Die vorgeahnten kriegerischen Verwickelungen ließen nicht lange auf sich warten. Der Krieg von 1864 trug im Schooß die Keime, aus denen sich das neue deutsche Reich mächtig gestalten sollte; aber große politische Fortschritte sind auf dem Wege friedlicher Entwickelung kaum denkbar. Sie bedürfen des Bewußtseins der Kraft, und dieses Selbstvertrauen wird nur gewonnen durch deren Erprobung im Kampfe; nur durch die ihnen zum Bewußtsein gebrachte Ueberlegenheit können anderseits die widerstrebenden Nachbarmächte veranlaßt werden, Raum zu geben für größere Machtentfaltung, ihre Anerkennung dem gesteigerten Einfluß auf die Gestaltung der Weltlage nicht zu versagen. In hervorragendem Maße gilt dieses für Deutschland, dessen politisches Gefüge den auswärtigen Mächten von jeher Angriffspunkte genug geboten hatte, um den Hebel zur Lockerung des ganzen kunstvollen Bauwerkes anzusetzen. Es galt, die Einzelinteressen zu vereinigen auf einen großen Gesichtspunkt, die einzelnen Bestandtheile zusammenzuschmeißen zu dem einheitlichen Organismus, welcher allein das nothwendige Maß der Kraftentfaltung erreichen konnte, das ihm eine achtunggebietende Stellung unter den Weltmächten errang. Dazu bedurfte es heftiger Kämpfe, des blutigen Ringens mit den Verfechtern der veralteten unbrauchbaren Staatsformen, um der neuen Gruppirung der Kräfte, der Neugestaltung des Reiches Raum zu schaffen, und eines um noch Vieles ernsteren, gewaltigeren Ringens mit derjenigen Europäischen Macht, welche sich in ihrer angemaßten vorherrschenden Stellung gefährdet glaubte durch den aus langem ohnmächtigen Schlummer erwachten deutschen Riesen.

Dem Kriege von 1864 folgten mit der von dem Preußischen König ebenso wie von seinen großen Staatsmännern vorhergesehenen Nothwendigkeit die Kriege von 1866 und 1870.

König Wilhelm hatte, in einträchtiger schwerer Arbeit mit seinem Kriegsminister unentwegt das Ziel im Auge behalten, das Werkzeug zu formen und zu kräftigen, mit dem allein diese schweren Krisen überwunden werden konnten. Die Reorganisation der Armee war trotz aller Widerstände einer einseitig verrannten Mehrheit der Volksvertretung durchgeführt worden und vornehmlich auch ihrer Bewaffnung ein ernstes Interesse zugewendet worden. Mit dem Zündnadelgewehr besaß die Infanterie eine in jenen Jahren allen anderen weit überlegene Waffe und auch in den Kruppschen Gußstahl-Hinterladern Geschütze, welchen keine andere Armee gleichwerthige gegenüberstellen konnte. Und doch, so vorzüglich die ersteren sich im Kriege mit Oesterreich bewährten, soviel sie zum Siege beitrugen, um eben soviel blieben die Geschütze hinter den Erwartungen zurück. Das hatte aber seine guten Gründe.

Erst 1865 konnten die 8 cm in die Armee eingestellt werden und, dem Grundsatz folgend, stets eine starke Reserve für unbrauchbar werdende Geschütze zurückzuhalten, auch nicht die ganze Zahl, welche Krupp lieferte. Es ist Hindersin zu danken, daß er beim Ausbruch des Krieges es durchsetzte, auch die Reservegeschütze schleunigst noch einzustellen, indem er hervorhob, daß es für die zu erwartende Entscheidungsschlacht darauf ankomme, möglichst viele Hinterlader zur Verfügung zu haben. Gewannen wir diese, so brachte für die nachfolgenden kleineren Gefechte der etwaige Verlust unbrauchbar gewordener keinen Nachtheil.

