„Dieses kleine Haus, in der Mitte der Fabrik jetzt, welches wir im Jahre 1822/23 bezogen, nachdem mein Vater ein ansehnliches Vermögen der Erfindung der Gußstahlfabrikation ohne Erfolg und außerdem seine ganze Lebenskraft und Gesundheit geopfert hatte, dieses damalige einzige Wohnhaus der Familie, worin ich mit derselben eine Reihe von Jahren des Elends und Kummers durchlebt habe, von wo aus 1826 am 28. Oktober mein verstorbener Vater zur Gruft getragen wurde, wo ich in der Dachstube hunderte von Nächten in Sorge und fieberhafter Angst mit wenig Aussicht auf die Zukunft durchwacht habe, wo vor und nach mit geringen Erfolgen die erste Hoffnung erwachte und worin ich die Erfüllung der kühnsten Hoffnungen erlebt habe — kleine Haus muß, sobald als die Jahreszeit die Arbeit gestattet, um so viel wie nöthig gehoben, mit neuen Sohlen und Pfosten an Stelle der etwa verfaulten versehen und ganz so wieder hergestellt werden, wie es ursprünglich war. Das (vordere) Zimmer (rechts) bekommt nur ein Fenster wie früher und alle Fenster Laden mit einem herzförmigen Luftloch darin. Für den Fall, daß Wände darin versetzt und Thüren und dergleichen verlegt sein möchten, wünsche ich baldigst eine rohe Skizze, um Alles genau anzugeben, wie es gewesen ist. Möbel, Treppe, Oefen, Schieferbekleidung, Bilder, Tapeten, Fuß- und Stuhlleisten, Alles soll genau so werden, wie es gewesen ist. Der Zwischenbau, wo jetzt die Abfertigung der Arbeiter ist, wird abgerissen bis an die massive Wand, etwa 24″ vom alten Hause entfernt und da wird dieser ursprüngliche südliche Giebel des alten ersten massiven Fabrikgebäudes, welches zum Andenken noch einen Kamin der alten Gießerei behalten hat, wieder hergestellt. Der Zwischenbau deckt nämlich noch zwei Fenster des alten Fabrikgebäudes. Sollte der Zwischenraum als Weg oder Eisenbahn nützlich werden, so habe ich nichts dagegen. Das kleine Haus aber soll gar keine geschäftliche Bestimmung haben. Ich wünsche, daß dasselbe so lange erhalten bleibe, als die Fabrik bestehen wird und daß meine Nachfolger so wie ich, mit Dank und Freude hinblicken werden auf dieses Denkmal, diesen Ursprung des großen Werkes. Das Haus und seine Geschichte mag dem Zaghaften Muth geben und ihm Beharrlichkeit einflößen, es möge warnen das Geringste zu verachten und vor Hochmuth zu bewahren. Ich wünsche auf der Fabrik vorzugsweise dort abzusteigen und zu verweilen und, wenn nicht eine andere Bestimmung die gegenwärtige aufheben möchte, aus demselben Hause dereinst bestattet zu werden. Zu vorgedachten Zwecken bitte ich dieses Blatt aufzuheben.
Torquay, den 14. Januar 1872.
(gez.) Alfred Krupp.”
Welch tiefe Pietät spricht aus dieser Verfügung! Nicht verschwinden sollen die Spuren der ärmlichen Vergangenheit zwischen den mächtigen Gebäudekomplexen der Fabrik, sondern mit peinlicher Sorgfalt, bis auf die kleinsten Bestandtheile, sollen sie erhalten werden, eine stete Mahnung für sein Geschlecht, nicht sich zu überheben im Glück und nicht zu verzagen im Unglück, nicht zu lassen von dem ernsten Streben, das den Gründer beseelte und seinen Sohn aus diesem dürftigen Anfang sein imposantes Werk herauszugestalten befähigte. Er schämt sich nicht der ärmlichen Vergangenheit, nein! Mit berechtigtem Stolze stellt er sie neben die Riesenerfolge seiner Energie, seiner genialen Schaffenskraft, deren beredte Zungen, die dampfenden Essen, die sausenden Maschinen, die riesigen Hämmer, rings dieses kleine Haus umgeben. Und den Tausenden seiner Arbeiter bietet er den Beweis, daß er nicht anders gelebt, nicht anders mit der Noth gerungen hat, als sie selbst, daß er einer der Ihren war und ihre Sorgen versteht, daß er neben ihnen am Ambos stand und mit seiner Arbeit dieses ganze Werk erschuf, das die Mitwelt mit Staunen erfüllt.
