An diese und ähnliche plumpe Lügen böser Gegner knüpfe ich nun folgende warnende Versicherung: Nichts, keine Folge der Ereignisse wird mich veranlassen, mir irgend etwas abtrotzen zu lassen. Die Verwaltung wird mit dem bisherigen als Gesetz bestandenen Wohlwollen fortfahren, die Fabrik zu führen im Geiste meiner Grundsätze und so lange für meine Rechnung, als ich die Arbeiter nach wie vor in bewährter Treue als die Angehörigen des Etablissements betrachten werde. Daß ich täglich meine Stellung an Andere übertragen kann und daß irgend welche Gesellschaft von Kapitalisten an Wohlwollen und Opferwilligkeit mich nicht übertreffen würde, unterliegt wohl keinem Zweifel. Es wird wohl Niemand glauben, daß ich aus Durst nach Gewinn der Mühe und Arbeit mich unterziehe, welche mit der Verwaltung eines solchen Geschäftes für eigene Rechnung verbunden ist. Jedermann weiß, wie ich seit jeher den Arbeiter und die Arbeit geschätzt habe. Jedermann möge aber auch versichert sein, daß eine Verkennung meiner Gesinnung die eingewurzelte Vorliebe für sie auszurotten im Stande sein würde. Jedermann sei überzeugt, daß ich in meinen Beschlüssen nicht wanke, daß ich wie bisher Nichts verheiße ohne Erfüllung. Ich warne daher nochmals vor den Verlockungen einer Verschwörung gegen Ruhe und Frieden. Es ist im Kreise meiner Unternehmungen dem braven ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer mäßigen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren — in einem so günstigen Maaße, wie nirgend wo anders in der Welt. Ich erwarte und verlange volles Vertrauen, lehne jedes Eingehen auf ungerechtfertigte Anforderungen ab, werde wie bisher jedem gerechten Verlangen zuvorkommen, fordere daher alle diejenigen, welche damit sich nicht begnügen wollen, hiermit auf, je eher desto lieber zu kündigen, um meiner Kündigung zuvorzukommen und so in gesetzlicher Weise das Etablissement zu verlassen, um Anderen Platz zu machen, mit der Versicherung, daß ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr sein und bleiben will.
Alfred Krupp
in Firma: Fried. Krupp.”
Dieser Aufruf ist außerordentlich charakteristisch für Krupps Sinnesart und für seine Auffassung des Verhältnisses zwischen ihm und seinen Arbeitern. Er hätte das, was nachher erfolgte, auch gleich thun können, ohne ein Wort zu verlieren, nämlich die aufrührerischen, unzufriedenen Elemente aus der Fabrik entfernen. Aber er wollte das in Anspruch genommene absolute Regiment in seinem Staate nicht auf Anwendung der Gewalt und Forderung eines blinden Gehorsams gründen, sondern auf das patriarchalische Verhältniß des gegenseitigen Vertrauens, der unentwegten Treue. Mit dem vollen Bewußtsein konnte er sich rühmen, diese treue Gesinnung seinen Untergebenen zu jeder Zeit bewahrt und in der opferfreudigen Fürsorge für ihr Wohl auch bewährt zu haben. Er hielt dieses stets für seine Pflicht, und wie er die seinige erfüllte, so konnte er auch die volle Pflichterfüllung von seinen Arbeitern verlangen. Mit vollem Recht konnte er darauf hinweisen, daß die angeblich auf eine Verbesserung ihres Looses gerichteten Bestrebungen des Lassalle, Marx und Liebknecht durch die praktische Bethätigung, wie sie in der Fabrik Platz gefunden hatte, längst überholt seien. Vor allen deutschen und außerdeutschen Arbeitgebern hatte er sich stets als den wahren Arbeiterfreund bewiesen. Es braucht nur daran erinnert zu werden, daß er im Jahre 1872 mit enormen Geldopfern durch Erbauung der Kolonien Schederhof und Kronenberg für 15000 Menschen gesunde und billige Wohnungen schuf und die Beschaffung aller Lebensbedürfnisse nach Kräften erleichtert hatte. Wo fand sich etwas derartiges wiederholt? Aber er wollte Herr bleiben auf seinem Grund und Boden, er gestattete keiner anderen Macht, irgend einen Einfluß auf seine Entschließungen zu gewinnen. Ein guter und fürsorglicher, aber ein absoluter Regent wollte er bleiben. Und seine Mahnung hatte Erfolg. Der Friede blieb in der Fabrik — fürs erste wenigstens — gewahrt.
