Gerade dieses letzte Jahrzehnt seines Lebens stellte Krupp die Aufgabe, seine Befähigung zum Geschütz-Konstrukteur — nachdem er einmal als solcher den Wettkampf aufgenommen hatte — auch durch weitere Fortschritte zu bethätigen. Da war nicht nur seinem Gußstahl in der Stahlbronze ein einflußreicher Gegner erstanden, sondern da ward auch seiner Konstruktion der Rohre, des Verschlusses und der Laffeten von den tüchtigsten Konstrukteuren der Krieg erklärt, da galt es zu zeigen, ob seine Ideen entwicklungsfähig, ob sie auch gesteigerten Ansprüchen durch weitere Vervollkommnungen zu entsprechen im Stande seien. Und wenn Alfried Krupp am Abend seines Lebens des Sieges sich noch freuen durfte, so war es gerade die Unbezwingbarkeit seiner ersten Ideen, welche ihm dazu verhalf und die Ueberlegenheit dieses Mannes über seine Gegner klarlegte, die von einem Konstruktionsprinzip zum andern sprangen im vergeblichen Versuche, ihn zu überflügeln.

Die neuen Aufgaben und erhöhten Forderungen lagen zunächst auf dem Gebiete der schweren — Belagerungs- und Schiffs-Geschütze. Die immer zunehmende Stärke der Schiffspanzer bedingte für diese, namentlich für die Küstengeschütze eine größere Durchschlagskraft, um die feindliche Flotte in respektvoller Ferne zu halten; Krupp entsprach dieser Aufgabe durch Konstruktion einer 35,5 cm Ringkanone, wie sie 1876 zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt wurde. Mit einer lebendigen Kraft von 6633 Metertonnen übertraf dieses Riesengeschütz das soeben in England fertig gestellte 81 Tons-Geschütz (ein 36,8 cm stählerner Hinterlader), welches nur 6484 Metertonnen an lebendiger Kraft erreichte. Man konnte annehmen, daß Krupp’s Geschütz den Panzer des damaligen stärksten englischen Schiffes „Inflexible” (60,96 cm) noch auf 1800 m Entfernung durchschlagen würde.

Die Küstenvertheidigung stellte aber noch eine zweite Aufgabe. Es erschien ausführbar, die feindlichen Schiffe durch eine Durchschlagung ihres Decks kampfunfähig zu machen; jedoch bedurfte man hierzu eines Wurfgeschützes, welches auf größere Entfernungen mit der hinreichenden Treffsicherheit ausgestattet war, um das verhältnißmäßig ungünstige — weil sich bewegende und nicht sehr große — Ziel auch zu treffen. Der von der deutschen Admiralität zu diesem Zwecke zunächst ins Auge gefaßte 21cm-Mörser genügte in letzterer Beziehung nicht, und Krupp konstruirte deshalb 1875 selbständig eine 28cm-Haubitze, mit der auf dem Schießplatz in Visbeck sehr günstige Resultate erzielt wurden. Das Geschütz erreichte bei 45° Elevation eine Wurfweite von 7500 m, also einer deutschen Meile. Das Geschütz ward in der Folgezeit noch wesentlich verbessert, erhielt namentlich durch eine schwerere und längere Granate eine größere Durchschlagskraft und erreichte bei dem Schießversuch 1879 eine Schußweite von 7870 m.

Auch die 35,5cm-Kanone machte nach 1875 wesentliche Veränderungen durch, erhielt bei kleinerem Gewicht eine größere Rohrlänge von 8,80 m und erreichte bei den Schießversuchen in Meppen 1878 eine Schußweite von 10000 m; ein gleiches Maaß auch die gleichzeitig vorgeführte 28cm-Kanone. Diese Schießversuche im Jahre 1878 sind deshalb besonders bemerkenswerth, weil sie zur ersten Erprobung des neu eingerichteten Schießplatzes in Gegenwart zahlreicher Gäste dienten.

