v. Bismarck.”
Am 17. Juli fand eine Trauerfeier im engeren Kreise auf Villa „Hügel” statt; um Mitternacht nahm aber die Feuerwehr des Werkes die entseelte Hülle ihres Herrn und Meisters in Empfang, um sie bei düsterem Fackelschein zur Fabrik zu geleiten. Im kleinen Elternhause ward sie nach dem Willen des Verstorbenen aufgebahrt. Schauerlich still war es in den mächtigen, weithin sich erstreckenden Gebäuden der Fabrik um diese Stunde geworden; die Feuer waren gelöscht und rauchlos starrten die schwarzen Schlote zum Himmel; still standen die Dampfmaschinen, keins der tausende von Rädern drehte sich, kein Ambos ertönte unter dem Schlag des Hammers; die Fabrik trauerte um ihren Herrn, sie stand still und lauschte dem, was sich nun in dem kleinen Hause begeben würde. In langen Reihen aber stellten sich am Vormittag die Tausende der Arbeiter im Festkleide längs der Trauerstraße auf, lang wallten von den Kaminen und Giebeln die schwarzen Trauerflaggen herab, trübe schimmerten die Gasflammen durch die mit Flor umhüllten Laternen. Hundert der ältesten Arbeiter trugen dem Sarge die Palmen und Kränze voraus, welche auf dem Wagen nicht Platz fanden, und so bewegte sich nach 10 Uhr der Zug unter feierlichen Klängen langsam durch das Spalier der nach ihren 26 Betrieben geordneten Arbeiter hinaus aus dem Bereich der Räume, die wie ausgestorben erschienen, seitdem der Odem des großen Mannes entflohen war, welcher ihnen Leben eingeathmet hatte. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß neben dem Prinzen Heinrich XIII. von Reuß-Köstritz, welcher als Vertreter des Kaisers erschienen war, Abgesandte zahlreicher hoher Behörden, der industriellen Körperschaften und Vereine sowie die sämmtlichen Honoratioren der Stadt Essen dem Sarge folgten; auch der Bischof Dr. Kopp von Fulda, welcher zufällig in Essen weilte, sowie der katholische Pfarrer Beising betheiligten sich. Die Rede des Superintendenten Gräber gab den Gefühlen Ausdruck, welche die Einwohner der Stadt Essen erfüllte, indem er sagte: „Für uns war er nicht nur der außerordentliche Mann, nicht nur für uns der Fürst der Industrie, der Ruhm unserer Stadt, der Gründer des Welt berühmten Werkes, das er mit tiefer Einsicht, mit rastloser Thätigkeit, mit kühnster Energie aus den geringsten Anfängen zu größtem Erfolge geführt, uns war er mehr: ein Wohlthäter den unzähligen Vielen, welche ihr ganzes Lebensglück ihm verdanken, ein Vater seiner Arbeiter, für deren Wohl er sorgte.” Und nicht anders sprach der Vorsitzende der Prokura Geh. Finanzrath Jencke im Namen der Beamten und Arbeiter: „— — Den wir hier begraben, er war uns ein Vorbild in jeder Beziehung, ein Mann von unermüdlicher, fleißiger, unerschütterlicher Thätigkeit und Beharrlichkeit, von außerordentlicher Energie, Gewissenspflicht und großer Strenge gegen sich selbst; der Mann, den wir hier begraben, war bahnbrechend für die Industrie, er hat Erfolge errungen, die anerkannt werden auch über die Grenzen des engeren Vaterlandes hinaus, er war das Beispiel eines glühenden Patrioten, dem kein Opfer zu groß war für sein Vaterland. Das aber ist es nicht, was ich an dieser Stelle auszusprechen beabsichtige: das Leben des Verstorbenen gehört der Geschichte an. So lange die deutsche Nation besteht, so lange wird auch sein Name unvergessen bleiben. Seltene Männer, die das Jahrhundert nur einmal hervorbringt, das sind und bleiben Marksteine in der Geschichte des Volkes. Was ich an dieser Stelle sagen möchte, ist das Bekenntniß des Dankes, den Tausende und Abertausende empfinden, welchen er nicht nur Arbeit und Brot gegeben, sondern denen er ein Vater gewesen ist; es war nicht Eigennutz, noch weniger vermeintliche Wahrnehmung eigener Interessen, was den Entschlafenen bestimmte, schon vor Jahrzehnten mit seinem weiten Blick der Strömung der Zeit weit vorauseilend, in umfassendem Maaße dafür zu sorgen, daß der Arbeiter ein Heim habe, daß er in Krankheit und Unglück nicht in Noth gerathe und im Alter nicht verlassen, hilflos und elend dastehe, sein Herz war es, welches ihn trieb, der Noth und dem Elend zuvorzukommen, sein Herz war es, welches ihn trieb, das Leben derer, welche für ihn, mit ihm und unter ihm arbeiteten, freundlich zu gestalten, sein Herz veranlaßte ihn, die Thränen der Wittwen und Waisen zu trocknen....”
