VIII.
Unheimliche Gegner.

Während die Kriegsjahre 1870/71 für die meisten industriellen Unternehmungen Deutschlands eine naturgemäße Arbeitsstockung mit sich brachten, so daß die Fabrikherren nicht ungern die zu den Fahnen berufenen Reservisten und Landwehrleute scheiden sahen, fand sich Alfried Krupp im Gegentheil genöthigt, nicht nur den Ausfall an Arbeitskräften anderweitig zu decken, sondern seine Arbeiterzahl sogar über die der Vorjahre zu steigern. Sie betrug 1870 7337 und erreichte 1871 die Ziffer von 8314. Es galt, die früheren Bestellungen an Geschützmaterial schleunigst zum Abschluß zu bringen und die von Berlin neu eingehenden dringenden Aufträge so rasch zu erledigen, daß die Geschütze bei der Entscheidung auf dem Schlachtfelde noch mitwirken könnten. Unter den neu bestellten 323 Stück befanden sich nicht weniger als 149 schwere Rohre vom 12cm bis zum 26cm-Kaliber, ein Beweis, daß die letzte Spur des Mißtrauens in die Gußstahlringrohre überwunden war.

Aber Krupp’s nimmer rastender Erfindungsgeist, welcher jede sich bietende Gelegenheit mit Genugthuung ergriff, wo es galt, einer neuen Aufgabe gerecht zu werden, suchte sich auch in neuer origineller Weise zu bethätigen. Den Luftballons, welche von Paris Nachrichten und wichtige Persönlichkeiten in die Provinzen trugen, war mit dem Gewehr, wie mit dem Geschütz nicht beizukommen. Er konstruirte deshalb ein Ballongeschütz, mit einem Rohr von nur 150 kg Gewicht, und mit einer leichten Räderlaffete, so daß ein Mann es völlig meistern und bedienen konnte. Dem Rohr gab er eine Bewegungseinrichtung, welche es nach jeder Richtung schnell und leicht zu drehen gestattete, und eine Tragweite von einer Meile in horizontaler, 2000 Fuß in senkrechter Richtung. Das Geschoß — eine ca. 3 Pfund schwere Granate — sollte das Gas des Ballons zur Entzündung bringen. Es scheint nicht, als wenn mit diesen Miniatur-Geschützen, welche Krupp der deutschen Belagerungsarmee zum Geschenk machte, irgend ein Erfolg erzielt worden sei; trotzdem sind sie bemerkenswerth als charakteristisches Zeichen des patriotischen Sinnes und der Erfindungsgabe, welche neben der Last der vermehrten Arbeit ihn noch Zeit gewinnen ließen für Erfindung eines nicht unwichtigen Hilfsmittels.

Nach Beendigung des Krieges, der die Vorzüge des Gußstahls so hell beleuchtet hatte, begannen die Jahre eines neuen, alles bisher Erreichte weit überholenden Aufschwunges der Essener Werke. Die Arbeiterzahlen steigen 1872 auf 10622, 1873 auf 11867 und erhalten sich auch 1874 mit 11690 beinahe auf dieser Höhe. Auch die Zunahme der Gesammtproduktion, welche von 130 Millionen Pfund im Jahre 1870, im folgenden auf 150 Millionen stieg und in den Jahren 1872 und 1873 die gleiche Höhe von 250 Millionen festhielt, zeigt, daß in den letztgenannten Jahren ein Höhepunkt der Entwickelung erreicht war.

Es wurde bereits früher erwähnt, wie Krupp diesen Aufschwung vor allem dazu benutzte, um durch die großartige Anlage von Arbeiter-Kolonien seinen Untergebenen eine behaglichere Existenz zu schaffen, und wie er allen auf ihre Wohlfahrt bedachten Einrichtungen einen Abschluß zu geben sich bemühte. Daneben vernachlässigte er den zweiten Gesichtspunkt nicht, dem Werke durch Neu-Erwerbungen und Betriebs-Anlagen immer größere Unabhängigkeit zu geben. Er vervollständigte die Sayner Besitzungen, bestehend aus der Sayner und Mülhofer Hütte und Oberhammer durch Ankauf der Hermannshütte bei Neuwied am 24. Juli 1871 und erwarb im folgenden Jahre die Johanneshütte bei Duisburg, wodurch er die Produktion des Roheisens auf monatlich nahezu 10 Millionen Kilogramm mittelst 12 Hohöfen brachte. Von großer Wichtigkeit waren aber ferner die Steinkohlenzechen. Nachdem er bereits 1868 sämmtliche 1000 Kuxe der Zeche „Hannover” angekauft hatte, erwarb er auch durch Pachtvertrag den größten Theil der Förderung der Zechen „Graf Beust”, „Ernestine” und „Friedrich Ernestine”, welche alle im Osten der Stadt Essen liegen.

Obgleich er bereits 414 Eisensteingruben im Jahre 1872 besaß, war doch sein Bemühen unausgesetzt darauf gerichtet, auch bezüglich der Beschaffung der besten Eisenerze unabhängig zu werden, und hierzu bot sich im Jahre 1872 eine günstige Gelegenheit. Krupp erwarb sich bedeutende Konzessionen vorzüglicher Eisenerzlager bei Bilbao in Nord-Spanien. Mit 3 anderen Gesellschaften theilte er sich zu gleichen Theilen in deren Ausbeute und gewann hierdurch einen jährlichen Import von 300000 Tonnen für seine Bessemer-Stahlfabrikation. Zur Beförderung der werthvollen sehr eisenreichen Erze von ihrem Gewinnungsort nach dem Nervion-Flusse bei Luchana ward 1872 eine 12 Kilometer lange Eisenbahn angelegt. Hier wird das Erz in die Transportdampfer verladen, welche es nach Rotterdam befördern. Mit dieser Erwerbung hatte sich Krupp von den Schwankungen der Konjunkturen unabhängig gemacht, und der Vortheil zeigte sich bereits in diesen Jahren, als in Folge des Aufschwunges der rheinisch-westfälischen Industrie ein Mangel an Arbeitskräften eintrat und hiermit eine enorme Steigerung der Preise für Roheisen und Stabeisen sich geltend machte. Um aber auch die Beförderung der Erze von Bilbao nach Deutschland sich unter allen Umständen zu sichern, ließ Krupp auf verschiedenen Werften eigene Transportdampfer erbauen. Vier derselben, für eine Last bis zu 1700 Tonnen konstruirt, liefen im Frühjahr 1874 von Stapel, sie erhielten die Namen „Essen”, „Friedrich Krupp”, „Orconera” und „Sayn”. Ein fünfter Dampfer „Hochfeld” ward 1878 in Dienst gestellt.

Je eingehender er sich mit der Weiterentwickelung seiner Geschütz-Konstruktionen beschäftigte, desto mehr empfand Krupp die Nothwendigkeit, mit den Schießversuchen sich gleichfalls, unabhängig von denen der Großmächte, auf eigene Füße zu stellen. Bisher hatte er innerhalb der Fabrik allerdings Einrichtungen getroffen, um die Geschütze anzuschießen und die Anfangsgeschwindigkeiten der Geschosse zu messen. Ueber die Treffsicherheit, Geschoßwirkung am Ziel u. s. w. gewann man aber bei den äußerst beschränkten Raumverhältnissen keine Ergebnisse. Neben der Rohrkonstruktion traten aber in dieser Zeit die anderen Faktoren immer mehr in den Vordergrund, Geschoßkonstruktion, Zünder, Sprengladung und Treibmittel. Die ballistischen Versuche waren nur auf einem Gelände von großer Ausdehnung mit Nutzen ausführbar. Deshalb legte Krupp im Jahre 1873 einen großen Schießplatz zu Visbeck bei Dülmen an, welcher mit einer nutzbaren Länge von 6200 m allen Anforderungen zu genügen schien. Freilich gelang es dem Besitzer selbst, binnen kurzer Zeit seinen Geschützen eine so gesteigerte Wurfweite zu geben, daß der Schießplatz nicht mehr ausreichte.

Ueber dieser und anderen großartigen Anlagen der Fabrik ist aber nicht eine ganz kleine bauliche Maßnahme Krupps zu übersehen, welche ein helles Licht auf seine Gemüthstiefe und seine Charakterentwickelung wirft. Als mit den siebenziger Jahren sich die Perspektive auf einen beispiellosen Aufschwung seines Werkes vor ihm aufthat, als er seinen Gußstahl, nirgends in seiner Vorzüglichkeit erreicht, auf den verschiedensten Gebieten der Friedens- und Kriegs-Technik siegreich vordringen sah, als er im stolzen Triumph dem Erbe seines Vaters ein wirkliches Monopol errungen sah — da gab er seinem Bedürfniß, den Blick mit Vorliebe zurück zu lenken auf die kleinen Anfänge und auf die schweren Jahre, durch welche er sich hindurchringen mußte, einen deutlichen Ausdruck, indem er am 14. Januar 1872 aus dem südenglischen Bade Torquay einen Brief an die Prokura der Fabrik richtete, an dessen Spitze er eigenhändig ein Bild seines Elternhauses gezeichnet hatte. Dieser lautete: