Die Oesterreicher hatten hierbei den großen Vortheil, daß die preußischen Versuche den ihrigen unmittelbar vorausgingen, daß mithin die Fragen alle bereits durchgearbeitet und geklärt waren, welche bei ihrem Feldgeschütz nicht anders, als bei den preußischen zu beantworten waren. Das Personal Krupps hatte sich durch alle Konstruktionsänderungen im Zusammenarbeiten mit der Artillerie-Prüfungskommission durchgerungen und sich an Beherrschung des Materials, wie an Gewandtheit entschieden vervollkommnet. Das alles kam den österreichischen Geschützen zu Gute, an denen alle von Krupp allmählich erlangten Verbesserungen ohne Weiteres angebracht werden konnten mit Ausschluß der von der Artillerie-Prüfungskommission selbst hinzugethanen Veränderungen, die Krupp mit Recht nicht als sein geistiges Eigenthum betrachtete.

Bei der Uebersendung der Probegeschütze (das erste Rohr langte im Dezember 1872 in Wien an, also wahrscheinlich ziemlich gleichzeitig mit der Lieferung des ersten Mantelrohrs nach Berlin) verlangte Krupp vollständige Geheimhaltung der als sein geistiges Eigenthum zu erachtenden Konstruktionen, und, als er am 6. Mai 1873 um Kostenberechnung und Lieferzeit für 2000 Geschütze gefragt wurde, erwiderte er, daß er für die gelieferten und noch zu liefernden Versuchsmittel (Rohre, Laffeten und Geschosse) keine Entschädigung beanspruche, wohl aber glaube, „sich der Erwartung hingeben zu dürfen, daß die Lieferung sämmtlicher Feldkanonenrohre ihm schließlich übertragen werden würde, wenn die K. K. Feldartillerie auf Grund der Versuchsergebnisse zur Einführung von Gußstahlgeschützen übergehe.”

Im März und August 1873 wurde das erste 8,7 cm Rohr erprobt, hierauf von Krupp noch 3 Geschütze sammt Laffeten, Granaten und grobkörnigem Geschützpulver unentgeltlich geliefert. Die am 27. Oktober 1873 vorgenommenen Schießversuche hatten allgemein befriedigt und am 22. Januar 1874 bestellte daraufhin das Militär-Komitee noch 4 komplette 8,7 cm-Geschütze, sowie ein 7,8 cm- und ein 7,5 cm-Geschütz mit allem Zubehör. Die am 26. August 1874 gemachten Schießversuche ergaben eine erstaunliche Ueberlegenheit über alle im Vergleich geprüften Geschütze. Aber eine Bestellung erfolgte nicht weiter.

Oesterreich hätte die Beschaffung der 2000 Feldgeschütze, welche Krupp binnen 17 bis 18 Monaten liefern wollte, große finanzielle Schwierigkeiten bereitet, die Reichsvertretung würde eine so bedeutende Summe nicht bewilligt haben, zumal die inländische Eisenindustrie bei der herrschenden Geschäftsstille die Beschaffung des neuen Artillerie-Materials wie eine ihr gebührende Hilfe in ihrer bedrängten Lage betrachtete und deshalb alle Hebel in Bewegung setzte, um die Bestellung in die Hand zu bekommen. Das Reichsministerium glaubte, einen Antrag der inländischen Industriellen, versuchsweise Stahl-Ringrohre herstellen zu dürfen, nicht abweisen zu können und hätte mit diesem Entschluß eine große Verlegenheit hervorgerufen, da eine wirkliche Geschütz-Industrie in Oesterreich gar nicht existirte und mit erheblichem Zeit- und Geldaufwand erst hätte geschaffen werden müssen, wenn nicht ein glücklicher Zufall darüber hinweggebracht hätte: Die Bronze, die man soeben verworfen hatte, half aus der Noth; im Oktober 1874 begannen die Versuche mit dem ersten von Uchatius gelieferten Stahlbronze-Rohr.