Es ist aber aus der ganzen Art, wie die Beschaffung und Einstellung der gezogenen Geschütze erfolgte, zu ersehen, daß an eine gründliche Kenntniß und Beherrschung der neuen Waffe durch die Truppe und ihre Offiziere im Jahre 1866 nicht zu denken war. Gerade bei der einschneidenden Umgestaltung der Taktik, welche die gezogenen Geschütze herbeiführen mußten, ist es nur natürlich, daß dieser große Schritt nicht auf einmal in kurzer Zeit gethan werden konnte, daß eine Zeit des Ueberganges eintreten mußte, in der das alte glatte Geschütz seinen Werth verlor und das neue gezogene noch nicht seiner Natur entsprechend ausgenutzt werden konnte. Und gerade in diese Uebergangszeit fiel der Krieg von 1866. Es giebt keinen schlagenderen Beweis für die Nothwendigkeit, mit der Verwendung eines Kriegsinstrumentes die Armee bei Zeiten gründlich vertraut zu machen. Die beste Waffe erweist sich als schwächlich in der Hand des Neulings und Ignoranten.

Während die österreichische Armee mit gezogenen Geschützen, vom besten System der Vorderlader, durchweg bewaffnet war, hatte die preußische Armee neben ca. 60 Prozent Hinterladern noch 40 Prozent glatte Geschütze. In Böhmen stand sie mit 474 gezogenen, 318 glatten Kanonen gegen 776 gezogene und 34 (sächsische) glatte; auf dem westlichen Kriegsschauplatz gar mit 42 gezogenen und 36 glatten gegen 174 gezogene und 172 glatte. Auf beiden Seiten war die Enttäuschung gleich groß. Man hatte erwartet, daß die Wirkung der gezogenen Geschütze beim Kampfe großer Artilleriemassen als ein sehr bedeutsames Kampfmittel sich geltend machen, daß die Artillerie eine große Rolle in der Feldschlacht spielen werde, also genau das, was sich 1870 als vollberechtigt erweisen sollte. Aber 1866 ergab sich zwar die vollständige Ohnmacht der glatten gegen die gezogenen Geschütze; sie mußten ihnen in allen Fällen das Feld räumen und konnten vielfach gar nicht zur Verwendung kommen; — aber im Kampf gegen einander, der meist auf sehr große Entfernungen geführt wurde, thaten letztere sich außerordentlich wenig Schaden. Das lag an der mangelhaften Ausbildung des Personals und an der falschen Verwendung der Kanonen.

Für die Artillerie-Truppe ergab sich mithin aus den Erfahrungen dieses Krieges die Nothwendigkeit einer gründlicheren Ausbildung einerseits, einer weiteren Prüfung der schlecht bewährten Waffe aber anderseits. Die glatten Feldgeschütze mußten als ganz unbrauchbar allerdings beseitigt werden, aber eine ernste Krisis folgte auch für die Kruppschen Hinterlader. Und zwar war es nicht nur das System, für welches ja Krupp keine Verantwortung traf, sondern auch scheinbar das Material, dessen Güte in Frage gestellt wurde. Von den 8 cm-Rohren mit Keilverschluß waren nämlich mehrere ohne vorherige Anzeichen und ohne nachweisbare Fehler des Materials besessen zu haben, gesprungen. Damit war der Glaube an die Haltbarkeit des Gußstahls ernstlich erschüttert, seine Gegner schlugen daraus Kapital zu Gunsten der Bronze und erreichten, daß in Preußen aufs Neue Versuche mit einem bronzenen 9 cm-Rohr angestellt wurden; seine Konkurrenten wußten die Unglücksfälle geschäftig in ihrem Interesse zu verwerthen und das Mißtrauen zu Krupps Fabrikaten immer aufs Neue dadurch anzuregen, sodaß er sich noch im Jahre 1879 gezwungen sah, den übertriebenen Behauptungen in einem Schriftstück entgegenzutreten, das er am 11. Februar an alle Mitglieder des englischen Unterhauses versandte. Er legte hierin klar, daß von fast 18000 gelieferten Geschützen bisher nur 22 gesprungen seien, hiervon entfielen aber 17 auf die Geschütze alten Systems, welches 1870 verlassen wurde, und nur 5 Fälle auf die 11600 seitdem angefertigten Geschütze.