Die Fürsorge des Entschlafenen für seine Arbeiter, welche Herr Jencke mit so beredten Worten hervorhob, gab sich auch in seinem fürstlichen Vermächtniß kund; am 3. August verkündete ein Maueranschlag, daß der jetzige Besitzer „in Uebereinstimmung mit einem von seinem entschlafenen Vater gehegten Wunsche” ein Kapital von einer Million Mark für eine Stiftung ausgesetzt habe, deren Erträge ausschließlich den Arbeitern der Fabrik und der dazu gehörenden Werke und den Angehörigen dieser Arbeiter zu Gute kommen sollten. Der Stadt Essen aber ward eine halbe Million für wohlthätige und gemeinnützige Zwecke ausgesetzt. Der Beweis ist hierdurch sicherlich dafür erbracht, daß Krupp ein mitfühlendes Herz für die Noth und volles Verständniß für die Bedürfnisse seiner Mitbürger und Arbeiter hatte, da er auch über das Grab hinaus noch dazu beitragen wollte, für zukünftige Unglücksfälle und Nothlagen Fürsorge zu treffen; aber trotzdem glaube ich das Motiv der Herzensgüte dem der idealen Auffassung seiner Lebensaufgabe unterordnen zu müssen. Letztere war gewissermaßen der starke Stamm, welcher in der weit ausladenden Krone seines Lebenswerkes sich entfaltete, welcher den verschiedenen Zweigen, ob sie ins Gebiet der Friedens- oder Kriegstechnik oder in das der sozialen Fragen hineinragten, die Nahrungssäfte zuführte, sie mit Blüthen und Früchten sich schmücken ließ. Seine reichen Naturanlagen, seine Schaffenskraft und seine Erfindungsgabe, seine Unermüdlichkeit und seine Beharrlichkeit, seine Vaterlandsliebe und sein warmes Mitgefühl für seine Nächsten, das waren die starken Wurzeln, die dem Baum den festen Halt gewährten in den brausenden Stürmen, wenn diese seine Zweige zu brechen und ihr Wachsthum zu schädigen drohten, die dem Stamm dienstbar waren zur Gewinnung und Aufspeicherung der Lebenssäfte, deren die Krone bedurfte.
