Am 17. Februar des Jahres 1876 hatte Krupp für den preußischen Staat ein Patent auf ein 15 cm-Geschütz ohne Rücklauf für Panzerbatterien erhalten, und der bereits erwähnte Schießversuch am 7. und 8. November 1877 auf dem Schießplatz bei Bredelar hatte den Zweck, den Vertretern aller Mächte diese neue Erfindung vorzuführen. Die Anregung dazu hatten jedenfalls die Konstruktionen von Maximilian Schumann und Hermann Gruson gegeben. Ersterer hatte im Jahre 1866 einen festen gepanzerten Geschützstand zur Erprobung gebracht und letzterer einen gleichen, aber in Hartguß konstruirten im Jahre 1869 auf dem Tegeler Schießplatz vorgeführt. Der leitende Gedanke für beide Konstrukteure war die Sicherung eines Festungsgeschützes gegen die in steter Steigerung begriffene Wirkung der gezogenen Geschütze durch Umgebung mit einem eisernen Gehäuse, welches vorn lediglich durch die möglichst klein zu gestaltende Schießscharte durchbrochen und hinten völlig in den Wall hineingebaut war. Drei Theile waren hierbei neu und von gleicher Wichtigkeit: das eiserne Gehäuse, welches durch Gestalt und Material im Stande sein mußte, dem feindlichen Feuer einen möglichst langen Widerstand zu leisten; die Scharte, welche so klein zu machen war, daß keine Geschosse oder Sprengstücke zwischen Rohr und Schartenumrahmung in das Innere gelangen konnten; und hiermit in unmittelbarem Zusammenhang eine derartige Laffetirung des Geschützes, daß Seiten- und Höhenrichtung genommen, sowie geladen werden konnte selbst bei der minimalen Schartengröße. Die Laffete mußte also so konstruirt sein, daß der Drehungsmittelpunkt für alle Bewegungen des Rohrs möglichst in der Scharte lag und daß diese womöglich niemals unverschlossen blieb, daß also der Rücklauf des Geschützes möglichst ganz beseitigt wurde.
Grusons Hartguß hatte sich ganz besonders geeignet erwiesen, um das Gehäuse herzustellen. Das Gußeisen gestattete, ihm eine allseitig abgerundete Form zu geben, auf welche das feindliche Geschoß meist schräg auftreffen und abgleiten mußte. Die sorgfältige Auswahl der Eisensorten und die von Gruson zur Meisterschaft entwickelte Kunst des Coquillen-Gusses ließen es erreichen, daß der Panzer an der Außenfläche außerordentlich hart wurde, so daß die Geschosse daran zerschellten, während im Innern das Eisen eine hinreichende Elastizität und Festigkeit behielt, um nicht in Folge des starken Stoßes zu zerbrechen, wie gewöhnliches Gußeisen es thun würde. Die Art und Weise, in welcher der Hartgußpanzer seinen Zweck erfüllt, ist mithin eine ganz andere, als beim Schmiedeeisen oder Walzeisen-Panzer, wie er in den 60er und 70er Jahren in England hergestellt und allgemein verwendet wurde. Während der Hartguß mit der harten Außenfläche das Eindringen des Geschosses verhindert, also undurchdringlich ist, läßt das Walzeisen das Geschoß wohl eindringen, setzt ihm aber soviel Widerstand entgegen, daß seine lebendige Kraft beim Eindringen allmählich aufgezehrt wird. Deshalb mußten die Walzeisen-Panzer immer dicker gemacht werden, je größere Durchschlagskraft man den Geschossen gab, während die Stärke der Hartgußpanzer wiederum in Verbindung mit der einer Platte zu gebenden Masse so groß zu wählen war, daß der empfangene Stoß keine Verschiebung oder Zertrümmerung nach sich ziehen konnte.
