Noch einmal — in seinem letzten Lebensjahre — sollte Krupp einen heißen Kampf entbrennen sehen zwischen den verschiedenen rivalisirenden Geschützsystemen; aber er brauchte keinen Finger zu rühren; die tüchtigsten Federn des Landes, in dem der Streit ausgefochten wurde, übernahmen es, seinem System den Sieg zu sichern und gleichzeitig in glänzender Weise die Ueberlegenheit dieses seines Lebenswerkes allen anderen Systemen gegenüber mit objektiver wissenschaftlicher Gründlichkeit zu beweisen. Es war in Belgien, wo gelegentlich der Erbauung der beiden Maasfestungen Stimmen in großer Anzahl laut wurden, um theils für die Herstellung der zahlreichen Geschütze in eigenen Etablissements, theils für die Annahme des Systems de Bange zu agitiren. Welche Mittel man hierbei anwandte, zeigt die Behauptung eines militärischen Schriftstellers, des Lieutenant Malengreau: „es beweist nur, daß Krupp im Stande ist, seine Geschütze durch Tiegelguß herzustellen, und daß er es auch thut, wenn er Zeitungskorrespondenten empfängt, was jedoch nicht alle Tage vorkommt.” Und selbst ein so bedeutender französischer Schriftsteller, wie Oberstlieutenant Hennebert verstieg sich zu der Behauptung: „Jedermann weiß, daß der deutsche Kaiser, die kaiserliche Familie, die Hauptpersonen am Hofe und der Fürst Bismarck ausschließlich Aktionäre des berühmten Hauses an den Ufern der Ruhr sind... Das Ziel, welches man sich in Deutschland gesteckt hat, besteht in der Hemmung des Aufschwunges der französischen Industrie.”
Wohlthuend berührt dagegen die sachliche und objektive Klarlegung der Frage, mit welcher der Hauptmann E. Monthaye vom belgischen Generalstab für Krupps System eintrat. Seine Untersuchung führt zu der unbedingten Anerkennung und einwandfreien Kritik der Krupp’schen Geschütze. Ausgehend von einer Besprechung der verschiedenen zur Verwendung kommenden Metalle hebt er die Vorzüge des Tiegelgußstahls hervor und zitirt das Urtheil des Chemikers Fremy: „Wenn Krupp dazu gelangt ist, den Kriegsmaschinen jene Vollkommenheit zu geben, welche man an ihnen kennt, so geschah dies, weil er seit einer langen Reihe von Jahren ihre Fabrikation auf eine wirklich wissenschaftliche Grundlage stellte. In seiner Fabrik wird nichts dem Zufall überlassen; Chemiker analysiren fortwährend die Grundstoffe und die hergestellten Erzeugnisse; das wissenschaftliche und industrielle Element ist eng mit dem militärischen Element verbunden; Artillerie-Offiziere sind der Fabrikation zugetheilt und verfolgen alle Einzelheiten; erhebliche Summen werden auf neue Versuche verwandt, die mit den verschiedenen Legirungen, die sich für die Geschützfabrikation eignen, gemacht werden; jedes untersuchte Metall erhält gewissermaßen seine Akten, die seine chemische Zusammensetzung, seine Vortheile und seine Mängel ergeben.” Mit Recht wird hervorgehoben, daß Krupp allein im Stande ist, sich das größte Vertrauen für seine Fabrikate zu erwerben, weil er selbst sich die Materialien in dieser wohlüberwachten wissenschaftlichen Weise zubereitet, während in Frankreich und England die zu verarbeitenden Blöcke von Privaten gefertigt und geliefert werden. Nachdem Monthaye hierauf die Verschlußsysteme einer kritischen Untersuchung unterworfen hat, bespricht er die ballistischen Leistungen und weist nach, daß die neuen Krupp’schen Geschütze denen von de Bange durchweg vorzuziehen sind. Er schließt sein Buch mit den Worten: „Der gegenwärtige Eigenthümer der Kruppschen Fabrik ist ein Greis von 74 Jahren, dessen eiserne Gesundheit und Thatkraft jedoch dem Alter und der Krankheit trotzt. Er ist noch heute der Mittelpunkt von allen den ausgedehnten Unternehmungen, deren Ausgangspunkt die Essener Gußstahlfabrik ist. Man hat ihn den „Kanonenkönig” genannt, wie man den verstorbenen Van der Bilt den „Eisenbahnkönig” nannte. Dieser ehrende Beiname ist ohne innere Bedeutung für den großen amerikanischen Finanzmann, der sich begnügte, die Antheile der als gut und gewinnbringend bekannten Linien zu kaufen, ohne je in seinem Leben einen einzigen Kilometer Eisenbahn gebaut zu haben, er kommt dagegen mit vollem Recht Herrn Krupp zu, da er selbst nicht nur eine Artillerie geschaffen hat, sondern auch das Metall, aus dem sie hergestellt wird.”
