In Preußen war man bereits 1851 in Versuche mit gezogenen Hinterladern nach der Wahrendorff’schen Idee, also mit gepreßter Geschoßführung eingetreten und hatte seit 1853 auch solche mit einem 6pfündigen Feldgeschütz begonnen. Es zeigte sich, daß die Seele des Bronzerohres schnell sich abnutzte und durch hängenbleibende Theile des Bleimantels der Geschosse unbrauchbar wurde. Hier konnte, wie General v. Kunowski richtig erkannte, nur der Gußstahl Abhilfe verschaffen, weil er Herstellung eines genügend langen und nicht zu schweren Rohres gestattete, welches die Mängel des Ausschießens und Verbleiens ganz beseitigte. So erfolgte der hochwichtige Schritt, welcher in der Folge die preußische Heeresverwaltung in immer innigere Beziehung zur Gußstahlfabrik in Essen brachte: die Bestellung zweier Sechspfünder-Gußstahlrohre bei Alfried Krupp, die, Anfangs 1856 geliefert, in Spandau gezogen wurden und sehr günstige Schießresultate ergaben. Im Januar 1857 berichtete die Artillerie-Prüfungskommission: „Der Gußstahl ist zur Anfertigung gezogener langer Rohre ein Material, das durch kein anderes zu ersetzen ist.”
Weitere Versuche, die bezüglich Konstruktion des Verschlusses, der Geschosse und ihrer Zünder angestellt werden mußten, zogen sich bis zum Jahre 1859 hin und immer noch konnte sich der Generalinspekteur der Artillerie, Generallieutenant v. Hahn, nicht entschließen, auch nur dem Antrage der Artillerie-Prüfungs-Kommission auf Einstellung von 16 Gußstahl-Sechspfündern, zu vier Batterien formirt, in die Armee beizustimmen. Da gab ein vor dem damaligen Prinz-Regenten ausgeführtes Probeschießen endlich den Ausschlag; dieser stimmte dem Vorschlag bei, die Versuche mit dem gezogenen Feldgeschütze für abgeschlossen zu erklären und gegenüber den Fortschritten, welche bei allen Großstaaten mit Einführung gezogener Geschütze gemacht würden, energisch mit der Herstellung des neuen Geschützes vorzugehen; er ging aber auch gleich einen Schritt weiter, als der Vorschlag es gewagt hatte, da er ebenso von der Vorzüglichkeit der neuen Waffe, als von ihrer Wichtigkeit überzeugt war; er korrigirte eigenhändig in der ihm zur Unterschrift vorgelegten Allerhöchsten Kabinetsordre (vom 7. Mai 1859), welche die schleunigste Beschaffung der Geschütze verfügte, die Zahl „einhundert” in „dreihundert”. Es ist mithin der eigensten Initiative unseres großen Kaisers zu danken, daß er durch seinen Entschluß den von anderer Seite immer wieder erhobenen Bedenken einen Riegel vorschob und das als nothwendig und für seine Armee segensreich Erkannte mit Energie zur Ausführung brachte.
Hiermit hatte Krupp endlich das Ziel erreicht, das er seit Anfang der vierziger Jahre unentwegt erstrebt hatte, seinen Gußstahl der vaterländischen Landesvertheidigung dienstbar zu machen. Es waren recht kostspielige Versuche gewesen, die er in einer Zeit zu diesem Behufe angestellt hatte, in der die Einnahmen noch spärlich zuflossen und für die Erweiterung der Fabrikanlagen so nothwendig gebraucht wurden, daß ihre Verwendung für Geschützkonstruktionen, die nichts einbrachten, wirklich als ein Luxus zu betrachten war. Schlugen doch auch nicht alle, oft recht kühnen, neuen Unternehmungen glücklich aus und gaben doch selbst in den fünfziger Jahren noch materielle Verluste wiederholt Anlaß zu ernsten Sorgen Angesichts eines so energischen Geschäftsbetriebes, der nicht zögerte, jeden Gewinn zur Verwirklichung neuer Ideen zu benutzen. Aber seitdem Alfried Krupp die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er berufen sei, seinem Vaterlande ein Arsenal der vorzüglichsten Waffen zu liefern, verfolgte er dieses Ziel mit hartnäckiger Ausdauer und benutzte die Erträgnisse seiner Friedensartikel mit Vorliebe, um die kostspieligen Versuche mit Geschützrohren weiter zu führen. Er selbst äußerte einmal im Jahre 1858 einem Artillerieoffizier gegenüber: „Er habe bereits 1847 das erste Stahlgeschütz für Preußen geliefert und immer noch nicht sei man in Spandau entschieden. Wenn er nur auf Gelderwerb sehen wollte, so dürfe er keine Geschütze gießen, denn das Untersuchen, Prüfen etc. halte immer sehr lange auf.” Mit Humor fügte er hinzu, „für den Bey von Tunis oder den Khedive von Aegypten sei leichter arbeiten; denn deren Artillerie prüfe nicht so lange, wie die preußische Artilleriekommission, und zahle, noch ehe die Rohre abgeliefert seien. Er lege aber einen Werth auf die Ehre, seinem Vaterlande mit seiner Erfindung zu nützen, und deshalb gestatte er sich die kostspielige Nebenbeschäftigung der Geschützanfertigung.”