Minimalschartenlaffeten mit Rücklaufshemmung waren von Schumann wie von Gruson konstruirt worden. Der Hartgußstand hatte seiner zweckmäßigen Form wegen über den Schumannschen den Sieg davon getragen. Beide Konstrukteure hatten sich hierauf der Erfindung von Panzer-Drehthürmen zugewendet und Schumann legte im Jahre 1878 dem preußischen Kriegsministerium seine Entwürfe vor, welche ein ganz neues Prinzip der Rücklaufshemmung einführten, indem das Geschütz mit dem Bodenstück gegen einen Hauptbestandtheil der Panzerkonstruktion gestützt wurde und in Folge dessen den Rückstoß auf diese übertrug, ohne selbst aus der Scharte sich zu bewegen. Ungefähr zu dieser Zeit näherte er sich auch Alfried Krupp, indem er ihm seine Ideen mittheilte und ihn für diese zu interessiren suchte. Eine Verbindung beider genialer Männer würde zur Ausführung der Schumannschen Pläne in dem denkbar besten Material geführt haben und wahrscheinlich viel schneller die Entwickelung der deutschen Panzer-Formen gezeitigt haben, als es durch die Verbindung mit Gruson erreicht wurde, denn Schumann hatte durchaus keine Neigung zum Hartguß, und so bedurfte es erst vieler gegenseitiger Zugeständnisse und Kompromisse zwischen ihm und Gruson, mit dem er sich 1882 vereinigte, bevor ein wirkliches Zusammenarbeiten möglich war.
Aber Krupp ging auf Schumanns Vorschläge nicht ein. Es ist kaum anzunehmen, daß er für die Entwickelungsfähigkeit seiner Ideen kein Verständniß gehabt hätte; aber — er hatte bereits selbst begonnen, sich mit demselben Gegenstande zu beschäftigen, er hatte bereits selbst seine ganz bestimmten Ideen in Ausführung genommen und hielt sie für gut, vielleicht für besser als die Schumannschen. Jedenfalls hatte er keine Neigung, auf dem eingeschlagenen Wege sich beirren zu lassen, und so hat er auch Nichts von den Schumannschen oder Grusonschen Prinzipien sich in der Folgezeit angeeignet, sondern ist mit einer gewissen Hartnäckigkeit seiner eigenen Idee treu geblieben, wenngleich er ihr nicht zu der gehofften Anerkennung und allgemeineren Verwerthung verhelfen konnte.
Seinen Panzerstand setzte Krupp aus Platten zusammen, deren vordere und seitliche schräg gestellt wurden zur Vermeidung günstiger Auftreffwinkel. Das Rohr erhielt einen kugeligen Kopf und wurde mit diesem in die gleichfalls kugelförmige Schartenöffnung so gelagert, daß es sich um diesen Kugelkopf bewegte und nicht aus der Scharte herausgestoßen werden konnte. Während Schumann das Rohr mit dem Bodenstück aufstützte, hängte es Krupp gewissermaßen an der Mündung auf, und allgemein nahm man an, daß das Rohr unter dem starken Rückstoß abreißen würde. Aber das vorzügliche Material des Tiegelgußstahls hielt auch diese Probe aus, und von einem Zerreißen des Rohres hat man niemals gehört.
Während später auch der Versuch gemacht wurde, einen Drehthurm für das Kugelkopf-Geschütz zu konstruiren, führte Krupp zunächst nur den festen Panzerstand aus, welchen er zum ersten Male 1877 öffentlich erprobte. Hierbei ward sowohl aus dem Panzerstand auf eine Scheibe, als von zwei Geschützen (von 12 und 15 cm Kaliber) gegen den Panzer gefeuert. Ein zweites Schießen, aber nur aus dem Panzerstand, fand am 28. Juni 1878 auf dem Schießplatz bei Bredelar statt und in dritter Stelle folgte die Beschießung der Frontplatte des Panzerstandes im Vergleich mit einer Hartgußplatte am 8. August 1879.