Und gerade dieses Hinweises sollte er bald bedürfen.
Bereits in den sechziger Jahren hatte die sozialdemokratische Agitation unter Leitung von Tölcke, Hasenclever und Dreesbach im Essener Revier Fuß zu fassen gewußt. Die Erfolge waren zwar noch nicht groß, denn bei der Reichstagswahl am 7. September 1867 hatte Hasenclever im Ganzen 3419 Stimmen, bei der Nachwahl 1868 nur 3280 Stimmen erhalten und im Jahre 1871 brachte es der Lassalleaner v. Schweitzer nur auf 1425 Stimmen; aber Angriffspunkte boten dennoch die Essener Verhältnisse mancherlei, die eine immer wachsende Agitation einzuleiten gestatteten. Namentlich herrschte unter den Bergleuten eine gewisse Gährung. Die Kohlenproduktion hatte einen enormen Aufschwung genommen, wie sich aus der Zunahme der Förderung im Oberbergamtsbezirk Dortmund ergiebt. Während 1867 von 49400 Arbeitern 10½ Millionen Tonnen im Werthe von 55,7 Mill. Mark gefördert wurden, waren es 1871 12,7 Mill. Tonnen bei 64200 Arbeitern, und 1872 sogar 14,4 Mill. Tonnen bei 68500 Arbeitern. Der Werth der Jahresproduktion war aber auf 91 bezw. 123,5 Mill. Mark gestiegen, also von 5,3 auf 8,6 Mark pro Tonne, und die Bergleute glaubten, daß ihre Löhne, welche von 2,55 Mark auf 3,31 Mark erhöht worden waren, nicht hinreichend gestiegen seien. So bot sich den sozialdemokratischen Agitatoren willkommene Gelegenheit, um in öffentlichen Versammlungen die Lohnfrage, die damals immer zunehmende Wohnungsnoth zu diskutiren und schließlich die Bildung eines Komitees zu veranlassen, das am 1. Juni 1872 im Namen der Belegschaften von 26 Zechen eine Erhöhung der Löhne um 25 %, Einführung der achtstündigen Arbeit u. s. w. verlangte. Auf die Ablehnung der Forderungen Seitens der Zechenverwaltungen erfolgte am 26. Juni ein Massenstreik, indem die Belegschaft von 40 Zechen, mehr als 15000 Bergleute, die Arbeit verweigerte. Das war ein Ausfall von täglich 300000 Ctr. Kohlen, und so wie alle anderen Fabrikanten der Gegend, wurde Krupp durch den volle sechs Wochen anhaltenden Streik auf das empfindlichste betroffen. Denn eins seiner wichtigsten Rohmaterialien war ihm entzogen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Agitatoren gehofft hatten, mittelst dieser Kohlen-Noth Zugang zu den bisher ihnen wenig geneigten Arbeitern der Gußstahlfabrik zu finden, da die Unzufriedenheit eintreten mußte, wenn Krupp gezwungen wurde, seine Betriebe ganz oder zum Theil einzustellen. Je mehr feiernde Arbeiter, desto mehr Angriffspunkte für die Agitation und Verhetzung gegen die Arbeitgeber.
Aber sie hatten sich in Krupp vollständig verrechnet. Einerseits hatte er, den Streik voraussehend, rechtzeitig seine Gegenmaßregeln getroffen; anderseits wußte er seinen Einfluß auf seine Arbeiter sich vollkräftig zu erhalten. Am 11. Juni lasen die Arbeiter, überall in der Fabrik angeheftet, eine Bekanntmachung:
„Zur Zerstreuung der mehrfach von Arbeitern der Gußstahlfabrik geäußerten Besorgniß, ob durch etwaige Arbeitseinstellungen auf den Kohlengruben auch ihnen Arbeit und Verdienst geschmälert werden möchte, kann ich mittheilen, daß die Gußstahlfabrik große Opfer nicht gescheut hat, um die Fortführung des Betriebes unter allen Umständen sicher zu stellen. Aus Nah und Fern ist für die Kohlenzufuhr gesorgt. Der an verschiedenen Orten schon beschaffte Vorrath reicht für Monate. Meine Arbeiter können also, möge auch eine andere Klasse von Arbeitern sich ein sicheres Unheil bereiten, trotzdem getrost in die Zukunft sehen. Es wird im Betriebe der Fabrik, sowie in den Bauten von Werkstätten, Arbeiterwohnungen, auch Schulen etc. nach wie vor alles seinen Gang gehen.”
