Die Fabrik in Essen hatte sich in diesen Jahren mächtig entwickelt, sie beschäftigte im Jahre 1860 1690, zwei Jahre später bereits 2464 Arbeiter, ihre Produktion an Gußstahl stieg auf 8 Millionen (1860) und 13 Millionen Pfund (1862). Die Organisation des Betriebes mußte wesentliche Aenderungen erfahren, um den durch Reisen häufig entfernten und durch die Inachtnahme der Einzelheiten übermäßig beanspruchten Chef zu entlasten, und die Art und Weise, wie Krupp es verstand, allmählich aus der Beschäftigung mit den Details herauszutreten, um sich ungestörter der Leitung des ganzen Werkes widmen zu können, wie er die einzelnen Zweige seiner Fabrik zu trennen, in dem erforderlichen Maaße selbständig zu machen verstand, ohne doch das gegenseitige Ineinandergreifen jemals zu beeinträchtigen, das zeugt von einem Organisationstalent, wie es umsichtiger und erfolgreicher kaum gedacht werden kann. Bis 1862 war er mit einem Prokuristen ausgekommen; alle Fäden liefen noch direkt in seine Hand, alle Einzelheiten wurden von ihm persönlich überwacht. Am 12. Juli 1862 aber begann die Kollektiv-Prokura ins Leben zu treten, welche zunächst aus 2, von 1865 aus 3, von 1867 ab aus 4 Herren bestand und bei seinem Tode sich bis zu 7 Mitgliedern vermehrt hatte. Diese bildeten ein Kollegium von gleichberechtigten Ressortchefs, und jedem war in seinem Bezirk eine gewisse Selbständigkeit bezüglich des Betriebes eingeräumt, anderseits aber für jede irgend belangreiche Maßregel die Zustimmung des Kollegiums und für jedes Schriftstück die Mitunterschrift wenigstens eines Kollegen zur Bedingung gemacht. Später, wie es scheint vom Jahre 1879 ab, erhielt die Prokura auch einen Vorsitzenden, einen Präsidenten dieses Ministeriums in Krupps Staate, für welches er mit außerordentlicher Findigkeit und Menschenkenntniß die tüchtigsten und zuverlässigsten Männer mit technischer, kaufmännischer oder juristischer Bildung zu gewinnen wußte. So löste er die schwere Aufgabe, durch allmähliche Ausgestaltung eine Verwaltungsmaschine ins Leben zu rufen, deren einzelne Theile so vortrefflich selbstthätig in einander greifen und den gemeinsamen, auf seinen eigenen Ideen beruhenden, Zwecken dienen, daß der gewöhnliche ruhige Gang der Geschäfte nur durch ganz gewaltige Störungen beeinflußt werden könnte. So sehr dieses Werk den Stempel seiner Individualität trägt, war es doch so wenig auf seine Person und die Nothwendigkeit deren Existenz zugeschnitten, daß er aus dem Leben treten konnte, ohne daß der ganze Organismus im Geringsten gestört und die Weiterentwicklung seines Werkes aufgehalten oder gar in Frage gestellt worden wäre.

Den Mittelpunkt der Krupp’schen Ausstellung in London nahm wieder ein massiver Gußstahlblock ein, dessen auf 40000 Pfund gesteigerte Masse aus nicht weniger als 600 Tiegeln gegossen war; er war aber diesesmal mittelst seines mächtigen Dampfhammers in der Mitte zerbrochen, um die Bruchfläche zu zeigen, und diese war, wie Lothar Bucher berichtete, „so eben in Farbe und Gefüge, so vollkommen frei von Aescheln und ungaren Stellen, als wenn die Masse nicht Stahl wäre, sondern Zucker oder ein anderer Stoff, den man auskochen und filtriren kann.” Daneben standen zum ersten Male mächtige Seeschiffachsen für die großen Dampfer des Norddeutschen Lloyd und hochpolirte Walzen, blank wie Diamant. Die Engländer hatten nichts, was an diese Leistungen heranreichte; sie hatten kleinere Massen von Gußstahl ausgestellt, aber sich gehütet den Bruch zu zeigen; und sie gaben eine Schiffsachse von ähnlichen Dimensionen nur um deshalb für Stahl aus, damit das englische Publikum in seinem Selbstgefühl nicht irre werde; die Sachverständigen wußten, daß sie nur aus Eisen bestand. Auch nahmen die „Times” keinen Anstand, Krupps Sieg vorurtheilsfrei anzuerkennen. Sie schlossen ihren Artikel über die „außerordentlichste und wichtigste Sammlung, derengleichen früher noch nie gesehen worden” mit den Worten: „Wir wünschen Krupp Glück zu der überragenden Stellung, die er in der Welt als Erzeuger der größesten und fehlerlosesten Massen von Gußstahl einnimmt, aber nicht zu seinem Platz in der Ausstellung. Wessen Fehler ist das? Offenbar stehen Talg, Spielwaaren und Eingemachtes sehr hoch in der Achtung der Kommissarien Ihrer Majestät.” Die stiefmütterliche Behandlung, welche bei Anweisung des Raumes die Ausstellungskommission, mißgünstig genug, Krupp zu Theil werden ließ, hatte seinen Sieg nicht hindern können, und, was der große Nationalökonom List vor mehr als 30 Jahren ersehnt und erhofft hatte, die Erzeugnisse deutscher Intelligenz, deutschen Fleißes und deutscher Beharrlichkeit mit denen der ersten Kulturstaaten der Welt den siegreichen Wettkampf eröffnen zu sehen, das begann sich zu erfüllen; mit dem Triumph auf dem Gebiete der Eisentechnik rückte das bisher unmöglich Erschienene in den Bereich des Erreichbaren, und neuer Muth ergoß sich über alle Industriezweige, Krupp nachzueifern, gleich ihm den Kampf aufzunehmen und mit gleicher Hingabe und Beharrlichkeit die Palme des Sieges zu erringen zum eigenen Gewinn und zu des Vaterlandes mächtiger Kraftentfaltung.

Unter den zahlreichen Ausstellungsgegenständen Krupps befanden sich auch fünf Hinterlader-Rohre von 3,75 bis zu 9″ Kaliber. Sie hatten aber weder Züge noch Verschluß-Vorrichtungen; ersteres um die Feinheit des Metalls an der spiegelreinen Politur der Seele zu zeigen; letzteres, um die Verschluß-Konstruktion nicht öffentlich bekannt werden zu lassen. Mit diesen Geschützen betrat nämlich Alfried Krupp den Weg der eigenen Geschütz-Konstruktion. Bisher hatte er, wie wir sahen, das Material den jedesmaligen Formen und Konstruktionsweisen der Länder angepaßt, für welche er lieferte oder ausstellte, beziehungsweise hatte er nur die rohen Rohre ohne alle Einrichtungen geliefert. So namentlich für Preußen, wo man den — bisher geheim gehaltenen — Verschluß Wahrendorff’s, den sogenannten Kolbenverschluß, angenommen hatte und in Spandau anfertigte. Die Konstruktion dieses Geschütztheiles stieß auf große Schwierigkeiten, hauptsächlich bezüglich seiner Dichtung gegen die Pulvergase, und auch der Kolbenverschluß war nicht einwandfrei. Indem nun Krupp selbst sich dieser Frage widmete, selbst einen neuen Verschluß erfand, trat er aus dem Gebiete des Material-Erzeugers, des Gußstahl-Fabrikanten heraus und versuchte seine Kräfte als Geschütz-Konstrukteur. Es ist eine neue wichtige Etappe in der Entwickelung des merkwürdigen Mannes, der für Alles, was er anfaßte, auch eine ganz spezielle Begabung, Geschicklichkeit und Erfindungskraft zu besitzen schien. Auf diesem Felde des Geschütz-Konstrukteurs waren ihm seine bedeutendsten Erfolge vorbehalten, durch welche er erst die Geschütze auf diejenige Stufe der Leistungsfähigkeit erhob, für welche seines Vaters Erfindung, der Tiegelgußstahl, bei voller Ausnützung seiner vorzüglichen Eigenschaften, die Vorbedingung bildete.

Die neue Erfindung, ein einfacher Keilverschluß, ward in London patentirt — ein halbes Jahr früher als der des Engländers Broadwell — und dem preußischen Kriegsministerium in einer Sammlung von Verschlüssen zur Prüfung vorgelegt. Es bedurfte aber einer geraumen Zeit, bevor Krupps Vorschlag zur Annahme gelangte und zwar auch dann in einer nicht unwesentlich verbesserten Gestalt. In der Zwischenzeit sollten erst die in der preußischen Armee eingeführten Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe im Kriege durchmachen und eine durch die Benutzung eines unzweckmäßigen Verschlusses verursachte Krisis bestehen. Vor Schilderung dieser wichtigen Entwickelungsperiode, welche noch einmal alle Gegner des Krupp’schen Gußstahlgeschützes in Bewegung setzte, ist noch ein Punkt zu erörtern, welcher gelegentlich der Londoner Ausstellung 1862 zur Sprache kam.