Er war eben ein ganzer Mann, bei dem nichts aus der großen Idee, die ihn beherrschte, herausfiel, und der Alles, selbst das Besterscheinende, zu thun unterlassen haben würde, wenn es ihm mit seiner großen Lebensaufgabe nicht vereinbar dünkte. Es ist hieraus zu erklären, daß er sich der Politik stets völlig fern gehalten hat, so fern, daß er selbst die Gefahren der politischen Agitation unter seinen Arbeitern fast zu spät erkannte. Mit der Politik hatte sein Lebenswerk nichts zu thun, und während einerseits er keine Zeit hatte, sich damit zu beschäftigen, hätte sie anderseits seiner internationalen Industrie nur Hemmnisse bereiten können. Er bedurfte aber der Freiheit, auf der ganzen Erde, um dort seinem Gußstahl zur Anerkennung zu verhelfen, wo es ihm gerade am ehesten gelang. Vergebens hatte er, seinem ihm angeborenen Patriotismus folgend, lange Jahre nach Verständniß in seinem engeren Vaterlande gestrebt; er mußte anderwärts festen Fuß zu fassen suchen, wo man ihm mit weniger Zweifeln und Schwierigkeiten begegnete, da er die alte Erfahrung auch an sich machen mußte, so gut wie Dreyse und Maximilian Schumann, daß der Prophet am wenigsten gilt in seinem Vaterlande. Deshalb trug er nicht das geringste Bedenken, seine in Preußen schnöde abgewiesenen Gewehrläufe nach Frankreich zu schicken und auch seine Feldgeschütze Napoleon I. zu empfehlen. Daß ihm die alte Feindschaft nicht weniger im Blute gelegen haben sollte, als jedem anderen ehrlichen Deutschen, ist nicht anzunehmen; aber der Patriotismus hätte ihm hier nur im Wege gestanden; es galt, für seine Waffen zunächst eine Anerkennung zu finden. Wie hätte er denn weiter schaffen, dem Vaterlande seine Geschützausrüstung in so vollendetem Maße schmieden können, wenn er für immer in der Ecke stehen blieb, wohin die entscheidenden Behörden ihn zu drängen schienen? Einen Boden mußte er zunächst suchen, der als Nährboden für die weitere Entwickelung sich eignete, wenn er seiner Lebensaufgabe gerecht werden wollte. Und fand er ihn im Vaterlande nicht, dann mußte eben der Patriotismus vor der Hand beiseite gestellt werden, denn er war hinderlich. Wir sehen ihn dann sofort wieder in seine Rechte eingesetzt, als durch Frankreichs Neuerungen die einheimische Regierung sich bewogen sah, mit Krupps Stahlgeschützen endlich Ernst zu machen. Von da ab existirte Frankreich für Krupp nicht mehr. Das Vaterland bot ihm nun, was er brauchte.
Grundsätzlich hielt er sich aber auch allen handelspolitischen Fragen fern, suchte wohl mit weiser Voraussicht sich und seine Unternehmungen unabhängig zu machen von ungünstigen Konjunkturen, wie sie aus politischen Verhältnissen folgen mochten, vermied aber sorgfältig, sich in diese einzumischen oder gar sie zu beeinflussen. Als er im Juni 1877 beim Kaiser eine Audienz in Ems gehabt hatte, verbreitete sich das Gerücht, er habe bei dem Monarchen die Einführung von Schutzmaßregeln im Interesse der sehr bedrängten Stahl- und Eisen-Industrie befürworten wollen. Wie wenig dieses seiner Abneigung gegen politische Thätigkeit entsprach, ergiebt sich aus dem Dementi, mit dem er diesem Gerücht entgegentrat. „Herr Krupp,” so hieß es darin, „hat überhaupt seit Jahr und Tag mit Sr. Maj. dem Kaiser kein Wort über die allgemeine Lage der Industrie gesprochen.”
So vermied er auch in Fragen, bei denen seine Ansichten von denen der maßgebenden Personen im Staate abwichen, grundsätzlich jede Agitation. Als im Anfang der achtziger Jahre das Projekt des Kanals zwischen Dortmund und Ems debattirt wurde, fand es eigenthümlicher Weise in einigen Groß-Industriellen lebhafte Gegner. Der Geh. Kommerzienrath Stumm und W. Funcke-Hagen traten mit Wort und Schrift gegen den Kanal auf und gingen hierin mit Schorlemer-Alst Hand in Hand. Auch Krupp glaubte aus eigener Anschauung und dem Studium englischer Schriften von der Fehlerhaftigkeit der Kanäle gegenüber den Eisenbahnen überzeugt zu sein und unterhielt auf dieser Grundlage gleicher Gesinnung auch mit dem Führer der Zentrumspartei trotz aller Abweichung der politischen und kirchlichen Anschauungen ein freundschaftliches Verhältniß; aber er äußerte sich in einem Schreiben an Dietrich Baedeker: „Ich lasse mich auf einen Kampf nicht ein, halte aber die Augen auf und habe seit Ursprung der Idee Erkundigungen eingezogen aus England und Amerika, habe auch davon Bericht erstattet an betreffende Spitzen und an solche, die nicht ein Nebeninteresse verfolgen.” Hierauf beschränkte er sich, und als im Jahre 1885 die Kanalvorlage zum zweiten Male an den Landtag gelangte, that er auch keinen Schritt, welcher irgendwie ihrem Durchdringen hätte hinderlich sein können, so fest er auch noch immer an der Ueberzeugung von der Schädlichkeit der Kanäle festhielt.
