Fried. Krupp.”
Einige fest angestellte Meister und Beamte erblickten in dieser Maßregel eine Ungerechtigkeit und baten in einer Petition um Aufhebung der Verfügung. Krupp antwortete hierauf, daß er glaube, dem religiösen Bedürfniß der Katholiken genügt zu haben, indem er die Anhörung der heiligen Messe ermöglicht und Schritte gethan habe, um dies noch zu erleichtern. Befragte würdige katholische Geistliche hätten wegen Beengung des Gewissens und der religiösen Ueberzeugung keinerlei Bedenken gehabt. Die Firma habe nur eine mißbräuchliche Gewohnheit beseitigt. Welchem bösen Schein setzten sich bei Denkenden diejenigen aus, die im festen Lohn und Gehalt stehen, wenn sie an diesen Tagen feiern wollten! Sie verlören dadurch nichts, erwirkten aber für die Arbeiter, denen dadurch ihr Verdienst entginge, großen Verlust. Dabei dürfe auch nicht vergessen werden, daß auf der Fabrik viele Evangelische in Arbeit ständen, die mitfeiern müßten, wenn die Katholiken feierten. Jeder von denen, die die Petition mit unterschrieben hätten, wisse, daß ein in die Woche fallender Feiertag der Fabrik viele Tausende von Thalern koste durch Verlust an Hitze, Dampf und Generalunkosten. Es sei besser, diese Verluste auszugleichen durch Arbeit, als durch Lohnreduktion, besonders in jetziger Zeit, wo der Lohn leider ohnehin schon vermindert werden müsse, wenn die Fabrik überhaupt in Arbeit bleiben solle. Die Anordnung der Firma werde daher nicht aufgehoben werden. „Vor 50 Jahren,” so fährt Herr Krupp fort, „trat ich die Fabrik an und so wie ich seither gedacht und gehandelt habe, wird es auch fernerhin geschehen. Die alten Mitarbeiter wissen noch, wie ich 1848 mein letztes Silber einschmelzen ließ, um nur keine Arbeiter entlassen zu müssen. Rechnend auf die Einsicht und Treue besonders meiner älteren Mitarbeiter, habe ich dies selbst und ausführlich geschrieben, weil ich als Freund zum Guten rathen wollte. Möge Jeder in seinem Kreise so dasselbe thun. Wer in unserem Verbande bleiben will, darf sich dieser Einsicht nicht verschließen.”
Die Verfügung blieb in Kraft, nur der Frohnleichnamstag ward noch in demselben Jahre wieder freigegeben. Den Gegnern war sie eine Waffe, und sie verstanden sie auszunutzen, um in Essen und in der Gußstahlfabrik gegen Krupp Stimmung zu machen.
Den Bemühungen entsprechend, welche unausgesetzt auf eine Erweiterung des Absatzgebietes seiner Artikel gerichtet waren, hatte Krupp auch große Anstrengungen gemacht, um bei der Weltausstellung in Philadelphia im Jahre 1876 seine Fabrik und die deutsche Eisenindustrie in würdiger Weise vertreten zu sehen. Das Hauptstück der Sammlung bildete eine 35,5 cm Kanone in Küstenlaffete, ein Rohr von 8 m Länge und 57,5 Tonnen Gewicht. Es machte nicht geringe Schwierigkeit, dieses Monstre-Geschütz an Ort und Stelle zu schaffen. Zwar hatte der eigene Dampfer „Essen” der Firma genügt, um neben den eigenen Ausstellungsgegenständen die von noch 27 anderen deutschen Firmen zu verladen und die Geschütze hatten im untersten Schiffsraum gut untergebracht werden können. Aber das Heben des Rohres bis zum Deck und die Beförderung ans Land, nachdem das Schiff in den Schuylkill-Fluß eingelaufen war, verursachte eine beinahe unüberwindliche Arbeit. Die großen Krähne der Allison’schen Werft reichten für diese Last nicht aus; der große Krahn, welcher behufs Einlegen des Rohres in die Laffete auf dem Schiff mitgeführt worden war, mußte auf dem Deck aufgestellt werden. Durch die kleine Schiffsluke konnte das Rohr aber nicht horizontal herausgehoben werden; man mußte es erst mittelst Hebebäumen quer drehen und dann mit dem Krahn in eine schiefe Stellung heben. Nun erwiesen sich aber die Ketten zu kurz, da sie für diesen Zweck nicht bestimmt waren. Es blieb kein anderer Ausweg, als ein streckenweises Heben, Unterstützen der schweren Last mit starken Balkenunterlagen und abermaliges Heben mit der neu abgerollten Kette, bis man in einzelnen kleinen Hebungen das Rohr auf Deck hatte. Nicht weniger schwierig war das Ausschiffen auf den achtachsigen Eisenbahnwagen.
Neben den 6 ausgestellten Geschützen standen Friedensartikel in großer Zahl und theilweise riesigen Dimensionen zur Ansicht; eine Schiffswelle mit drei Kurbeln und Kuppelscheibe war aus einem massiven Tiegelgußstahlblock von 30 Tonnen Gewicht hergestellt worden, sie wog in fertigem Zustande noch 13,5 Tonnen, eine zweite kleinere Schiffswelle 9 Tonnen. Außer dem Eisenbahn-Material jeder Art waren aber zwei eiserne Räder von ganz neuer Konstruktion ausgestellt. Sie waren durch Aufwickeln und nachheriges Zusammenschweißen eines schmiedeeisernen Bandes gebildet und zwar derart, daß die Breite des Bandes für Bildung der Nabe, der Scheibe und des Radkranzes in entsprechender Weise wechselte. Diese Räder wurden auch für die Vereinigten Staaten und Kanada patentirt.