Je mehr sich Krupp mit der selbständigen Konstruktion der Geschütze beschäftigte, desto mehr mußte er danach streben, alle von ihm und seinen Technikern gemachten Verbesserungen und Neukonstruktionen auf eigenen Schießplätzen einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen, sich in dieser Beziehung also von den Schießplätzen der Staaten und ihren dort schaltenden Komitees und Prüfungskommissionen ganz unabhängig zu machen. Nur dieses konnte ein selbständiges weiteres Studium und die selbständige Ausbeutung der von ihm erreichten Verbesserungen gewährleisten. Selbst der Schießplatz bei Dülmen und ein im Jahre 1877 gepachteter bei Bredelar genügten den Zwecken nicht mehr, da die Wirkungssphäre der neuen Geschütze stetig sich steigerte. Deshalb erwarb Krupp 1877 ein umfangreiches fast ganz ebenes Gebiet bei Meppen in der Provinz Hannover und richtete dieses zu dem mächtigen Schießplatz ein, welcher seitdem durch die dort stattfindenden hochwichtigen Versuche und durch seine nirgend übertroffenen Einrichtungen so große Berühmtheit erlangt hat.

Ein besonderes Schienengeleise von 3500 m Länge verbindet die Station Meppen der Westfälischen Eisenbahn mit den Etablissements des Schießplatzes. Dieser selbst erstreckt sich mit 16800 m Länge durch Haide und Bruchland und wird nur durch drei sehr wenig begangene Wege quer durchschnitten. Bis zur Entfernung von 12 Kilometer erstrecken sich beiderseits elektrische Drahtleitungen von dem Geschützstand zu den Unterständen der Sicherheitsposten, welch’ letztere auch mittelst Signalmasten sich verständigen können. Den Geschützstand bildet eine für die verschiedenen Geschützarten und Kaliber eingerichtete lange Betonbettung, über welcher ein Laufkrahn sich bewegt zur Hebung und Förderung der schweren Rohre, während drei Schienengeleise zu deren Heranführung dienen. Neben dem Hauptempfangsgebäude und einem Beobachtungsthurm, von dem man das ganze Vorfeld übersehen kann, steht ein mächtiger Laffetenschuppen zur Aufbewahrung von Rohren, Laffeten, Protzen und Geschossen schwersten Kalibers, ein Telegraphenhaus und zwei Wohngebäude für das Aufsichtspersonal. Ferner fehlen ein Sicherheitsstand für Panzerschießversuche, Pulvermagazin und Laboratorium natürlich nicht, um alle Bedürfnisse zur Hand zu haben. Durch seine Ausstattung mit allen Messungs- und sonstigen Apparaten übertrifft der Schießplatz in Meppen bisher noch alle staatlichen — geschweige denn privaten — derartigen Anlagen, selbst diejenigen Englands.

Zu einem ganz bestimmten Zwecke, auf den wir noch zurückkommen, hatte Krupp bereits einmal, im Jahre 1871, vor geladenen Gästen — Vertretern aller europäischen Staaten mit Ausnahme Frankreichs, sowie von Japan, Brasilien und Argentinien — auf dem Schießplatz von Bredelar einen größeren Versuch vorgeführt. Er wiederholte diese Einladung im Jahre 1878, um den neuen Schießplatz bei Meppen würdig einzuweihen und seine neuesten — oben bereits erwähnten — Konstruktionen den Artillerie-Offizieren aus aller Herren Länder vorzuführen. Einschließlich eines vorangehenden Versuches in Bredelar verweilten die militärischen Gäste vom 27. Juni bis 3. Juli, durch Friedrich Alfred Krupp von einem Etablissement zum andern, von einem Schießplatz zum andern geleitet, eine internationale Versammlung, welche ihrem liebenswürdigen Gastgeber zu doppeltem Danke verpflichtet waren; denn während sie einerseits ihr Wissen und ihre Kenntniß durch die Vorführung der neuesten Geschützkonstruktionen bereicherten — woraus allerdings dem Fabrikherren auch Geschäftsvortheile erwachsen mußten — kamen bei dieser Gelegenheit viele bedeutende Persönlichkeiten verschiedener Nationalitäten in Berührung miteinander, es ward im Meinungsaustausch manche Verbindung angeknüpft, welche in der Folge zu einer Förderung der gemeinsamen Wissenschaft beigetragen hat. In dieser Beziehung sind diese großartigen Versuche Krupps — denen später auch Gruson nachahmte — von großem Werthe für die Entwickelung der artilleristischen und fortifikatorischen Fragen geworden, und das ist Alfried Krupp zu danken, selbst wenn er diesen Punkt nicht im Auge hatte.

Schon im nächsten Jahre wiederholte er seine Einladung, um dieses Mal vom 5. bis 9. August 1879 ein neues Riesengeschütz, die 40 cm Ringkanone vorzuführen, welche mit einem 10 m langen Rohr das der 35,5 cm-Kanone noch um 1,20 m überragte. Andere Staaten hatten nicht gezögert, die Leistungsfähigkeit ihrer Schiffs- und Küstenartillerie gleichfalls durch Vergrößerung der Kaliber und Vermehrung der Durchschlagskraft zu steigern; denn bei dem Kampf zwischen Schiffspanzer und Geschütz waren zunächst die Grenzen — Tragfähigkeit der Schiffe für die immer gesteigerten Lasten — noch nicht erreicht worden. Gerade hierfür aber erschienen die Kruppschen Geschütze immer am vortheilhaftesten; denn während sie in ihren Leistungen die gleichkalibrigen englischen wesentlich übertrafen, hinter den noch größeren (45,08 cm) italienischen aber wenig zurückblieben, waren sie ganz bedeutend leichter. Die 40 cm-Kanone wog 72, die englische 40,6 cm-Kanone 81,2 und die italienische 45,08 cm-Kanone 101,05 Tonnen. Nicht mit Unrecht schrieb daher ein amerikanischer Berichterstatter am 25. Oktober 1879: „Die Ergebnisse der bei Meppen ausgeführten Versuche sind charakteristisch. Die Krupp’schen Geschütze besitzen die gleiche Durchschlagskraft wie die vorhandenen Woolwich-Kanonen von doppeltem Gewicht, so daß man künftighin Schiffe, welche die englischen Geschütze ihres zu bedeutenden Gewichtes wegen nicht zu führen vermögen, mit den leichteren und wirksameren deutschen Kanonen bewaffnen wird. Daraus muß man also die für Amerika sehr beachtenswerthe und für England sehr niederschlagende Folgerung ziehen, daß ein lediglich auf seine eigenen Hilfsquellen angewiesener deutscher Fabrikant im Stande gewesen ist, nach verhältnißmäßig kurzen Versuchen schwere Geschütze herzustellen, welche den in der englischen Artillerie eingeführten bei Weitem überlegen sind, und deren Leistungen die bis dahin von der Unübertrefflichkeit ihrer Kanonen überzeugten Konstrukteure von Woolwich genöthigt haben, in aller Eile eine Reihe neuer Versuche zu beginnen, um den ihnen angebotenen Wettstreit aufzunehmen und womöglich siegreich durchzuführen.”

Die englischen Woolwich-Geschütze hatten gerade in jenem Jahre einen empfindlichen Stoß durch das Zerspringen eines Vorderladers auf dem „Thunderer” erlitten, und bei dem hierauf neu entsponnenen Streit über Hinter- und Vorderlader hatten die Gegner der ersteren auch wieder die Unglücksfälle von 1866 hervorgeholt, um nachzuweisen, daß auch die Krupp’schen Hinterlader ein solches Mißgeschick treffen könne wie ihr Woolwich-Rohr. Krupp konnte in einer hierauf antwortenden Schrift (die bereits erwähnt wurde) nachweisen, daß von den 5 Geschützrohren des nach 1870 eingeführten Systems, welche gesprungen waren, eins in Folge eines Dauerversuches — also beabsichtigt — und vier in Folge von Sprüngen in den Seelenwänden und daraus entstehenden Klemmungen, also durchaus nicht unvermuthet und ohne vorherige Anzeichen, gerissen waren, und doch nur auf je 2500 Geschütze ein einziges fehlerhaftes.

Außer dem neuen 40 cm-Geschütz und der 35,5 cm-Kanone wurde bei den Schießversuchen des Jahres 1879 eine ganze Reihe anderer Geschütze, die lange 15 cm-Kanone, die 21 cm Festungs-Haubitze, der 15 cm-Mörser, die 24 cm-Kanone in Küstenlaffete, und die 8,7 cm-Pivot-Schiffskanone probirt. Den Schluß bildete aber eine Vergleichsbeschießung von zwei verschiedenartigen Panzerplatten, und hiermit betrat Krupp wiederum ein neues Gebiet. Wenngleich diese ersten Panzerschießversuche ganz bestimmten, eng begrenzten Zwecken dienten, sind sie doch als Anfang der langen Reihe wichtiger Panzerschießversuche zu betrachten, deren Schauplatz der Schießplatz bei Meppen in späteren Jahren werden sollte.