Zunächst war es aber eine Lebensfrage für die Geschützfabrikation des Gußstahlwerkes, die Ursachen zu ergründen für die im Kriege 1866 vorgekommenen Unglücksfälle. Krupp glaubte sie in dem wenig zweckmäßigen Verschluß, dem Wesener’schen Doppelkeil-Verschluß, welchen die Rohre in Spandau erhalten hatten, gefunden zu haben, und da es trotz aller Versuche nicht gelang, die hiermit versehenen Rohre zu verbessern, entschloß er sich zu dem großen Opfer, die sämmtlichen vor 2 Jahren gelieferten 8cm-Rohre zurückzunehmen und durch 300 neue Rohre mit geänderter Verschluß-Konstruktion zu ersetzen. Dies war geboten durch das Geschäftsinteresse, denn die mangelhafte Einrichtung konnte bei jedem dieser Geschütze ein Springen veranlassen. Jeder weitere derartige Unglücksfall konnte aber seinen Kredit wesentlich schädigen. Bei der Ausdehnung, welche die Geschützlieferungen bereits angenommen hatten und bei den hiermit verbundenen Kapitalopfern für die nothwendigen Werkanlagen war ein Rückgang der Geschützlieferungen mit hohen Gefahren für die Fabrik verbunden, ganz abgesehen von der Enttäuschung, welche Krupp persönlich in seinen auf eine weitere Entwickelung gerade dieses Industriezweiges gesetzten Erwartungen getroffen hätte.

Zu einer bedeutenden Vergrößerung seiner Fabrik war Krupp in den Jahren 1863–64 namentlich durch die umfassenden Bestellungen der russischen Regierung veranlaßt worden. Sie hatte mit dem 1859 eingeführten bronzenen Vorderlader-Feldgeschütz schlechte Erfahrungen gemacht und wandte sich 1863 dem Gußstahl zu, indem sie 88 Stück achtzöllige und 16 Stück neunzöllige gezogene Vorderlader, 1864 aber 234 Hinterlader in allen Kalibern probeweise bestellte. Die Geschützfabrikation stieg dank dieser und der Lieferungen für deutsche Staaten 1864 auf 817, im Jahre 1866 aber erreichte sie gar die Zahl von 1562, weil Rußland die Krupp’schen Feldgeschütze mit dem von ihm konstruirten Rundkeilverschluß angenommen hatte. Es muß wohl, wenigstens theilweise, auf das durch die Unglücksfälle im Kriege veranlaßte Mißtrauen zurückgeführt werden, daß in den folgenden Jahren sich ein sehr fühlbarer Rückgang bemerklich machte. Die Bestellungen betrugen 1867 720, 1868 588, 1869 nur 205 Stück, und begannen erst nach 1870 (427 Stück) mit Einführung einer veränderten Rohrkonstruktion mächtig zu steigen.

Die Erweiterung des Betriebes hatte aber auch den Wunsch nahe gelegt, mit der Rohmaterialienbeschaffung sich unabhängig zu machen von auswärtigen Lieferanten; und da zur Errichtung von Hohöfen die Lage der Fabrik bei Essen wenig geeignet war, so ergriff Alfried Krupp die sich ihm bietende Gelegenheit, vom preußischen Bergfiskus die Sayner Hütte zu erwerben. Er kam damit wieder einen wichtigen Schritt weiter in der prinzipiellen Ausbildung des Selbstfabrikations-Systems, das er unentwegt im Auge behielt.