Ein großartiges Bild ihrer Leistungsfähigkeit entwickelte diese im Jahre 1873 gelegentlich der Weltausstellung in Wien. Der Gußstahlblock, welcher wiederum den Mittelpunkt bildete, erreichte dieses Mal das Gewicht von 105000 Pfund und war aus 1800 Tiegeln gegossen. In Gestalt eines achtkantigen Prismas von 4 m Länge und 1,5 m Stärke, wie er mit dem Dampfhammer Fritz hergestellt worden war, sollte er die Schmiedbarkeit des Gußstahls selbst in so ungeheuren Dimensionen beweisen. Durch weiteres Ausschmieden sollte der Block später zu einem Geschützrohr von 37 cm Bohrungsdurchmesser benutzt werden. Während diesen Block einerseits die verschiedenartigsten Gegenstände der Friedenstechnik, Achsen, Räder, Kurbeln, Federn, Walzen, Kuppelstangen aus Tiegelgußstahl, Schienen und Weichen aus Bessemer Stahl umgaben, vergegenwärtigte anderseits eine ansehnliche Reihe von Geschützen die Leistungen Krupps auf dem Gebiete der Kriegstechnik. Neben den Feldkanonen machten sich die für Marinezwecke und Küstenzwecke brauchbaren Geschütze geltend, welche von der 12 cm bis zur 30½ cm-Kanone in 9 verschiedenen Größen bezw. Laffetirungen vertreten waren. Daneben wird auch eine 28 cm Haubitze erwähnt, wahrscheinlich eine Vorläuferin der 1875 von Krupp konstruirten und mit Erfolg erprobten Haubitze gleichen Kalibers. Auch zwei Laffetenwände, aus Gußstahl gepreßt, kamen hier zum ersten Male zur Vorführung, wie sie von da ab die genieteten Laffeten der Feldgeschütze ersetzen sollten und der Erfindungsgabe Krupps ihre Herstellung verdankten. Einen Begriff von den Größen- und Gewichtsverhältnissen einzelner Ausstellungsgegenstände giebt der Umstand, daß sowohl der Gußstahlblock als das schwerste Geschütz die Verwendung von je zwei der Firma gehörigen Eisenbahnwagen mit je 6 Achsen und 1000 Ctr. Tragkraft erfordert hatte.
Alle Anstrengungen der bedeutendsten fremdländischen Eisenwerke vermochten Krupp nicht mehr aus seiner überragenden Stellung zu verdrängen, welche in der Verleihung der höchsten Auszeichnung, des Ehrendiploms, durch die Ausstellungs-Jury und des Komthurkreuzes des Franz-Joseph-Ordens seitens des Kaisers Franz Joseph ihre gebührende Anerkennung fand.