Es erscheint kaum noch nöthig, eines anderen Schriftstellers „Pertinax” zu erwähnen, welcher in ähnlicher Weise die Ueberlegenheit Krupps gegenüber De Bange, Armstrong und Whitworth nachweist; genügt doch die Thatsache, daß das Krupp’sche Geschütz bis 1887 das einzige war, das in den europäischen und amerikanischen Kriegen seit zwei Jahrzehnten seine vollkommene Leistungsfähigkeit durch alle Wechselfälle zahlreicher und anstrengender Feldzüge bewiesen hatte.
In der That gab es außer Frankreich, England und Serbien keinen Staat von einiger militärischer Bedeutung, der sich nicht mehr und mehr den Kruppschen Geschützen zugewandt hätte; weit über die Grenzen Europas hinaus beeiferten sich die Staaten Amerikas, Asiens und Afrikas, ihre Flotten und Küstenbefestigungen mit den Kruppschen Panzergeschützen zu armiren und ihre Armeen mit seinen Feldgeschützen auszurüsten. Es ist eine gewaltige Anzahl von Rohren, die bis zum Todestage Alfried Krupps aus seiner Werkstatt hervorgegangen waren, mehr als 23000 Stück waren in seinen Journalen verzeichnet, und es giebt keine Geschützfabrik der Welt, welche auch nur annähernd diese Zahl erreicht hätte. So hatte der Meister das hohe Ziel erreicht, das er sich in den Träumen seiner Jugendjahre gesteckt hatte, sein Lieblingsgedanke, den Tiegelgußstahl bei den stärksten Kriegswaffen zur Anwendung und Anerkennung zu bringen, hatte sich voll und ganz erfüllt, eine That seiner unermüdlichen siegesgewissen Thätigkeit und Schaffenskraft. Alle Gegner sah er noch an seinem Lebensabend überwunden, mit lauter Stimme verkündeten auf fast allen Schießplätzen der Erde die Erzeugnisse seines Geistes den Ruhm des väterlichen Erbes, des Tiegelgußstahls. Und am Bord der Yacht des deutschen Kaisers, der „Hohenzollern”, prangten zwei Exemplare, welche ein beredtes Zeugniß ablegen von der tief patriotischen Gesinnung, von der begeisterten Verehrung Krupps für seinen Fürsten, der ihm im schweren Kampfe ein so verständnißvoller und treuer Bundesgenosse gewesen war. Es hatte ihm gar nicht schön und kostbar genug werden können, dies Geschenk, das des Kaisers Gnade 1882 von ihm anzunehmen sich entschloß, und als Kunstwerke ersten Ranges, von bedeutenden Künstlern entworfen, in Gravir- und Tauschir-Arbeit ausgeführt, mit herrlichen Silberornamenten bedeckt, bilden diese 2 8,7 cm-Kanonen eine Zierde des kaiserlichen Schiffes, wie sie einzig und unübertroffen dasteht.
Das stetige Aufblühen der Fabrik findet seinen Ausdruck in der seit 1880 immer sich steigernden Zahl der Arbeiter, die 1887 12674 allein in Essen betrug, und in der Zunahme der Produktion, welche 1885 210000 Tonnen erreichte. Die Gesammtzahl der von der Firma beschäftigten Arbeiter betrug nach der Aufnahme im Juli 1888 20960 Mann und die ganze vom Werke abhängige Bevölkerung 73769 Seelen.
An diesem Aufschwung war aber ebensowohl die Friedens- wie die Kriegstechnik betheiligt. Besonders auf dem Gebiete der Stahlschienen für Eisenbahnbedarf hatte die Fabrik große Erfolge zu verzeichnen. Schon im Jahre 1881 war eine stetige Zunahme der Lieferungen zu verzeichnen, ohne daß aber der gesteigerten Nachfrage durch eine Preiserhöhung geantwortet wurde. Besonders machte eine von England aus erfolgte Bestellung auf Stahlschienen Aufsehen. Bei einem Konkurrenz-Ausschreiben für die Lieferung von 8000 Tonnen Schienen für die Hull-Barnley-West-Riding-Junction-Railway erhielt die Firma Krupp den Zuschlag, weil ihre Preise erheblich niedriger waren, als die der englischen Fabriken.