Eine persönliche Anerkennung ward Krupp im Jahre 1860 durch den Prinzregenten zu Theil, welcher ihm am 29. Januar den Rothen Adler-Orden mit der Schleife verlieh. Als Abschluß dieser Periode in seinem Leben ist aber gewissermaßen der Besuch zu betrachten, welchen der Regent als König ihm zu Theil werden ließ, als er im Jahr 1861 von Compiègne zurückkehrte, wo er am 6. Oktober den Besuch des Kaisers Napoleon erwidert hatte.
Kurz vorher hatte sich in dem Gußstahlwerke ein wichtiges Ereigniß vollzogen, der neue Dampfhammer „Fritz” war am 16. September in Betrieb gesetzt worden. Es wurde bereits früher auf die Wichtigkeit großer schwerer Hammerwerke für die Bearbeitung starker Gußstahlblöcke hingewiesen. Mit der Konstruktion dieses Riesenhammers, welcher alle bisherigen Größenverhältnisse so weit überragte, daß sein Unternehmen in technischen Kreisen für unausführbar gehalten wurde, wagte Krupp einen kühnen Schritt über die Grenzen hinaus, welche man allgemein für unüberschreitbar hielt. Der Hammer erhielt eine Fallschwere von 1000 Zentnern und hat ein Gesammtgewicht von 60000 kg: ein Stahlprisma von 3,7 m Länge, 1,5 m und 1,25 m Dicke, das 4 m über der Erde aufgehängt ist und dessen alles zermalmende Fallkraft dennoch durch sinnreiche Konstruktion genau regulirt und auf jede bis auf den Millimeter abzumessende Entfernung über dem Ambos eingestellt werden kann. „Als zum ersten Male der Hammer vor der erwartungsvoll gespannten Beamten- und Arbeiterschaar, in der der Fabrikherr den vordersten Platz einnahm, langsam in die Höhe stieg, um im nächsten Augenblick mit furchtbarer Vehemenz auf einen mächtigen Gußstahlblock niederzufallen, sprangen die zunächst stehenden Personen entsetzt zurück. Krupp war der Einzige, der ruhig seinen Platz behauptete und unverrückt die großartige Kraftäußerung beobachtete — er war vom Beginn der Verwirklichung des Projekts ab seines Erfolges so sicher gewesen, daß er sich jetzt seines Triumphes in vollem Maaße erfreute.” (D. Baedeker: A. Krupp.)