Als knorrige Auswüchse an dem einheitlichen Stamm der idealen Lebensanschauung Krupps erscheinen solche Eigenthümlichkeiten, wie die Verkennung des Werthes des Dortmund-Ems-Kanals, und wie sein Verhältniß zu Maximilian Schumann. Dagegen ist die beinahe feindliche Stellungnahme gegen den Hartguß-Fabrikanten Gruson durchaus aus seiner Begeisterung für seine Lebensaufgabe, aus seiner Ueberzeugung von der Ueberlegenheit des Gußstahls und der Minderwerthigkeit des Hartgusses, und endlich aus der Empörung zu verstehen, daß die Granaten aus solchem Material eine Zeit lang eine so hervorragende Stellung einnehmen konnten.
Mit den edlen starken Eigenschaften, die den genialen Mann zur Durchführung seiner großen Lebensaufgabe befähigten und die sich auf seinem erfolgreichen Lebenswege immer thatkräftiger und bewußter entwickeln, sind andere schroffere Charaktereigenschaften unvermeidlich verwachsen, wie den glatten Flächen des geschliffenen Edelsteins die harten Kanten, welche, demselben Stoff entspringend, doch nicht durch leuchtendes Farbenspiel erfreuen, sondern sich der berührenden Hand empfindlich fühlbar machen.
Als sei er aus demselben Material geschmiedet, das ihm des Vaters Erbe überlieferte, aus festem Gußstahl, so steht seine Gestalt, einheitlich und sich treu vom ersten bis zum letzten Tage seines Lebens, vor uns, nicht von einem Stoff, der einer verschönernden Zuthat bedarf oder durch eine Verzierung gewonnen hätte — und in dem stolzen Bewußtsein dieses seines Wortes durfte ein Mann wie Alfried Krupp das Adelsprädikat, welches des Königs Huld bereits 1864 ihm verleihen wollte, dankend ablehnen, ohne mißverstanden zu werden. Für den Namen Krupp hat eben der Adel keine Bedeutung mehr, nachdem ihm sein Träger einen fürstlichen Glanz auf dem ganzen Erdenrund erworben hat. Und hoch hielt dieser Mann aus Stahl Zeit seines Lebens in unentwegter Treue, in nie verzagendem Glauben das Banner, auf das er seine Lebensaufgabe in leuchtenden Buchstaben geschrieben hatte. Unbefleckt hat er seinen Glanz bewahrt in guten und bösen Zeiten, mit Selbstverleugnung und Anspannung seiner letzten Kraftäußerung hat er es in den Kampf getragen und wie ein Heiligthum es zu halten gewußt in den Tagen des Triumphes und des Sieges. Schritt er mit Kühnheit und gewaltigem Wagen der vaterländischen Industrie voraus im friedlichen Kampf um den Weltpreis, gab ihm sein edles Streben die rechten Mittel und Wege an die Hand, um den Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage zu finden, schuf seine Erfindungsgabe und Thatkraft der deutschen Armee die starken Waffen, welche ihr zum Siege helfen sollten, so können wir mit Stolz es sagen: einem echt deutschen Mann von festestem Gefüge verdanken wir diese unvergeßlichen Geschenke und dieser selbst als echter Deutscher seine Erfolge dem unerschütterlichen Glauben an sein ideales Ziel.