Gerade im Jahre der Wiener Ausstellung lag ein Vergleich zwischen dem erreichten höchsten Standpunkt der Fabrik und zwischen den kleinen beinahe dürftigen Anfängen ihrem Besitzer außerordentlich nahe, denn am 24. Februar waren es 25 Jahre seit seiner Uebernahme des Werkes auf eigene Rechnung. Nichts kann seine Sinnes- und Denkweise klarer beleuchten, als seine Stellungnahme gegenüber diesem Jubiläumstage. Es war ja nur erklärlich und selbstverständlich, daß er als ein Freudentag von dem gesammten Personal der Fabrik erwartet wurde, daß die Tausende, deren Herzen mit Verehrung und Dankbarkeit für ihren genialen, und bei aller Strenge stets wohlwollenden und fürsorglichen Brotherren erfüllt waren, danach verlangten, ihm ein Zeichen ihrer Treue in irgend einer Form an diesem Tage zu widmen. Aber, sich anfeiern zu lassen, das entsprach so ganz und gar nicht der schlichten und stolz-bescheidenen Natur dieses Mannes; er hatte kein Verständniß für das behagliche und selbstgefällige Weihrauchschlürfen, wie es namentlich den Emporkömmling auszeichnet, und in Vorahnung des Gewitters, das ihm drohte, richtete er bereits einige Tage vor dessen Ausbruch an seine Freunde mit dem Ausdruck innigsten Dankgefühls die Bitte, nachdem er vernommen, daß man „mehrseitig durch Besuch, Schrift, Rede oder andere Zeichen wohlwollender Gesinnung eine Epoche seiner Vergangenheit zu feiern beabsichtige, dergleichen verhindern zu wollen, weil er ihrer Beweise der Gesinnung nicht bedürfe und nicht in der Lage sei, Andere würdig zu empfangen und zu erwidern, auch keine Ausnahme machen dürfe”. Diese Kundgebung schloß er mit den Worten: „Ich melde hiermit für unbestimmte Zeit meine Abwesenheit an,” und entzog sich damit zugleich jedem Versuch einer Huldigung. Die Angestellten mußten sich damit begnügen, ihrem Herrn ein Album mit ihren Photographien in Gestalt eines massiven eichenen Schreibpultes als Andenken an den 24. Februar 1873 zu überreichen.
Ihm selber aber war es doch ein wichtiger Gedenktag, und auf seine Weise wollte er ihn begehen; nicht im Trubel und Gedränge einer Unmasse festlicher Gäste, nicht im strahlenden Nebelgewölk verherrlichender Reden und Lobpreisungen, sondern allein mit den Bildern der Vergangenheit, sich Rechenschaft ablegend über sein Thun seit jenen Tagen, da der Vater ihm sein Erbe übergeben hatte. Und dabei lenkte sein Blick sich auf das kleine Haus, wo er am Krankenlager belehrt und Mitwisser geworden war des großen Geheimnisses, dessen Erforschung der Vater Gesundheit und Leben geopfert hatte, wo ihm die Mutter als treue Genossin im harten Kampf zur Seite gestanden hatte, um des Vaters Erbtheil zur Anerkennung zu bringen. Da ward sein Herz dankerfüllt und begehrte, auch allen den Seinen, die jetzt mit Hand und Kopf halfen, dieses Erbe, den Gußstahl, zum allgemein begehrten Hilfsmittel auf allen technischen Gebieten zu gestalten, ihnen allen Zuversicht und Lebensmuth durch dieses, das Beispiel seines Lebensganges zu heben. Da nahm er ein Blatt mit der Zeichnung des kleinen, im vorigen Jahre wiederhergestellten Elternhauses und schrieb darunter die in ihrer Einfachheit ergreifenden Worte:
„Vor fünfzig Jahren war diese ursprüngliche Arbeiterwohnung die Zuflucht meiner Eltern. Möchte jedem unserer Arbeiter der Kummer fernbleiben, den die Gründung dieser Fabrik über uns verhängte. 25 Jahre lang blieb der Erfolg zweifelhaft, der seitdem allmählich die Entbehrungen, Anstrengungen, Zuversicht und Beharrlichkeit der Vergangenheit endlich so wunderbar belohnt hat. Möge dieses Beispiel Andere in Bedrängniß ermuthigen, möge es die Achtung vor kleinen Häusern und das Mitgefühl für die oft großen Sorgen darin vermehren.
Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet.