu einer unnützen Last der Armee herabsinken, so mußte sie ihre Leistungen betreffs Schußweite, Treffsicherheit und Geschoßwirkung mächtig steigern. Dahin gingen nun alle Anstrengungen und zwar lag es nahe, gerade wie bei dem Gewehr, auch beim Geschütz durch eine Führung des an die Rohrwände gepreßten Geschosses die größere Leistung zu erreichen, also gezogene Geschütze zu konstruiren. Gerade wie bei dem Gewehr begann der Kampf zwischen Vorder- und Hinterlade-Systemen, und gerade wie bei jenem war es die bei Weitem stärkere Beanspruchung des Materials, die die Verwendung des Gußstahls in den Vordergrund drängte.

Den Vorderladern gehörte auch die französische, von Napoleon selbst konstruirte und trotz aller Widersprüche und Bedenken eingeführte Granatkanone an, die, wie viele damalige neue Geschütze, in der Ausbildung einer guten Schrapnellwirkung die Rettung suchte. Das Bronzerohr war für ein Feldgeschütz zu schwer, und den ersten ins Auge springenden Vortheil zeigte Krupps zur Ausstellung geschicktes Rohr darin, daß es nur 535 (gegen 620) kg wog. Eine Kommission stellte aber ferner in einer Reihe von Versuchen fest, daß das Material in jeder Beziehung dem Geschütz eine große Ueberlegenheit über das Bronzerohr gewähre. Es wurden weitere Gußstahlblöcke bestellt und in Straßburg fertig bearbeitet; die Dauerversuche ergaben nach 3000 aus jedem Rohr abgegebenen Schüssen noch keine Veränderung der Seelenwand, eine Gewaltprobe, — 35 Schuß mit 6 kg Ladung und 6 Kugeln —, vermochte das Rohr nicht zu sprengen. Und so, wie in Frankreich, lieferten alle Proben, welche in dieser Zeit in Rußland, Holland, Württemberg, der Schweiz, Hannover, Spanien und Oesterreich mit Krupp’s Geschützen angestellt wurden, denselben Beweis für ihre jedes andere Material bei Weitem übertreffende Leistungsfähigkeit. Nur ein in England gemachter Versuch mit einem 68pfündigen Mantelrohr, das zwischen 6000 und 7000 Pfund wog, ergab ein ungünstiges Resultat, weil man von vornherein mit ganz abnormen Ladungsverhältnissen operirte. Man wollte die Ueberlegenheit der eigenen Fabrikate unter allen Umständen behaupten.

Die erste größere Bestellung machte Aegypten, welchem 1856–59 im Ganzen 36 Stück Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder geliefert wurden. Alle diese Geschütze waren Vorderlader und nur wenige gezogene Rohre. Auf die Idee, gezogene Hinterlader zu konstruiren, war zuerst der schwedische Hüttenbesitzer Baron Wahrendorff in Aaker (1840) und der dort kommandirte sardinische Artillerie-Offizier Cavalli (1846) verfallen. Beide arbeiteten unter gegenseitigem Einfluß, indem Wahrendorff zuerst in einem glatten Hinterladerohr durch Bleiüberzug der Kugel den Spielraum beseitigte, Cavalli aber das Rohr mit Zügen versah, in welchen das cylindrokonische Geschoß aber mit Spielraum geführt wurde, worauf Wahrendorff auch die Führungszüge übernahm, den Spielraum aber gänzlich beseitigte. Es ist leicht verständlich, daß die Geschoßführung Cavallis auch beim Vorderlader anwendbar ist, da man das Geschoß, mit Spielraum laufend, von vorn einführen kann, und in dieser Gestalt fand sein Vorschlag in Frankreich und Oesterreich Anwendung. In ersterem Lande basirte Lahitte sein System darauf, und die seit 1858 beschafften Geschütze waren ebenso wie die österreichischen von 1863 gezogene Vorderlader.

In Folge der — auch mit gezogenen Gußstahlzwölfpfündern nach System Lahitte 1856 ausgeführten — befriedigenden Versuche machte die französische Regierung nun thatsächlich eine Bestellung bei Krupp auf 300 solche Geschütze. Wäre sie zur Ausführung gekommen, so ist kaum zu bezweifeln, daß auch für die Zukunft Krupp der Lieferant der französischen Geschütze geblieben wäre, da keine französische Firma sein Fabrikat zu ersetzen vermochte, und trotz aller Anstrengungen auch bis heute nicht zu ersetzen vermag. Es ist wohl auch kein Grund zu finden, der ihn hätte abhalten sollen, diese Lieferungen dauernd zu übernehmen. Dann hätten wir 1870 wahrscheinlich ein ganz gleichwerthiges Geschützmaterial uns gegenüber gehabt, und der einzige Vortheil hätte darin bestanden, daß Krupp mit dem Ausbruch des Krieges seine Thätigkeit für Deutschlands Gegner eingestellt und diesen dadurch für den weiteren Verlauf des Krieges in eine große Verlegenheit betreffs Beschaffung seiner Geschütze versetzt hätte. Aber da wäre zweifelsohne England als hilfreicher, wenn auch neutraler Geschäftsfreund eingetreten. Ein gütiges Geschick bewahrte aber unser Vaterland vor dieser großen Gefahr. Die in Frankreich herrschende Geldkrisis veranlaßte die Regierung, ihre Bestellung rückgängig zu machen, und später bot die nicht unberechtigte Besorgniß vor einer gewissen Abhängigkeit von einer ausländischen Fabrik und die Rücksicht auf die eigene Metallindustrie ein Hinderniß, die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen. Man bestellte bei Krupp nur noch einzelne Probegeschütze zum Zweck der Kenntnißnahme der in Essen gebauten Konstruktionen und auch dieses nur bis 1866. Später wies der Fabrikant bekanntlich jede geschäftliche Beziehung zur französischen Regierung von der Hand.