Essen, 19. Februar 1887.

Alfred Krupp.”

Ist es nicht, als wenn er in diesen Ansprachen, namentlich in der letzten, einen wärmeren Ton anschlägt, als bei seinen früheren, immer belehrenden und väterlichen, aber stets strengen und Strafe drohenden Veröffentlichungen für seine Arbeiter? Es ist ihm bange in seinem tiefen patriotischen Gefühl, daß sie ihrem Führer untreu werden könnten hier, wo es sich um die wichtigsten nationalen Interessen handelt. Er fühlt die ernste Pflicht, seinem königlichen Herren, der in schweren Jahren ihm seine Unterstützung gewährte, seine Treue, seine Hingabe und Dankbarkeit zu beweisen, indem er seine ganze Autorität in die Wagschale wirft für den Sieg der Regierung. Es ist eine höhere wichtigere Aufgabe, die dieses Mal ihm obliegt, als bei den früheren, nur die inneren Verhältnisse der Fabrik berührenden Angelegenheiten, und dementsprechend diese wiederholten dringlichen Mahnungen; es ist als ob er diese schmerzliche Erfahrung herannahen sehe, daß seine Arbeiter zum ersten Male seinem Rathe sich verschließen, und als wenn er Alles aufbieten wolle, um sie an seine Leitung zu fesseln. Aber das Wort des Mannes, der seinen Arbeitern stets ein fürsorgliches Herz bewahrt, der für ihre Sorgen und ihre Zukunft stets eine hilfreiche Hand gehabt hatte, die Ermahnung dieses Mannes, dem der Essener Kreis eine Wohlhabenheit und sein Wachsthum verdankte, es galt der bethörten Menge weniger, als die Lügen und Verleumdungen der konfessionellen Hetzer, sie gab lieber einem Manne wie Stötzel ihre Stimme, als dem Sohne ihres Wohlthäters. Als Kandidat der ultramontanen Partei siegte jener mit 18993 gegen die 17411 Stimmen, welche Friedrich Alfred Krupp erhielt.

Wie tief schmerzlich mußte die bittere Erfahrung für den greisen Mann sein, daß seine Kraft nicht genügt hatte, um diese Entscheidung zu wenden, wenngleich von den Angestellten der Fabrik selbst keine große Anzahl sich dem feindlichen Lager angeschlossen hatte. Aber es erwuchs ihm nun auch noch die traurige Pflicht, diejenigen, welche sich an der Agitation im Interesse der regierungsfeindlichen Parteien thätig betheiligt hatten, um des Friedens seines Gemeinwesens willen zu entfernen und die von jenen beeinflußten Essener Zeitungen aus dessen Bereiche zu verweisen. Allzulange, das sah er jetzt, hatte er deren gehässigem Treiben freie Bahn gelassen, ohne zu merken, wie selbst seine zuweitgehende Duldung in der schändlichsten Weise gegen ihn ausgebeutet wurde.

Zu spät! Der mächtige Fabrikherr, der seine Agenten in alle Länder der Erde sandte, dessen Erzeugnisse den Stolz fast aller Armeen ausmachten und im Schienen-Netz den ganzen Erdball umspannten, der Herrscher dieses kleinen Reiches, welchen aufzusuchen die mächtigsten Fürsten ebenso wie die gediegensten Männer der Wissenschaft als wünschenswerth betrachteten, er hatte nicht soviel Einfluß im engen Gebiete der Heimath, daß er den Streitern für des Vaterlandes Wohl zum Siege verhelfen konnte. Es war ein großer Kontrast gegen die ungeheuren Erfolge auf dem Gebiete der Industrie und der Wissenschaft, der ihm die letzten Monate seines Lebens verbitterte; denn am 14. Juli nachmittags ereilte ihn der Tod.


