Anders liegt die Sache mit der Erprobung der Stahl- und Hartguß-Granaten. Letztere hatten sich in den 70 Jahren bei allen Schießversuchen den Stahlpanzer-Geschossen überlegen gezeigt und waren allgemein als beste Panzer-Geschosse anerkannt worden. Kürzlich schien es aber, als wenn der Engländer Sir J. Whitworth mit einer neuen, künstlich gehärteten Stahlgranate im Begriff wäre, ein dem Hartgußgeschoß ebenbürtiges Stahlgeschoß zu fabriziren. Dieses mußte Krupp natürlich zur äußersten Anstrengung anregen, er erfand eine neue Härtungsmethode und wenngleich die mit dieser hergestellten Granaten am 8. August 1879 keinen unbedingten Sieg über die Hartguß-Granaten erfochten, so kann dieser Tag doch als der Ausgangspunkt für die neue Geschoßfabrikation Krupps angesehen werden. Mit der ihm eigenen zähen Ausdauer gelang es ihm, seinen gehärteten Gußstahl-Granaten die erste Stellung und hiermit wiederum einen glänzenden Erfolg zu erringen.

Auch auf dem Gebiet der Feldartillerie war er unermüdlich, um weitere Vervollkommnungen zu erzielen und konnte bereits in Philadelphia 1876 zwei neue Feldgeschütze und mehrere Gebirgsgeschütze ausstellen, welche durch Gewichtserleichterung und Vermehrung der Anfangsgeschwindigkeiten als ein Fortschritt bezeichnet werden mußten. Im Jahre 1879 brachte er noch ein viel leichteres Feldgeschütz zur Ausführung, das mit Rücksicht auf einen besonders mangelhaften Zustand der Straßen namentlich für die außereuropäischen Staaten bestimmt war; denn auch für solche in allen Erdtheilen waren ja die Krupp’schen Geschütze mehr und mehr zur unentbehrlichen Waffe geworden.

Die Früchte aller dieser Anstrengungen wollten sich so schnell nicht einstellen. Bis zum Jahre 1880 schwankte die Arbeiterzahl zwischen 8 und 9 Tausend, blieb also hinter den Zahlen der ersten Hälfte des Jahrzehnts um 2 bis 3 Tausend zurück, und auch die Produktion nahm nur langsam zu. Jedoch gelang es, die schweren Bedingungen, unter denen Krupp vor fünf Jahren die Grundschuld von 30 Millionen Mark auf sein gesammtes Besitzthum aufgenommen hatte, im Jahre 1879 dadurch wesentlich zu erleichtern, daß behufs Konvertirung der noch nicht ausgeloosten Obligationen eine Anleihe im Betrage von 22½ Millionen Mark zu gleichen Bedingungen aufgenommen wurde. Der Tilgungstermin war dadurch bis zum 1. April 1899 verlängert worden. Es erschien geboten, dieses Arrangement zu treffen, um in der immer noch schwierigen Lage des Werkes größere Mittel flüssig erhalten zu können und nicht durch starke Rückzahlungen die Einnahmen fortlaufend zu belasten.

Die Ausstellung in Düsseldorf gab 1880 Gelegenheit, ein glänzendes Bild von der Leistungsfähigkeit der Fabrik zu geben. Es ist hierbei besonders die Vorführung einer Schiffswelle von 11551 kg Gewicht erwähnenswerth, weil diese dem Postdampfer „Frisia” entnommen war, auf welchem sie von 1872 bis 1877 im Gebrauch gewesen war und in dieser Zeit 66½ Millionen Umdrehungen bei einer durchlaufenen Gesammtreise von 262000 Seemeilen gemacht hatte, ohne die geringsten Spuren einer Abnutzung zu zeigen. Hiermit war ein vorzüglicher Beweis der Leistungsfähigkeit und Dauerhaftigkeit des Materials erbracht, der noch durch das Zeugniß des Herrn Adolf Godeffroy aus Hamburg bekräftigt wurde, daß andere von der Firma gelieferte Achsen noch einer stärkeren Beanspruchung sich gewachsen gezeigt hätten, wie z. B. eine 1871 gelieferte Doppelkurbelachse, welche auf der „Vandalia” 111803000 Umdrehungen gemacht hatte. Von einer Konkurrenz mit Krupp war bereits bei dieser Ausstellung keine Rede mehr; er stand außerhalb des Wettbewerbes.

Im Jahre 1877 verlebte der Kaiser Wilhelm den Sedantag in der Gußstahlfabrik. Mit großem Gefolge traf er auf der Reise zu den Manövertagen in der Rheinprovinz in Essen ein; eine Ausstellung der Maximal-Produktion eines Tages ward ihm in der Fabrik vorgeführt; um 1000 verschiedene Granaten, die wie ein Teppichbeet gruppirt waren, schlangen sich 160 Radreifen, 120 Lokomotiv- und Waggonachsen, 160 Eisenbahnräder, 430 Eisenbahnfedern und 1800 Schienen, welche die ganze Ausstellung wie eine Mauer umfaßten; die im Jahre 1865 gegründete Feuerwehr gab eine Festvorstellung und zu dem Festmahle in Villa „Hügel” sangen die Arbeiter „die Wacht am Rhein”, ein würdiger und alle Anwesenden tief bewegender Abschluß eines bedeutungsvollen und großartigen Tages. Einige Monate später (am 17. Dezember) traf der Kronprinz in Essen ein, und im Jahre 1878 besuchte der Enkel des greisen Kaisers, Prinz Wilhelm von Preußen, zum ersten Male den „Kanonenkönig”, von dessen Sohn Alfred Friedrich er bei der Besichtigung geführt wurde.


XI.
Die letzten Triumphe und die letzte Enttäuschung.

Mit dem Jahre 1881 begann für Alfried Krupp die letzte und durch immer sich steigernde Erfolge hervorragende Periode seines ereignißreichen Lebens. Er hatte die Höhe erklommen, unermüdliches Streben, begeisterte Auffassung seines Berufes, unentwegtes Vertrauen auf die Unübertrefflichkeit des väterlichen Erbes, geniale Erfindungskraft, weise und praktische Geschäftsführung, echt patriarchalische Fürsorge für seine Arbeiter und ein auf die Stärkung der vaterländischen Wehrmacht unablässig gerichteter Patriotismus hatten ihn dahin geleitet. Der einzelne Mann hatte mit seiner Kraft seinem Werke eine Bedeutung und Ausdehnung zu geben vermocht, wie sie kein, selbst mit den größten Mitteln unterstütztes Unternehmen auf dem Gebiete der Eisen-Industrie hatte erreichen können.

Neue Fortschritte bezeichnen noch in diesen seinen letzten Lebensjahren die Neukonstruktionen der langen Geschützrohre und der Schnellfeuerkanonen. Bei dem im Jahre 1882 veranstalteten großen Probeschießen bei Meppen ward das erste schwere Geschütz von 35 Kaliberlänge, eine 30,5 cm-Kanone von 10,7 m Rohrlänge, vorgeführt. Es ward damit die Anwendung größerer Ladungen und schwererer Geschosse, also eine bedeutende Steigerung der Wirkung beabsichtigt und erreicht. Zur selben Zeit brachte Krupp ein neues Pulver zur Anwendung, welches auf seine Anregung hergestellt worden war, und das sich wegen seines geringen Gasdruckes für große Ladungen viel geeigneter erwies, als das bisherige Schießpulver. Dieses „braune Pulver” ist als ein Vorläufer der später verwendeten rauchschwachen Pulver zu betrachten, und seine Einführung trug wesentlich zur sachgemäßen Entwickelung der langen Geschützrohre bei.