So hatte diese Periode von 1866 bis 1870, welche mit so großen Enttäuschungen begonnen und so viele schwere Krisen mit sich gebracht hatte, doch in den endlich errungenen großen Erfolgen nur dazu beigetragen, dem Gußstahl und Krupps genialer Verwendung seines Materials in allen Gebieten reiche Anerkennung und eine Stellung zu verschaffen, welche nunmehr nicht so leicht mehr zu erschüttern schien. Freilich hatte sie auch seine Kräfte in einer Weise in Anspruch genommen, daß zum ersten Male der stählerne Körper der Ruhe und langer Erholung bedurfte. Das war der Preis des glänzenden Sieges.
VII.
Neue Kämpfe.
Die günstigen Erfolge des neunzölligen Ringgeschützes, welche ihm 1868 die Richtigkeit seiner Ideen erwiesen hatten, veranlaßten Krupp, durch Anwendung der gleichen Prinzipien auch die Leistungsfähigkeit der Feldgeschütze weiter zu entwickeln. Sie besaßen eine zu stark gekrümmte Flugbahn der Geschosse, ihre Wirkung konnte wesentlich gesteigert werden, wenn man es erreichte, daß sie flacher das Gelände bestrichen, und hierzu war eine Steigerung der Anfangsgeschwindigkeit nöthig. So gut wie bei dem schweren Panzergeschütz war diese aber auch beim Feldgeschütz durch stärkere Ladung gröberen Pulvers zu erreichen, und die hierdurch bedingte größere Widerstandsfähigkeit des Rohres wurde mit der Ringkonstruktion ermöglicht. So verfolgte Krupp seit 1868 bereits diesen Gedanken und beschäftigte sich mit der Erzeugung eines seinen Ideen entsprechenden Feldgeschützes. Bei den Versuchen erwies sich die hölzerne Laffete nicht haltbar genug für die starke Ladung und veranlaßte die Konstruktion einer stählernen Laffete. Endlich entging ihm nicht die Wichtigkeit, welche die Herstellung eines Einheitsgeschützes haben mußte. Wenn es gelang, ein solches für alle Aufgaben genügend herzustellen, so war damit eine außerordentlich werthvolle Vereinfachung des Munitionsersatzes, der Ausbildung, kurz des ganzen Systems verbunden. Wenn er auch mit diesem Gedanken nicht durchdrang, wenn es ihm auch damals nicht gelang, ein solches Geschütz zu konstruiren, so hat die spätere Zeit ihm doch Recht gegeben. Was man damals nicht für durchführbar erachtete, es wurde später ermöglicht, nachdem die großen damit verbundenen Vortheile sich allgemeine Anerkennung verschafft hatten. Wie es großen genialen Männern meist ergeht, sie sind mit ihren Ideen dem allgemeinen Verständniß zu weit voraus, und wenn man nach zeit- und kostspieligen Umwegen zu demselben Ziele gekommen ist, das sie auf kürzerem Wege anstrebten, dann ist es Einem meist ganz unverständlich, warum man nicht seinen Intentionen von vorn herein folgte.
Es ist allerdings auch hier eine Kehrseite vorhanden. Der geniale Erfinder hat meist nur die großen Hauptpunkte im Auge und, wenn er von der Energie eines Alfried Krupp beseelt ist, so drängt er ungestüm auf die Verwirklichung seiner Ideen, ohne auf alle die Nebendinge gebührend Rücksicht zu nehmen, welche für denjenigen gründlich erwogen werden müssen, der die praktische Durchführung und Verwendung zu verantworten hat. Macht und veranlaßt letzterer Umwege, so läßt er doch auch Zeit gewinnen, um die Idee gründlich ausreifen zu lassen, sie von allen Seiten zu prüfen und für die Verwendung zweckmäßig auszugestalten. Das Gewicht, welches hiermit dem kühnen Fluge des Genies angehängt wird, ist meist eine Nothwendigkeit für die gründliche Ausgestaltung seiner Ideen. Wir finden dieses durchaus auch bewahrheitet bei Krupps neuester Idee, dem leistungsfähigeren Feldgeschütz.
Im Anfang des Jahres 1870 glaubte Krupp seine Versuche abschließen zu können, übersandte am 9. Februar dem preußischen Kriegsministerium eine Druckschrift „Krupps 4pfündige (8 cm) Feldkanonen, Konstruktion 1869 mit 1700′ (533,5 m) Anfangsgeschwindigkeit” und stellte zwei Geschütze mit Kartuschen zur Verfügung, unter Wahrung des Eigenthumsrechtes und mit der Bedingung, die Konstruktion und die Versuche geheim zu halten.
Bei der Artillerie-Prüfungskommission, welcher die Kruppschen Vorschläge zur Begutachtung überwiesen wurden, war aber der Gedanke eines in der neuen Richtung weiter entwickelten Feldgeschützes nichts Neues. Die Versuche mit dem Neunzöller hatten ganz ähnliche Ideen angeregt wie bei Krupp, und auf der durch seine Erfolge gebildeten Basis war man bereits seit 1868 mit ähnlichen Versuchen beschäftigt. Man begegnete sich also auf demselben Felde. War das für Krupp günstig oder ungünstig? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Jedoch ist es wohl nur menschlich, wenn man annimmt, daß Krupps bereits fix und fertig vorgelegtes Projekt kein großes Vergnügen erregte, da man doch selbst gerade auf dem besten Wege zu sein glaubte, selbständig das gleiche Ziel zu erreichen. Und es waren tüchtige Leute, welche daran arbeiteten.
Es waren aber noch weitere Gründe, welche ein gemeinsames Zusammenarbeiten mit Krupp, zunächst wenigstens, erschwerten.
Der Zweck der Versuche war beiderseits derselbe, Steigerung der Geschoßgeschwindigkeit und Verstärkung des Rohrs, um die Ladung vermehren zu können. Der Ausgangspunkt war aber für beide verschieden. Da die preußische Feldartillerie soeben mit Gußstahlgeschützen neu bewaffnet war, galt es, entweder diese leistungsfähiger zu machen oder verstärkte Rohre selbst aus vorhandenem Material billig herzustellen. Hierzu war Bronze wohl verwendbar, da sie neuerdings wesentlich bessere Resultate ergeben hatte, nachdem man das Gußverfahren vervollkommnet hatte. Kurz vorher war ja auch die Herstellung von Bronze-8cm-Kanonen verfügt worden. An die Verwerfung der neuen Gußstahlgeschütze und Neuausrüstung nach Krupps neuestem Vorschlag wagte man gar nicht zu denken.