Es ist merkwürdig, wie Professor Reuleaux, der als Mitglied der Ausstellungs-Jury des deutschen Reiches damals in Philadelphia weilte, Angesichts dieser Sammlung von 46 Gegenständen, unter denen nur 9 — nämlich außer den 6 Geschützen 3 Tragesättel für Gebirgsartillerie — als Kriegsartikel bezeichnet werden konnten, folgendes schreiben konnte:
„Und wieder in der Maschinenhalle: sieben Achtel des Raumes, so scheint es, für Krupps Riesenkanonen, die „Killing Machines”, wie man sie genannt hat, hergegeben, die da zwischen all dem friedlichen Werk, das die anderen Nationen gethan haben, wie eine Drohung stehen! Ist das wirklich der Ausdruck von Deutschlands friedlicher „Mission”?” Wenngleich Herr Reuleaux später sein allgemeines Urtheil über die deutsche Ausstellung: „Billig und schlecht” dahin abgeschwächt hat, daß wenigstens die deutsche Eisengroßindustrie die „amerikanische an Tüchtigkeit übertreffe, ja sich hier auf der Ausstellung allen übrigen als überlegen darstelle” und des Weiteren sagt: „Krupps Leistungen bedürfen hinsichtlich ihrer hohen Meisterschaft keines Kommentars,” so hat er damit nicht wieder gut zu machen vermocht, was er mit seinem unbedachtsamen und wegwerfenden Urtheil, mit jenem von allen konkurrirenden Nationen mit Schadenfreude und Wohlbehagen aufgenommenen „geflügelten Worte” der vaterländischen Industrie geschadet hat. Und was Krupp betrifft, so hätte er wohl in Erwägung ziehen müssen, daß die friedlichen Werke der anderen Nationen auch die Kriegsmaschinen-Sammlungen Schwedens, Rußlands, Brasiliens und Amerikas enthielten, mit denen der „deutsche Kanonenkönig” doch wohl die Konkurrenz aufzunehmen verpflichtet war.
Die durch die manchesterliche Mehrheit des Reichstages allen Warnungen zum Trotz beschlossene Aufhebung auch der letzten noch bestehenden Zölle auf Eisenfabrikate am 1. Januar 1877 schien dazu bestimmt, der vaterländischen Eisen-Industrie den Gnadenstoß zu geben. Viele Werke mußten ihren Betrieb ganz einstellen, der Bergwerksbetrieb sank zunehmend, da die erzielten Werthe immer mehr herunter gingen. Im Oberbergamtsbezirk Dortmund sank die Zahl der Bergarbeiter in diesem Jahre von ca. 84000 auf 74000 und die Produktion verlor bei fast gleicher Masse der Förderung nicht weniger als 22 Millionen Mark an Werth. Und doch wies im Gegentheil der Fortschritt der Technik, auch die deutschen phosphorreichen Erze durch Entziehung des Phosphors in vollstem Maße nutzbar zu machen, auf eine mächtige Steigerung der Bergindustrie hin. Aber das Absatzgebiet ward der deutschen Industrie immer mehr beschränkt und hiermit die Möglichkeit genommen, von diesem Fortschritt einen Nutzen zu ziehen. Allerorten gab es Schaaren feiernder Arbeiter, und mußten Volksküchen errichtet werden, um die im Winter 1876/77 überhandnehmende Noth zu lindern.
Dem gegenüber ist es auffallend, daß die Gußstahlfabrik im Laufe des Jahres 1877 ihre Arbeiter von 8322 auf 9318 Mann vermehren konnte, und daß sie allein an Gußstahl 5553 Tonnen mehr produzirte als im Vorjahr, während allerdings die in den Bergwerken beschäftigten Arbeiter auf die Zahl von 5300 heruntergingen. Die Gründe sind in vermehrten Bestellungen auf Kriegsmaterial und Eisenbahnschienen zu suchen. Allein für die russische Regierung waren bis zum Jahre 1878 1800 Geschütze zu liefern, da der russisch-türkische Krieg die mangelhafte Konstruktion ihrer Feldgeschütze klar gelegt hatte. Außerdem waren aber auch für Griechenland, Italien, China, Schweiz, Holland und Japan namhafte Bestellungen auszuführen; der orientalische Krieg hatte vielfach die Verbesserung des Geschützwesens nahegelegt. In Folge dessen war in der Fabrik vollauf Beschäftigung und die Stadt Essen empfand die Wohlthat, welche ihr aus dem Gußstahlwerk erwuchs, in vollstem Maße.
Obgleich Krupp nun auch nicht ermüdete in der Fürsorge für seine Untergebenen, und gerade in diesem Jahre durch Gründung einer Lebensversicherungs-Anstalt und Eröffnung einer neuen Privatvolksschule seine Wohlfahrtseinrichtungen vervollständigte, mußte er doch zu seiner Bekümmerniß sehen, daß die sozialdemokratischen Agitatoren auf seinem Gebiet wieder Fuß faßten und ihren verderblichen Lehren Eingang zu verschaffen wußten. Gelegentlich der Reichstagswahl am 10. Januar 1877 wurde mit allen Kräften gewiegelt und gehetzt, so daß der ultramontan-sozialistische Arbeiter-Kandidat Stötzel und der speziell sozialdemokratische Kandidat zusammen 10890 Stimmen erhielten und daß bei der Stichwahl zwischen ihm und dem ultramontanen Gegner Stötzel mit 11645 gegen 7653 Stimmen den Sieg davontrug.