(gez.) Alfred Krupp.”
Ich habe geglaubt, trotz seiner Länge dieses hochbedeutsame Schriftstück in seinem ganzen Umfang mittheilen zu müssen, weil es einmal ein schönes Beispiel giebt von Krupps rechtlicher und schlichter, dabei durchaus auf das Praktische gerichteten Denkweise, weil es ferner zeigt, wie er in überzeugter Beharrlichkeit das patriarchalische Verhältniß zu seinen Arbeitern festhält und gegen alle Beeinflussung zu vertheidigen sucht, und weil es endlich ein seltenes Dokument ist für seine politischen Ansichten. Die Ueberzeugung, daß seinen Angestellten zum Politisiren Zeit und tiefere Einsicht fehle, daß sie in Arbeit und häuslichen Pflichten ihre Politik zu finden hätten, übertrug er in gewissem Sinne auch auf seine eigene Person. Sein Haushalt war die Fabrik mit dem ganzen zahlreichen Personal, seine Arbeit die Führung der deutschen Eisenindustrie im erfolgreichen Kampfe mit der des Auslandes. Gelang es ihm, durch eine tüchtige erzieherische und segensreiche Organisation der Verwaltung seiner Werke, sowie durch kräftige Abwehr der zersetzenden Elemente eine festgefügte, auf Ordnungsliebe und Pflichterfüllung gegründete Gemeinschaft herzustellen und anderseits durch stetige Vervollkommnung und absolute Zuverlässigkeit seiner Erzeugnisse der vaterländischen Industrie ihre anerkannt führende Stellung zu sichern, so war er sich bewußt, dem Vaterlande einen unschätzbaren Dienst zu leisten und hierdurch seine politische Mission für den Staat in vollstem Sinne zu erfüllen. Was er seinen Arbeitern sagte, wandte er also auch auf sich selbst an: zu weiterer Antheilnahme an der Politik hatte er keine Zeit und Kraft übrig.
Eine Aeußerung über Politik suchte er in konsequenter Weise auch stets zu vermeiden und schob selbst eine Erörterung der sozialistischen Lehren so lange von sich, bis der Organismus seines Gemeinwesens dadurch ernstlich gefährdet wurde. Nun aber begnügt er sich nicht mit Mahnungen und Warnungen, sondern geht gleich direkt auf den Kernpunkt los, welchen er in der Lehre der Kathedersozialisten erblickt: „Der Arbeiter ist an dem Ertrag eines industriellen Unternehmens zu betheiligen.” Er erblickt hierin eine Ungerechtigkeit und eine Undurchführbarkeit, weil der Arbeiter nicht gezwungen werden kann, an den Verlusten in gleicher Weise wie an dem Gewinn sich zu betheiligen, denn er kann die Arbeit jederzeit verlassen, er ist nicht an das Unternehmen gefesselt, wie der Besitzer und Arbeitgeber. Und diese seine Ansicht spricht Krupp unumwunden aus; er weiß sie in klarer Weise zu begründen und seine berechtigten Ansprüche denen der Sozialisten gegenüber zu behaupten.
Gerade dieser Theil der Schrift mußte weit über die Grenzen der Fabrik hinaus Aufsehen erregen; die Zeitungen brachten lange Auszüge daraus, und in allen Kreisen der staatserhaltenden Ordnungsliebe ward ihr allgemeiner Beifall gezollt. Die sozialdemokratischen Agitatoren waren eifrig bemüht, den fühlbaren Eindruck, welchen die Broschüre auf die Arbeiter, namentlich in Essen, gemacht hatte, abzuschwächen und begannen, in lärmenden Versammlungen diese zu diskutiren. Diesem Unwesen machte Krupp aber, soweit seine Macht reichte, energisch ein Ende. Er kündigte Anfang April 30 Arbeitern, welche hauptsächlich die Agitation betrieben hatten, ihre Stellung. Wenngleich die „Essener Freie Zeitung” diese Zahl gleich zu 120 anwachsen ließ und einen Aufruf zur Unterstützung der „Märtyrer” erließ, hatte das für die Fabrik keine weiteren Folgen. Der Friede und das gute Einverständniß mit den Angestellten war wieder hergestellt.
Es kam das Jahr 1878 mit seinen schmachvollen Mordversuchen, welche zwei Sozialdemokraten am 11. Mai und 2. Juni gegen den verehrtesten und verehrungswürdigsten Regenten seiner Zeit, gegen Kaiser Wilhelm, verübten. Nun mußte endlich den sozialdemokratischen Verhetzungen, die man in verblendeter Gleichgültigkeit immer weiter sich hatte ausbreiten lassen, mit Ernst entgegengetreten werden. Dem neuen Reichstag fiel diese Aufgabe zu, und die staatserhaltenden Elemente hatten im ganzen Reiche die triftigste Veranlassung, ihre Meinung bei den Wahlen der Abgeordneten zur Geltung zu bringen. Jetzt trat die Frage an den angesehensten und einflußreichsten Mann von Essen, an Alfried Krupp, heran, ob er die Vertretung des Wahlkreises übernehmen, ob er zu Gunsten einer für den Staat so außerordentlich wichtigen Aufgabe aus seiner politischen Zurückhaltung heraustreten und für die Staatsinteressen sowie für die Arbeiterinteressen im Reichstage eintreten wollte. Es gab keinen Mann, der mehr Vertrauen genossen und der mehr Aussicht hätte, gegen den sozial-ultramontanen Kandidaten Stötzel den Sieg zu erringen. Männer wie Löwe und Berger, Kreutz und Stumm ließen sich für ihre Industrie-Bezirke gewinnen, aber es erschien ein Reform-Reichstag auf dem Gebiete der sozialen und wirthschaftlichen Gesetzgebung ohne den erfolgreichen Vorgänger Alfried Krupp kaum denkbar.
Die Vertrauensmänner-Versammlung am 26. Juni und die öffentliche Wählerversammlung am 7. Juli wählte einstimmig Krupp zum Kandidaten der regierungsfreundlichen Parteien; es handelte sich darum, auch die ultramontanen Wähler zu gewinnen und man glaubte dessen sicher zu sein, wenn er sich bereit erklärte, die Wahl anzunehmen. Aber er enthielt sich jedes Zeichens der Zustimmung; die Gegenpartei wußte daraus Gewinn zu ziehen, indem sie die Aufstellung der Krupp’schen Kandidatur als gegen seinen ausdrücklichen Willen geschehen hinstellte; Stötzel, welcher sich vollständig dem Programm der Zentrumspartei unterworfen hatte, ward von den Ultramontanen gewählt und ging aus der Wahl am 28. Juli mit 14527 Stimmen, mit 113 Stimmen über die absolute Mehrheit, als Sieger hervor. Die liberalen und nationalen Stimmen betrugen 13882 gegen 2693 im Jahre 1871 und 6634 im Jahre 1877, aber das war ein geringer Trost: kirchlicher Fanatismus und politischer Unverstand hatten gesiegt.
Soll man Krupp aus seiner Zurückhaltung einen Vorwurf machen? Er ist zu verstehen aus seinem an der einmal gewonnenen und ausgesprochenen Ueberzeugung zäh festhaltenden Charakter. Seine Arbeit wollte er allein als seine Politik betrachten. Zu der Uebernahme einer weiteren Aufgabe konnte er sich selbst unter den vorliegenden schwerwiegenden Verhältnissen nicht entschließen, fühlte sich vielleicht auch bei seinem Alter von 66 Jahren den vermehrten Anstrengungen nicht mehr gewachsen.