Die Verfechter der Bronze hatten schon seit Jahren darüber gesonnen, diesem Material eine größere Härte zu geben; die Verbesserungen des Gusses in Coquillen, die schnelle Abkühlung durch Wasser, der Zusatz von Phosphor hatten zu keinem voll befriedigenden Ergebniß geführt. Im Herbst 1873 machte Lavroff, ein russischer Oberst, den Versuch, durch Hindurchtreiben von Zylindern mit zunehmendem Durchmesser durch das Geschützrohr die innere Wandung zu verdichten, und der gute Erfolg brachte den österreichischen General Uchatius auf den Gedanken, welcher endlich zum Ziele führte. Während er den äußeren Schichten des Rohres durch scharfe Abkühlung nach dem Guß einen großen Härtegrad verlieh, erreichte er dasselbe für die inneren durch eine gewaltsame Erweiterung der Durchbohrung von 80 bis auf 87 mm mittelst hindurchgetriebener konischer Stempel. Die dem Metall verliehene Spannung wirkt danach ähnlich wie die Spannung des Gußstahls beim Ringrohr der explodirenden Pulverladung gegenüber.

Das erste Proberohr entsprach den Hoffnungen. Es hielt bis Januar 1875 2588 Schüsse aus, ohne an Treffsicherheit einzubüßen. Nachdem auch eine größere Anzahl Stahlbronze-Rohre sich in gleicher Weise bewährt hatte, wurde das Material und die Herstellungsweise des General Uchatius für die Neuarmirung der Feldartillerie angenommen, die Einrichtung der Geschütze, ihr Verschluß, Geschoß, die Laffete, Richtmaschine, kurz alles den Krupp’schen Geschützen nachgebildet. Dessen noch im September 1874 wiederholtes Drängen, wegen der Bestellung der Gußstahlgeschütze zu einem Entschluß zu kommen, hatte das österreichische Ministerium ausweichend beantwortet, fernere Anfragen ganz unberücksichtigt gelassen und als nun die Stahlbronze-Rohre angenommen waren und der deutsche Fabrikant Entschädigung für sein Eigenthumsrecht an deren Konstruktion verlangte, soll sich das österreichische Ministerium folgendermaßen geäußert haben: „Die Monate lang auf dem Steinfelde stattgehabten Versuche mit den Kruppschen Gußstahlrohren haben zu Verbesserungen in der Konstruktion geführt, woran das technische und administrative Militär-Komitee nicht ohne Antheil bleiben konnte. Es ist unverkennbar, daß die hieraus entsprungenen Vortheile der genannten Firma zu Statten kamen, von der selber noch Konstruktionsverbesserungen vorgenommen werden.” Der „Pester Lloyd” bemerkte zu der Frage: „Die Veränderungen, die Krupp nach den Direktiven des österreichischen Militär-Komitees an den Gußstahlrohren vorgenommen hat, bilden keineswegs mehr sein geistiges Eigenthum; u. A. rührte der Flachkeil nicht von Krupp her.”

Es ward mithin Krupp das alleinige Eigenthumsrecht streitig gemacht, da bei den Versuchen eine Mitwirkung des Komitee’s stattgefunden hatte, und anstatt der in Aussicht gestellten Zuertheilung der Lieferung von 2000 Feldgeschützen ward ihm seitens der österreichisch-ungarischen Delegationen am 9. Oktober 1875 eine Entschädigung von 160000 fl. zugebilligt.

So ward in Oesterreich der Gußstahl von der Stahlbronze verdrängt, soweit das Gebiet der Feldartillerie reicht. Für die schweren Geschütze der Kriegsschiffe hatte man bereits im Jahre 1871 die Gußstahl-Ringrohre vom 15 bis zum 26 cm Kaliber von Krupp angenommen, und auch in der Folge wurden diese schweren Geschütze von ihm bezogen, da man sie in Hartbronze nicht in gleicher Leistungsfähigkeit herstellen konnte.