Letztere hatte offenbar den Zweck, die Ueberlegenheit der Kruppschen über die Grusonsche Panzerplatte und der Stahlgeschosse über die Hartgußgeschosse vor Aller Augen zu beweisen. Es ist durchaus verständlich, daß der Mann, welcher lediglich in der begeisterten Ueberzeugung von der Alles übertreffenden Vorzüglichkeit der väterlichen Erfindung eine Welt voll Gegner und Widerstände überwunden hatte, auf den Hartguß, auf das so minderwerthige gemeine Gußeisen mit stolzer Verachtung herabblickte, daß er nicht begreifen konnte, wie man in Verblendung diesem schlechten Material Vertrauen entgegenbringen, wie man die daraus gefertigten Panzerbauten als brauchbar erachten könne. Es mußte ein Leichtes sein, die ganze militärische Welt davon zu überzeugen, daß sie sich in einem Irrthum befände. Wie leicht Krupp diese Sache nahm und — wie wenig Erfahrung er noch hatte auf dem Gebiete der Panzer-Versuche, geht aus der Art und Weise hervor, wie er sein Vergleichsschießen in Szene setzte.
Er hielt es nicht für nothwendig, sich von Gruson eine Platte schicken zu lassen; er meinte offenbar, das könne doch Jeder, eine Hartgußplatte herstellen, und — ließ sie in der eigenen Fabrik gießen. Das war ein schwerer Irrthum, denn die Fabrikation der Hartgußplatten, wie sie Gruson für die gründlichste Erprobung nun bereits seit Jahren gefertigt hatte, verlangt genau in derselben Weise eine zweckentsprechende Auswahl der Rohmaterialien und eine sorgfältige Behandlung beim Guß, wie der Krupp’sche Tiegelgußstahl; ohne genaueste Kenntniß aller Bedingungen, ohne jahrelange Versuche und Einübung aller Arbeiter ist das Eine so wenig wie das Andere in zuverlässiger Güte herzustellen. Ferner aber stellte er neben einander seine Schartenplatte und ein Segment eines Hartgußthurmes, wovon jene eine Stärke von 508 mm hatte und über der Scharte noch durch eine aufgeschraubte Schartenblende von 600 mm Dicke und 900 mm Durchmesser verstärkt war, während die Hartgußplatte 625 mm stark war. Da er beide mit demselben Geschütz beschoß, nämlich mit der 25,5 cm Panzerkanone, so hätte er die eigene Panzerplatte um Vieles schwächer nehmen müssen; denn das bedurfte überhaupt keines Beweises, daß eine 50 cm starke Walzeisenplatte durch ein 25,5 cm Geschoß weder durchschlagen, noch ernstlich gefährdet werden konnte; anderseits ist das Verhältniß der gegen gleiches Geschoß anzuwendenden Hartgußstärke der Walzeisenstärke gegenüber viel größer als 6 zu 5. Es zeigt sich in dieser Anordnung die völlige Unerfahrenheit Krupps auf dem Gebiete der Panzerschießversuche, denn die auf dieser Grundlage erzielten Ergebnisse, mochten sie noch so vorzüglich sein, waren nichts weniger als einwandfrei; und auf werthlose Resultate konnte es ihm nicht ankommen. In der That ging — nicht anders möglich — die Walzeisenplatte völlig unversehrt aus der Beschießung hervor: aber auch die Hartgußplatte zeigte nur ein paar Oberflächensprünge, wie sie sich bei diesem Material immer zeigen, ohne es für die eigenartige Verwendung weniger brauchbar zu machen. Für diejenigen, welche den preußischen Schießversuchen gegen Hartgußpanzer nahe standen, hatten die Ergebnisse durchaus nicht das Beunruhigende, was einzelne Referenten daraus folgerten, daß nämlich die in Hartguß ausgeführten Fortifikationen nun als werthlos erwiesen seien.
Scheinbar hatte Krupp mit seinem Panzergeschütz einen großen Erfolg, denn die Konstruktion hatte, dank dem vorzüglichen Material, die Erwartungen übertroffen. Thatsächlich war es ein Mißerfolg; denn die gegen Gruson gerichtete Spitze war wirkungslos und eine weiterreichende Verwerthung des neuen Konstruktionsprinzips, so geistreich es war, blieb aus. Hier rächte sich der Fehler, den Krupp begangen hatte, als er nicht von vorn herein mit seinem Gußstahl den Kampf aufgenommen hatte auf dem Gebiete der Panzerfabrikation und Panzerkonstruktion. Erst geraume Zeit später gelang es der Firma, in ersterer das Versäumte nachzuholen und dann den dem Krupp’schen Fabrikat gebührenden ersten Rang in der Panzerfabrikation sich zu erobern.