XII.
Das Ende des Siegers.

Als Alfried Krupp im Jahre 1864 seine Wohnung auf dem „Hügel” bei Bredeney nahm, war er um eine Wegstrecke von anderthalb Stunden dem Fabriklärm entrückt. Aber es verging kaum ein Tag, wo man ihn nicht in früher Morgenstunde diesen Weg zurücklegen sah, hoch zu Roß, in jugendlich elastischer Haltung, unter der dunkelgrauen Klappmütze hervor mit lebhaft scharfem Blick frei hinausschauend in die Welt, in dem eng anschließenden Jaquet und den hohen Reitstiefeln eher als ländlicher Grundbesitzer denn als Herr der großen Gußstahlfabrik zu erachten. Die weiße Farbe des Vollbartes und des welligen Haupthaars schien nur den Eindruck der Lebenskraft und leistungsfähigen Männlichkeit zu erhöhen, den diese hohe stattliche Gestalt hervorrief. Dann stieg er ab vor dem kleinen Elternhause, wo er sein Büreau hatte, ebenso wie vom Jahre 1882 ab sein Sohn Friedrich Alfred, seitdem dieser am 29. April in die Prokura eingetreten war. Er durchschritt die Werkstätten, um sich persönlich von dem Fortgang der Arbeiten, von der Ausführung dieses und jenes neuen Auftrages zu überzeugen, und dort kannte er alle schon längere Zeit beschäftigten Arbeiter persönlich von Angesicht, weigerte er ihnen nicht Rath und Hilfe, wenn sie ihn mit einem Anliegen angingen; dort war aber anderseits Alles in heiligem Respekt vor dem scharfen Auge, dem keine Unordnung und Nachlässigkeit entging. Denn, so treu er dem zu helfen suchte, der seiner Pflicht nachkam, so unnachsichtlich traf den andern Strafe, der den Satzungen und Geboten der Fabrik nicht unbedingt sich fügen wollte. Und mit vollstem Rechte, da die Leitung dieses großartigen Organismus ohne peinlichste Aufrechterhaltung der Ordnung eine Unmöglichkeit war, und nur mit ihrer strengen Durchführung dies regelmäßige Zusammenarbeiten aller Theile erreicht werden konnte, das jeden Beschauer der Kruppschen Fabrik zur staunenden Bewunderung veranlaßt. Man denke nur an den einzigen Akt eines Gusses mittelst Tiegeln, wobei das Gelingen lediglich davon abhängt, daß der Strahl des flüssigen Stahls, welcher in die Gußrinne fließt, auch nicht auf einen Augenblick unterbrochen wird, sondern in stetem Zusammenhang bleibt. Und doch wird er durch den Inhalt von lauter einzelnen Tiegeln, je durch 2 Mann herangetragen, gebildet, deren Zahl sich bei großen Güssen bis zu mehreren Tausenden steigert. Welche peinliche Einübung und Innehaltung der Ordnung gehört dazu, daß jeder der Hunderte von Arbeitern, die bei diesem Akt thätig sind, sich stets am richtigen Platz befindet, um kein Drängen, kein Ueberhasten und auch kein Zuspätkommen eines Tiegels auch nur um ein Zehntel Sekunde zu veranlassen. Hängt doch das Gelingen — und welchen Werth repräsentirt solch ein Guß! — lediglich hiervon ab. Und das ist es, was kein anderes Werk nachmachen kann, wozu gewissermaßen die Entwickelung des Kruppschen Werkes aus den kleinsten Anfängen, die Ausbildung und allmähliche Vermehrung eines alten Arbeiterstammes nothwendig war. Mag man andernorts auch in der wissenschaftlichen Grundlage der Fabrikation, in der Untersuchung und Zusammensetzung der Rohstoffe Krupp nachahmen und erreichen; dieser mit ihm und seinem Werk herangebildete und seitdem immer nur neu zu ergänzende Kern tüchtiger Meister und Arbeiter in allen Betrieben ist nicht ohne Weiteres zu gewinnen. Diese Organisation und Heranbildung aller Kräfte ist lediglich Alfried Krupps eigenstes Werk, und wenn wir ihn zu jeder Zeit alles aufbieten sehen, um mit diesen seinen alten Arbeitern in Eintracht zusammenzustehen, so ist es im Grunde genommen nur ein Ausfluß der Lebensaufgabe, welche er sich gestellt hatte. Er wußte und erkannte immer mehr, daß er, um sie zu erfüllen, nicht einen jeden Arbeiter brauchen konnte, daß im Gegentheil das Höchste mit dem Tiegelgußstahl nur dann zu erreichen war, wenn ihm ein durch und durch gefügiges und selbst in den schwierigsten Fällen nicht versagendes Instrument zur Hand sei, und das waren seine Angestellten, seine Arbeiter. Deshalb sind auch seine Wohlfahrtseinrichtungen nicht lediglich als ein Werk seines guten Herzens und seiner Menschenliebe zu betrachten. Daß ihm beides in hohem Maaße zu eigen war, hat er in hundert Fällen bewiesen, wo er namentlich den Nöthen seiner Vaterstadt zu Hilfe kam. Die Einrichtungen seiner Fabrik gehen aber aus höheren Gesichtspunkten hervor; sie erschienen ihm eine Nothwendigkeit, um seine Lebensaufgabe durchzuführen. Es galt, hierfür nicht irgendwelche Arbeiter, sondern die von ihm herangebildeten und organisirten Arbeiter stets zur Hand zu haben. Je größer aber die Fabrik und je schwieriger die Lebensverhältnisse in Essen wurden, desto mehr war zu fürchten, daß an Stelle eines bleibenden, ein immer wechselnder Arbeiterbestand treten würde, wie ja überall zu beobachten ist, daß auf kleinen Betrieben die Arbeiter besser ausdauern, als bei größeren. Es galt, sie zu fesseln, ihnen so günstige Lebensbedingungen zu bieten, daß sie sich wohl fühlten und ihre Zukunft besser in Krupps Fabrik, als sonst wo gesichert sahen. Um sich sein nothwendiges Werkzeug zu erhalten und immer vervollkommnen zu können, schuf Alfried Krupp seine Wohlfahrtseinrichtungen. Daß er aber sie in richtiger Weise schuf, daß er die Punkte stets herausfand, wo er eingreifen mußte, um die Lage der Arbeiter zu bessern und zu sichern, das ist das Verdienst seines mitfühlenden und durch die eigenen Erfahrungen belehrten Herzens.

Wenn wir ihn also auf diesem Gebiete der Lösung der sozialen Frage als Wegführer vorangehen sehen, so ist es nicht der Beschäftigung mit humanen oder sozialen Aufgaben zuzuschreiben; es hat ihm keine Absicht ferner gelegen, als die, ein Wohlthäter der Menschheit oder des Arbeiterstandes als solcher zu werden. Es ist nicht Grübeln und nicht Empfindsamkeit, was ihn leitete, sondern eine große Idee, die ideale Aufgabe seines Lebens, das Erbe seines Vaters zur Anerkennung, zur weitreichendsten Verwerthung zu bringen. Wie Alles, was er that, hierauf zurückzuführen ist, so zeitigte auch die Lösung der sozialen Aufgabe als eine schöne, aber nebensächliche Frucht auf diesem Baume, ein glänzender Beweis des hohen Werthes der idealen Güter.