Von viel größerer Bedeutung aber waren die im Jahre 1886 errungenen Siege. Mit hämischer Freude hatte man in England der Auflösung des internationalen Schienenkartells entgegengesehen, die am 15. April erfolgte. Aber man sollte sich bitter täuschen. Am selben Tage fand eine von der italienischen Mittelmeer-Eisenbahn-Gesellschaft ausgeschriebene Verdingung auf 27800 Tonnen Stahlschienen statt, bei welcher Krupp mit der Gesellschaft Cockerill und den Aciéres de France, gegenüber den englischen Stahlindustriellen Balckow und Cammell Sieger blieb. Hierauf kam eine erste Lieferung nach China; sie betrug nur 1500 Tonnen Stahlschienen für die Kaipingminen, war aber von Wesenheit, weil es sehr fraglich war, ob die deutsche Industrie in dem Lande Eingang finden werde, das die Engländer für den Produktenmarkt bisher vollständig beherrschten. Mit der Erringung dieser Lieferung verschaffte Krupp der vaterländischen Industrie Eingang in China. Noch mehr Aufsehen machte der Sieg, den Krupp bei der am 20. Dezember 1886 in Melbourne abgehaltenen Verdingung der britischen Kolonialregierung von Victoria in Süd-Australien davontrug. Es handelte sich dieses Mal um nicht weniger als 48000 Tonnen Stahlschienen und 2000 Tonnen Stahllaschen, und einen Beweis für ihre Leistungsfähigkeit führte die Fabrik im folgenden Monat, indem sie außer dieser auch noch eine Lieferung von 5000 Tonnen Stahlschienen für die Swedish and Norwegian Railway Company übernehmen konnte.
Schien es, als wenn die 80er Jahre sich nicht genug thun könnten, um den greisen Fabrikherren durch Erfolge zu erfreuen, so sollten ihm doch auch Erfahrungen nicht erspart werden, welche ihm an seinem Lebensabend trübe Stunden bereiteten und die Ohnmacht selbst eines so festen und unbeugsamen Willens gegenüber einer für echte oder falsche Ideale entflammten Menge zum Bewußtsein brachten. Es war bereits bei der Reichstagswahl 1881, bei welcher er die Annahme der Kandidatur auf das bestimmteste ablehnte, „weil ihm schon die Kraft fehle, den Berufspflichten zu genügen” und wo er sich vergebens für den in Vorschlag gebrachten General-Feldmarschall Grafen v. Moltke verwandte. Er erließ folgenden „Aufruf an die Arbeiter und Beamten der Gußstahlfabrik”.
„Der Generalfeldmarschall Graf v. Moltke ist in Vorschlag gebracht worden zur Wahl für den Reichstag. Selbst verhindert, diesen Ehrenplatz einzunehmen, der mir von mancher Seite zugedacht war, bekenne ich gerne die große Ueberlegenheit dieses jetzt empfohlenen Kandidaten in Einsicht und Erfahrung für alle vorkommenden Fragen und Interessen. Wenn der Graf v. Moltke die Wahl annimmt, so kann man dem Kreise gratuliren, denn neben dem allgemeinen Interesse werden dann auch die Privatinteressen des Kreises an dem Einflusse gebührenden Antheil haben. Es ist nicht nothwendig, daß unser Vertreter ein Kohlen- oder Eisenmann sei, um für das Wohl der Bevölkerung, welche mit Berg- und Hüttenwesen verbunden ist, geneigtes Ohr zu haben und dafür zu reden und zu wirken. Jedermann im Lande kennt den Grafen v. Moltke als den wohldenkenden mächtigen Geist, der für die Heere Deutschlands die Wege zum Ziele zu finden wußte. Derselbe wird vor allem auch an dieser Stelle seine Bedeutung behaupten. Wer daher aus dem Verbande der Angehörigen der Fabrik ihm die Stimme geben wird, der wird nicht nur sich selber nützen, sondern auch mir einen Wunsch erfüllen.