Wiederum ist es eigenthümlich, daß in Preußen die — in Spandau seit 1875 auch hergestellte — Hartbronze gerade bei den schweren Geschützen, nämlich zu Belagerungsgeschützen, Verwendung fand, während die Feldartillerie dem Gußstahl treu blieb. Dem Essener Werk erwuchs also auch hier, wie allerorten, in der Bronze noch einmal ein gefährlicher Feind, nachdem sie bereits endgültig überwunden zu sein schien. Welchen Abbruch sie dem Gußstahl noch zu thun im Stande war, ergiebt sich daraus, daß fast das ganze Arsenal der Belagerungsgeschütze in Deutschland seit 1875 durch Bronzegeschütze gebildet wurde; da war die 9- und 12 cm-Kanone, welche 1876, der schwere Zwölfpfünder, welcher 1880, der 15- und 21-cm-Mörser, welche 1881 in Bronze hergestellt, erprobt und eingeführt wurden. Nur für das schwere 15 cm-Rohr glaubte man den Gußstahl beibehalten zu müssen. Die Gründe für diese Bevorzugung der Bronze lagen nahe. Das Material stand in großen Massen dank den in großer Zahl erbeuteten französischen Geschützen zur Verfügung. Die rapide Entwickelung, welche das Geschützwesen durch immer neue technische Erfindungen und Vervollkommnungen nahm, ließ voraussehen, daß in kurzer Zeit die geschaffenen Geschütze durch andere Staaten überholt und wieder unbrauchbar sein würden. Gußstahlrohre waren in diesem Falle, nachdem sie mit soviel höheren Kosten beschafft waren, ganz werthlos, während die Bronzegeschütze immer ihren Materialwerth behielten. Die thatsächliche Entwickelung hat diese Voraussicht bewahrheitet. Die Bronzegeschütze waren aber außerdem bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit und Haltbarkeit vollkommen den Anforderungen genügend; nur ein Fehler machte sich bemerkbar, daß der Laderaum unter der Einwirkung der explodirenden Ladungen Veränderungen erlitt, und dieses war schließlich auch der Grund, welcher sie wieder zu beseitigen zwang. Bei der Einführung des rauchlosen Pulvers und der Sprenggranaten mußte man die Hartbronzerohre zunächst mit einer Stahlseele versehen und ging bei Neukonstruktionen wieder zum Gußstahl über. Aber diesen endlichen und wohl endgültigen Sieg seines Materials über den hartnäckigen, immer wieder erstehenden Gegner, die Bronze, sollte Alfried Krupp nicht mehr erleben.

Auch in anderen Staaten erlitt Krupp starke Einbuße durch die Stahlbronze. Italien folgte Oesterreich 1880 nach mit der Einstellung von Bronzegeschützen in die Feldartillerie, Spanien nahm solche bereits 1879 an, und in Oesterreich gelang es, auch 12 cm-, 15 cm- und 18 cm-Rohre für starke Ladungen herzustellen, so daß für diesen Staat nur die schwere Schiffsarmirung in Gußstahl zu liefern blieb. Während in dem Anfang der siebenziger Jahre ein mächtiger Aufschwung der Geschütz-Fabrikation eintrat, scheint nach 1874 ein nicht unbedeutender Rückgang sich fühlbar gemacht zu haben. Die Zahlen stiegen nämlich von 919 im Jahre 1871 bis 1874 allmählich auf 2931 Stück; für die nächsten Jahre liegen gar keine Angaben vor. Dann kommt aber im Beginn des Jahres 1878 die Lieferung der neuen Ausrüstung für die russische Feldartillerie, 1800 Geschütze, und hiermit ein Zeitpunkt, welcher in mehrfacher Beziehung den Beginn einer glücklicheren Periode nach überstandenen schweren Jahren bezeichnet.