Man ist jetzt wohl geneigt, diese Frage sehr einfach und schnell dahin zu beantworten, wie sie nach den verschiedenen Uebergangsstadien entschieden worden ist: Natürlich nur gezogene Hinterlader, das sind ja die wirksamsten und verwendbarsten Geschütze! Aber so einfach lag die Sache nicht. Man muß sich vergegenwärtigen, daß durch die erfolgte Einführung der gezogenen Geschütze die Taktik, die ganze Fechtweise der Armee auf das einschneidendste umgestaltet worden ist, und heute würden wir die gezogenen Geschütze nicht entbehren können, weil auf ihrer Verwendung die ganze neue Taktik beruht. Die alte Fechtweise, und in dieser steckten doch die Artilleristen von 1860 noch vollständig drin, entsprach der Wirkung der glatten Geschütze, und diese war auf die kleineren Entfernungen, mit denen man zu rechnen gewohnt war, eine dem gezogenen Geschütz überlegene. Der Schrapnellschuß des letzteren war noch nicht ausgebildet, mit den Granaten hatte man auf größere Weiten eine viel bedeutendere Wirkung, aber der Kartätschschuß fehlte ihnen ganz. Und so ist es verständlich, daß man der Meinung zuneigte, beide Geschützarten seien wohl geeignet, sich gegenseitig zu ergänzen, die glatten würden dem Kampf auf nähere Entfernung am besten genügen, während die gezogenen, in möglichst stabiler Aufstellung (als Positionsgeschütze), auf weitere Distanzen von besonderem Werthe seien.
Die am 27. Dezember 1860 unter Vorsitz des Prinzen Carl eingesetzte Kommission für die Neuorganisation der Artillerie entschied sich dementsprechend dahin, daß jedem Artillerie-Regiment neben 48 gezogenen Gußstahl-Hinterladern noch 42 glatte Bronze-Kanonen (kurze 12 Pfünder) und 6 glatte Bronze-Haubitzen zuzuertheilen seien. Die gezogenen Geschütze sollten also verdoppelt werden, und auf ihre Vermehrung drängte die Einführung gezogener Vorderlader in Frankreich, wo sie bereits im Feldzug 1859 zur Verwendung gekommen waren. Zugleich brachte aber die Einführung leichterer (4 Pfünder) Kaliber in fast allen Armeen die Frage in den Vordergrund, ob neben dem 9 cm nicht auch ein leichteres Geschütz einzustellen sein würde. Dies führte zur Bestellung von 2 8cm Rohren bei Krupp, nach deren Lieferung im März 1861 eine Reihe von Versuchen begann. Am 6. Januar 1862 wurde die Einstellung von je 4 8cm Kanonen in jede Artillerie-Brigade vom Kriegsministerium verfügt, um einer einjährigen Erprobung unterworfen zu werden. Bei der Artillerie-Prüfungs-Kommission gingen aber die Urtheile ebenso auseinander, wie bei den Truppen, und der General-Inspekteur, Generallieutenant von Hahn, suchte sogar seine Ansicht zur Geltung zu bringen, daß die übereilte Einführung der Hinterlader sehr zu bedauern sei, da hierdurch die Prüfung gezogener Vorderlader ganz verhindert worden sei.
Wieder war es König Wilhelm, welcher — bereits am 1. Mai 1862 — seine Ueberzeugung und seinen festen Willen, sie zur Geltung zu bringen, in die Waagschale warf, indem er befahl, daß ein 8cm Feldgeschütz nach Abschluß der Konstruktion in die Armee eingeführt werden solle. Im Dezember 1863 waren die Versuche so weit erledigt, daß aus den bisherigen Versuchs-Geschützen eine Batterie zu 8 Kanonen und 8 Wagen gebildet und bei der Garde-Artillerie-Brigade eingestellt werden konnte. Die Einführung des nunmehr festgestellten Modells an Stelle der bisherigen Haubitzen ward am 18. April 1864 mit der Forderung der energischsten Beschleunigung befohlen. Da aber die Herstellung des Materials geraume Zeit in Anspruch nahm, konnte die Umwandlung der je drei Haubitz-Batterien in vier 8 cm Batterien zu 6 Geschützen erst bis zum Herbst 1865 ausgeführt werden.
Beim Ausbruch des dänischen Krieges war, weil die Einführung der 8 cm Kanonen noch nicht durchgeführt worden war, jedes Artillerie-Regiment mit 4 gezogenen 9 cm-, 4 kurzen 12 Pfünder-Batterien zu 6 und 3 Haubitzbatterien zu 8 Geschützen ausgerüstet; die 6 reitenden Batterien hatten kurze 12 Pfünder.
Mit einer solchen Mischung von verschiedenen Feldgeschützen trat die preußische Armee in den Feldzug ein: das kombinirte Armeekorps hatte neben 72 glatten Bronzegeschützen 30 gezogene Gußstahl 9 cm Kanonen und die erwähnte Batterie von acht 8 cm Kanonen. Das verschiedene Verhalten der glatten und gezogenen, der Bronze- und Gußstahl-Geschütze im Kampf sollte aber die Ueberlegenheit der letzteren klar vor Augen führen.