Die allgemein Platz greifende Einführung leistungsfähigerer gezogener Geschütze, theils Vorder- theils Hinterlader, entwerthete ebenso die gemauerten Deckungen der Vertheidigungsgeschütze (in Kasematten) namentlich bei den Küstenbefestigungen, als sie auch eine Veränderung im Bau der Kriegsschiffe mit sich brachte. In beiden Fällen sah man sich genöthigt, zum Eisenschutz mittelst Panzerplatten zu greifen, und mit dem Beginn der sechziger Jahre wurde neben der Entwickelung des Geschützwesens auch die Konstruktion von Panzerdeckungen eingeleitet. England ging naturgemäß voran, da es einerseits seine zahlreichen Küsten- und Hafenbefestigungen gegen die neuen schweren Schiffsgeschütze sichern, anderseits seiner Kriegsflotte den Panzerschutz baldigst verschaffen mußte, um nicht in seiner Herrschaft zur See gefährdet zu werden. In den Eisenfabriken des Inselreiches ward von jetzt an die Frage der Panzerfabrikation, zunächst in Form von starken gewalzten Eisen- und Stahl-Platten emsig studirt, und auf seinen Schießplätzen folgte eine Reihe von Versuchen der anderen. Auch in Preußen begannen solche bereits im Jahr 1861. Der heftige Kampf zwischen Geschütz und Panzer nahm seinen Anfang, welcher sich bis in die neueste Zeit fortgesetzt hat und mit der Entwickelung eines neuen Geschützsystems auch eine vollständige Umwälzung des Befestigungswesens herbeigeführt hat.

Krupp’s scharfem Auge entging es nicht, welche Bedeutung das Eisen in fortifikatorischer Beziehung gewinnen werde; er war rasch entschlossen, auch auf diesem neuen Gebiet mit seinem Gußstahl den Kampf aufzunehmen und kündigte deshalb am Schluß seines Ausstellungs-Kataloges an, daß die Firma mit der Errichtung von Walzwerken zum Walzen von Gußstahlschienen und Platten beschäftigt sei, zu deren Produktion das Werk schon binnen Kurzem gerüstet sein werde. „Unter Anderem sollen mittelst 2000 Pferdekraft Walzen von 15 Fuß Bahnlänge betrieben werden, um große Platten bis zu 1 Fuß Dicke und selbst noch dicker, z. B. zur Panzerung von schwimmenden Batterien oder Festungswerken, zu walzen.” Diese Walzwerke wurden auch in dieser Zeit gebaut und gleichzeitig ein Bessemerwerk zur Ausführung gebracht, da der, allerdings dem Tiegelgußstahl in der Vollkommenheit seiner Eigenschaften nachstehende, Bessemer-Stahl für die Massenverwendung von Schienen, Blechen und Platten ein sehr gutes Material liefert. In der Folge ward auch die Fabrikation von Stahl-Eisenbahnschienen, welche mit der Eröffnung seines Schienen-Walzwerkes Krupp eigentlich erst in Deutschland einbürgerte, zu einem der bedeutendsten Fabrikationszweige. Die Stahlschienen verdrängten auf Grund ihrer viel längeren Dauer bald die gebräuchlichen Schienen aus Guß- oder Schmiedeeisen und wurden in immer größerer Zahl gearbeitet, bis die jährliche Leistung auf 150000 Tonnen gesteigert wurde. Auch das Plattenwalzwerk ward im Jahre 1864 in Betrieb gesetzt, aber auffallender Weise zur Herstellung von Panzerplatten zu Befestigungszwecken bis zum Tode Alfried Krupp’s niemals benutzt.

Erst nach diesem ist durch die Erfolge der seitdem erzeugten Krupp’schen Panzerplatten die Richtigkeit seiner Voraussetzung, daß er auch auf diesem Gebiete alle andern Fabriken schlagen werde, voll erwiesen worden; denn die Krupp’schen Platten haben trotz aller hochgradigen Anstrengungen der Ingenieure aller Staaten und trotz der vielen in diesem Zweige der Technik gemachten genialen Erfindungen, dank des auch bei dem Nachfolger Alfrieds nie rastenden Strebens nach Vervollkommnung und der auf gründlichster wissenschaftlicher Basis fortgesetzt angestellten Versuche und Prüfungen, immer wieder den Sieg davongetragen und der Fabrik auch in dieser Beziehung die erste Stelle unter allen Konkurrenten gesichert.