Dieser Riesenhammer ward als neueste Errungenschaft dem König am 9. Oktober vorgeführt, als er in Begleitung des Kronprinzen Friedrich Wilhelm und des Kriegsministers von Roon, seinem treuen Arbeitsgenossen in der schweren Arbeit der Armee-Reorganisation, die Gußstahlfabrik besuchte und volle 4 Stunden ihrer Besichtigung widmete. Das Schmieden eines Blockes von 15000 Pfund Gewicht und 15 Fuß Länge ward dem König vorgeführt, im Stahlgießhause ein anderer von ca. 18000 Pfund aus ungefähr 300 Tiegeln gegossen und im Eisengießhause der königliche Namenszug in riesiger Größe hergestellt. Der König hielt nicht mit der Anerkennung der Kruppschen Leistungen zurück, äußerte sein Erstaunen über die großartige Erweiterung dieses Etablissements, hob dessen edlen vaterländischen Zweck neben seiner gewerblichen Bedeutung hervor und fügte das für ihn selbst so charakteristische Wort hinzu: „Seine vor 8 Jahren gehegten Erwartungen sehe er weit übertroffen, wie es sich denn überall zeige: wo das Herz auf dem rechten Flecke sitze, da bleibe der Segen nicht aus.” Dem Fabrikherrn gegenüber fand seine Anerkennung in der Ernennung zum Geheimen Kommerzienrath einen angemessenen Ausdruck (die Verleihung des Kommerzienrath-Titels war bereits am 3. April 1858 durch König Friedrich Wilhelm IV. erfolgt). Jenes königliche Wort gewinnt aber erst seine Bedeutung, wenn man die damalige politische Lage sich vergegenwärtigt. Napoleon hatte durch verlockende Versprechungen den Herrscher Preußens für seine schlecht verhüllten unheilvollen Absichten zu gewinnen gesucht. Es war ihm nicht gelungen, und König Wilhelm kehrte mit dem Bewußtsein aus Frankreich zurück, daß dem Vaterlande von dort in der nächsten Zukunft schwere Stürme drohten. All sein Denken war seit Jahren auf die Durchführung der für dringend nothwendig erkannten Neugestaltung der Armee gewidmet. Angesichts der von ihm klar vorausgesehenen schweren Kämpfe, welche Preußen bevorstanden, überzeugt von der Wirksamkeit der geplanten Reformen, fand er außer bei Roon bei keinem seiner Minister Verständniß und thatkräftige Unterstützung, sah er eine seinen Plänen geradezu feindliche Partei in der Volksvertretung immer mehr Raum gewinnen, und mußte alle Hoffnung auf deren siegreiche Durchführung allein auf seine eigene und des treuen Roon Energie und Widerstandskraft basiren. Den großen Kämpfer für Deutschlands Größe und Einheit, Bismarck, hatte er sich ja noch nicht gewonnen. Da kam dieses Wort: „Wo das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, da bleibt der Segen nicht aus!” so recht aus dem tiefsten Vertrauen zur guten Sache und zu Gottes Beistand heraus, das ihn in dieser Zeit der schweren Sorge um des Vaterlandes Zukunft erfüllte und ihm Kraft verlieh, an seiner Aufgabe gegen alle Widersacher treu festzuhalten. Da mag ihm aber auch der Einblick in die großartig sich entwickelnde Industrie Krupps die Hoffnung gefestigt haben, daß sie zur Rüstkammer werden würde, um Preußens Heere für die bevorstehenden schweren Kämpfe mit Waffen von bisher unerreichter Leistungsfähigkeit zu versehen; da ward ihm das Vertrauen zu dem genialen Schöpfer dieser Kriegsmittel gestärkt, daß er in ihm eine kräftige Stütze fände, der seine besten Kräfte mit so großen Opfern bisher der Idee gewidmet hatte, der vaterländischen Armee die unüberwindlichen Waffen zu schmieden; da ward die Einführung der Gußstahlgeschütze für ihn ein integrirender Bestandtheil der Heeresorganisation; er hatte Krupps Lebensaufgabe und patriotisches Streben verstanden und, was er 1859 aus eigenster Initiative gethan, das war er von nun an gewillt, auch weiter durchzuführen. Dem Manne dort, der das Herz so wie er selbst auf dem rechten Flecke sitzen hatte, sollte die Unterstützung des Königs nicht fehlen, um das Werk durchzuführen, die vaterländische Armee durch Ausrüstung mit den leistungsfähigsten Waffen zur stärksten und gefürchtetsten der Welt zu machen; es gab kein besseres, kein nothwendigeres Mittel, um der Welt den Frieden zu erobern und um dem Vaterlande zu einer gedeihlichen Entwickelung seiner industriellen und kommerziellen Kräfte zu verhelfen.
V.
Die erste Feuerprobe.
Mit dem Jahre 1860 trat Krupp in die Periode seiner großartigsten Erfolge ein, und deren erster sollte wiederum in London seinen Schauplatz finden. Im Mittelpunkte des übermächtigen Industriestaates sollte Krupp den Sieg erringen, in einem seiner wesentlichsten und bis dahin immer noch für unerreichbar gehaltenen Produktionszweige. Es war die zweite Londoner Weltausstellung im Jahre 1862, auf welcher der durch Krupp geführten deutschen Eisen-Industrie einstimmig die erste Stelle eingeräumt werden mußte.