Es war bei Missunde, wo zum ersten Male die Gußstahl-Kanonen in größerer Anzahl (24) in Thätigkeit traten. Wir finden sie dann bei Ballgaard an der Alsener Föhrde, bei der Beschießung von Fridericia und beim Angriff auf die Düppelstellung. Ueberall bewiesen sie ihre große Wirksamkeit und der General von Hindersin, welcher bald nachher als zweiter General-Inspekteur der Artillerie der Waffe zu ihrem mächtigen Aufschwung verhalf, überzeugte sich durch eigenen Augenschein von der gewaltigen Ueberlegenheit der gezogenen über die glatten Geschütze. „Wenn ich in dieser Richtung nicht Alles thue,” so motivirte er später seine Bemühungen um die möglichste Vermehrung der gezogenen Geschütze, „was in meiner Macht steht, und Preußen mit drei Viertel glatter Feldgeschütze in einen großen Krieg verwickelt wird gegen eine Macht, die nur gezogene Geschütze führt, so wird es wahrscheinlich eine Hauptschlacht verlieren. Der Verlust einer Hauptschlacht aber kann die Zertrümmerung und Vernichtung des Vaterlandes herbeiführen. Wenn ich daher das Geringste in der Einführung der gezogenen Geschütze versäume, so kann durch meine Versäumniß der Untergang des Vaterlandes verschuldet werden. Dieser Gedanke liegt wie ein Alp auf mir und läßt mich nicht schlafen.”
Die Zukunft hat gelehrt, mit welchem Recht der General den gezogenen Geschützen eine so hohe Bedeutung beimaß, daß er sich ihre Einführung gewissermaßen zur Lebensaufgabe machte. Waren sich doch auch die höheren Truppenführer, welche aus Schleswig-Holstein zurückkehrten, wohl bewußt, daß dieser Feldzug nur das Vorspiel gewesen war zu weit ernsteren Kämpfen, und tönte doch durch den frohen Siegesjubel, mit dem sie in Berlin einzogen, gar deutlich die Mahnung, sich nicht einzuwiegen in Selbstzufriedenheit und Siegesgewißheit, sondern in ernster Arbeit die zu Tage getretenen Mängel zu beseitigen und sich zu rüsten zu neuen um Vieles schwierigeren Aufgaben.
Wenn man zu deren Lösung die gezogenen Geschütze als eines der wichtigsten und unentbehrlichen Mittel zu erkennen anfing, so ist es allerdings nicht der Gußstahl, welchen man in seinen vorzüglichen Eigenschaften bereits als einziges anwendbares Material erachtete. Schwere Kämpfe sollte dieser noch mit der Bronze bestehen, bevor er endlich siegreich den Nebenbuhler überwand. Es war das gezogene Geschütz zunächst als solches, der Hinterlader in seiner Konstruktion, den man als vortheilhaft erkannt hatte. Daß der Hinterlader erst durch die ausschließliche Herstellung in Krupps Gußstahl seine volle Wirksamkeit entfalten würde, davon war man noch nicht überzeugt, weil an die weitere enorme Steigerung der Kraftentfaltung noch Niemand zu denken wagte.
Hatte man doch auch gezogene Hinterlader in Bronze mit ins Feld genommen, nämlich eine größere Zahl schwerer Belagerungsgeschütze. Für solche war von Anfang an die Zweckmäßigkeit der Konstruktion anerkannt worden, während man an die Hinterlader-Feldgeschütze nur mit dem großen Bedenken herantrat, daß sie nicht einfach genug seien und schwierig zu handhaben. Bei dem Belagerungsgeschütz, das in seiner Batterie fest steht und langsam feuert, läßt man sich zeitraubende und schwierige Manipulationen eher gefallen. Es ist dieses Bedenken jetzt kaum mehr verständlich, da ja die Bedienung des Hinterladers einfacher und rascher ist, als beim glatten Geschütz. Aber die Macht der Gewohnheit, und der merkwürdige Verschluß, zu dem man kein rechtes Vertrauen fassen konnte, das stand im Wege.
Nun ist es bemerkenswerth, daß auch auf dem Gebiet der schweren Belagerungsgeschütze der Feldzug 1864 den Anstoß zum ersten Schritt auf dem Wege gab, welcher später auch hier zur ausschließlichen Annahme des Gußstahls in Preußen führte. Die bronzenen Geschütze hatten doch nicht allen Erwartungen entsprochen, und es wurden bei Krupp fünf 72 Pfünder und drei 36 Pfünder bestellt, alle im fertigen Zustande nach angegebener Konstruktion, während die Feldgeschütze noch alle in Spandau gebohrt, gezogen und mit Verschluß versehen wurden.