Es ist, wie gesagt, auffallend, daß Alfried Krupp den Gedanken, Panzerplatten anzufertigen, in der Folgezeit völlig aufgegeben zu haben scheint, daß er niemals bei irgend einer Platten-Lieferung sich betheiligt hat und erst in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens der Aufgabe wieder näher trat, Panzerschutz-Konstruktionen zu entwerfen. Es ist um so auffallender, als in diesem Fabrikat Deutschland lediglich auf England angewiesen war, seine Panzerkonstrukteure und Ingenieure also in der Lage der oft recht hemmenden Abhängigkeit von dem Inselreiche waren. Nimmt man hinzu, daß auch die dortige Panzer-Industrie noch völlig in den Kinderschuhen steckte, daß man es 1864 noch für die höchste Leistung hielt, Platten von 300 Kgr. Gewicht zu walzen, also bei einer Stärke von 25 mm etwa 1,50 Quadratmeter, und bedenkt man, daß Krupps Massengüsse sich bereits 1862 auf Blöcke von 20000 Kgr. erhoben, daß er allein im Besitz des Geheimnisses und der Kunst war, das Material in vollwerthigster Güte bis zu solchen Massen in einheitlicher Stärke zu formen, so folgt ohne Weiteres, daß es ihm spielend leicht geworden sein müßte, alle Konkurrenz durch Herstellung großer und starker Platten zu schlagen und dem Vaterlande die erste Stelle in der Panzerkonstruktion zu sichern. Daß letzteres trotz Krupps Zurücktreten von diesem Gebiet doch der Fall war, daß gerade Deutschland trotz der hierdurch herbeigeführten Schwierigkeiten die Führung in der ganzen Entwickelung der Panzerbefestigung übernommen hat, das ist anderen Männern zu danken, Maximilian Schumann, der die genialen Ideen, und Hermann Gruson, welcher die technischen Kenntnisse dazu bot. Aber vielleicht war es eine weise Fügung, daß Krupp sich von diesem Gegenstand fern hielt, daß er auch kein Verständniß für Schumanns Ideen gehabt zu haben scheint und daß er seine zur gemeinsamen Arbeit bittend ausgestreckte Hand zurückwies. Vielleicht war dies nothwendig, damit noch andere Kräfte neben denen Krupps zur Entwickelung kämen und durch schwere Arbeit und Widerstände hindurch sich rängen, um auch anderen Ideen, anderen Materialien zur Anerkennung und zur Bethätigung ihrer Leistungsfähigkeit zu verhelfen. Vielleicht war es den höchsten Zwecken dienlicher, daß Krupp seine geniale Erfindungsgabe, seine Thatkraft und seine Mittel auf die Ausbildung lediglich der Kriegswaffe beschränkte, um das höchste ihm Erreichbare zu leisten, während die Aufgabe Anderen vorbehalten blieb, die Mittel zu finden und zu vervollkommnen, welche gegen die immer sich steigernde Wirkung der Kruppschen Geschütze einen unverwundbaren Schutz zu bieten bestimmt sind; vielleicht mußte sogar eine gewisse Beeinflussung des Verhältnisses dieser Personen zu einander, gewissermaßen der Natur ihrer sich gegenseitig befehdenden Ideen und technischen Erzeugnisse entsprechend, sich entwickeln, um beide technische Zweige die bedeutende Höhe der Entwickelung erreichen zu lassen, auf welcher angekommen, sie wohl sich vereinigen durften.

Im Jahre 1864 sollten die ersten Gußstahl-Geschütze ihre Feuerprobe vor dem Feinde bestehen. Und wie durchaus nothwendig eine solche war, um ihre größere Leistungsfähigkeit den alten glatten Geschützen gegenüber zu beweisen, ergiebt sich aus einem Blick auf die Schwierigkeiten, welche die Frage der Neubewaffnung der preußischen Feldartillerie in den vorhergehenden Jahren nur so langsam fortschreiten ließen.

Nachdem durch den Entschluß des Prinz-Regenten 1860 in jedes Feld-Artillerie-Regiment 3 Batterien zu je 8 gezogenen 9 cm Kanonen eingestellt worden waren, bestanden neben diesen noch je 9 Batterien glatter Geschütze, nämlich 6 Pfünder-, 12 Pfünder-Kanonen und 7 Pfünder-Haubitzen zu gleichen Theilen. Daß diese glatten Geschütze den Anforderungen wenig gewachsen waren, darüber war man sich wohl einig, und als die Reorganisation der Armee im Jahre 1860 in allen Waffen ein neues reges Leben und verständnißvolles Streben nach Vervollkommnung und Zusammenwirken erweckte, da konnte auch die Artillerie nicht zurückbleiben. Ein kräftiger Pulsschlag durchbebte den ganzen Organismus, wirkte auf Ausscheidung der ihm anhaftenden Mängel und auf eine Entwickelung aller Kräfte, um hinter den anderen Waffen nicht zurückzubleiben in der Schlagfertigkeit, in der Verwendbarkeit und in der Wirkungsfähigkeit. Daß man hierzu andere Geschütze brauchte, sah man ein, aber, in welcher Zahl gezogene und glatte Geschütze, in welchen Kalibern sie einzuführen seien, darüber gingen die Ansichten weit auseinander.