Man las, nickte befriedigt mit dem Kopf und ging an die Arbeit. Es kostete recht große Opfer, um den Ausfall an Kohlen durch Anfuhr aus der Ferne zu decken, aber Schlimmerem ward dadurch vorgebeugt, dem gegen Krupp gerichteten Angriffsversuch die Spitze abgebrochen. Trotzdem ermüdeten die sozialdemokratischen und, mit ihnen schon damals verbunden, die ultramontanen Wähler nicht, Krupps Arbeiter, namentlich die jüngeren, in diesen Jahren in großer Masse neu eingestellten, zu bearbeiten, um ihre Unzufriedenheit zu erregen. Dem aufmerksamen Auge des Fabrikherrn entging dieses Treiben nicht, und noch ein Mal ergriff er das Wort, indem er am 24. Juli folgenden Aufruf erließ:
„An die Arbeiter der Gußstahlfabrik! Vor 45 Jahren stand ich in den ursprünglichen Trümmern dieser Fabrik, dem väterlichen Erbe, mit wenigen Arbeitern in einer Reihe. Der Tagelohn für Schmiede und Schmelzer war damals von 18 Stüber auf 7½ Sgr. erhöht, der ganze Wochenlohn betrug 1 Thlr. 15 Sgr. Fünfzehn Jahre lang habe ich grade soviel erworben, um den Arbeitern ihren Lohn ausbezahlen zu können, für meine eigene Arbeit und Sorgen hatte ich weiter nichts, als das Bewußtsein der Pflichterfüllung. Bei dem Wechsel der allgemeinen Verhältnisse mit dem fortschreitenden Gedeihen der Fabrik erhöhte ich allmählich die Löhne, als Regel immer freiwillig jeder Erinnerung zuvorkommend, und diese Regel soll in Kraft bleiben. Eine nützliche Einrichtung nach der andern ist getroffen und viele stehen noch bevor, die äußersten Kräfte sind bis heute angespannt worden im Interesse der Arbeiter, die in Angriff genommenen neuen Wohnungen gehen in die Tausende. Wenn bei Verkehrsstockungen alle Industrien darniederlagen, wenn Bestellungen fehlten, so habe ich dennoch arbeiten lassen, niemals einen treuen Arbeiter entlassen. Es sind noch viele Alte da, die dies bezeugen können. Fraget sie, was im Jahre 1848 für die Arbeiter geschehen ist. Die späteren Opfer der Kriegsjahre sind übrigens Allen bekannt. Wer berechnet die Opfer der jetzigen Kohlennoth? Gegenseitige Treue hat das Werk so groß gemacht. Ich weiß es, daß ich Euer Vertrauen verdiene und besitze, und darum will ich diese Worte an Euch richten. Ich warne, bevor ich Anlaß habe, über Untreue und Widerstreben mich zu beklagen, vor dem Loose, welches herumtreibende Aufwiegler und Zeitschriften unter dem Scheine des Wohlwollens und unter Mißbrauch von religiösen und sittlichen Denksprüchen dem großen Arbeiterstande zu bereiten bestrebt sind. Ihre Ernte wird beginnen, wenn sie durch falsche Verlockung unwiederbringlich die Existenz Eures Standes untergraben haben werden; sie wollen den allgemeinen Untergang, um dann mit ihrem Einfluß im Trüben zu fischen. Man erkundige sich nach der Vergangenheit dieser Apostel, nach ihrem häuslichen und sittlichen Lebenslauf. Die Geldbeiträge der Arbeiter für mündlichen und schriftlichen Skandal sind ihnen eine bequemere, angenehmere Beute, als reelle Arbeit sie bietet. Die „Essener Blätter” unter Anderm bestreben sich, durch Erfindungen aller Art den Charakter der Verwaltung meiner Fabrik zu verdächtigen und bringen zum Zweck des Aufhetzens gestern die Nachricht, daß die Konferenz gezwungenermaßen für eine Gattung Feuerarbeiter eine bedeutende Lohnerhöhung bewilligt habe.