Aber vor dem Palast der Rektoren und vor der Dogana könnte ich tagelang stehen. Die haben das ewige Leben. Hier ist der unsterbliche Sinn eines großen Geschlechts aufbewahrt.

Man vergleicht sie gern mit dem Dogenpalast. Ich finde sie ganz anders. Sie sind gar nicht kokett, sie wollen nicht gefallen, sie schmeicheln nicht, sondern in ihrer festen Schönheit stehen sie da, kriegerisch zur Welt hin, um ihr einmal zu zeigen, was das Rechte ist; und die Lust, so zu sein, wie sie sind, lacht aus ihren stolzen Augen. Und ich erkenne hier wieder, daß die Menschheit in zwei Rassen geschieden ist: eine, die sein muß, was sie ist, die sich gar nicht denken kann, anders zu sein, die nichts braucht, weil sie alles an sich selbst hat, und so lange sie sich hat, weder Wunsch noch Furcht kennt, die Rasse der sicheren einsamen unschuldigen Heiden, die keine Gerechtigkeit kennen in ihrem starken Gewissen, Luft und Raum um sich fordern, keine Nähe vertragen; und eine der immer Fragenden, ewig an sich Zweifelnden, niemals Gewissen, die sich schämen, so zu sein, wie sie sind, die sich wünschen, anders zu sein, als sie sind, die sich fürchten, so zu sein, wie sie sind, die jeden bewundern, der anders ist, die jeden beneiden, der anders ist, die schmeicheln, die für sich um Verzeihung bitten, die gefallen möchten, die Rasse der aus Scham Anmutigen, aus Angst Mitleidigen, aus Neid Reuigen, der Suchenden und Irrenden, der an sich selber kranken, schlecht träumenden, vor sich selber flüchtigen Sünder. Und zwischen diesen beiden Rassen, zwischen den Menschen, denen in ihrem eigenen Wesen wohl ist, und den Menschen, denen vor ihrem eigenen Wesen bang ist, kann niemals Friede sein. Der Spaß aber ist nun, daß jedes Zeichen, das die erste von sich gibt, immer von der zweiten gleich ergriffen und als Maske vorgebunden wird.

Und ich frage mich in einem fort: Ist der Palast der Rektoren gelb, oder ist er braun, oder ist er grau? Mit einem Glanz unsagbarer Farben hat die Zeit den alten Stein überzogen. Abgelegene Spitzen, wie sie auf den Inseln hier noch in Klöstern bewahrt werden, lang verborgenes Pergament und in uralten Truhen erblaßte Meßgewänder haben manchmal dieses Leuchten von verschossenem Gold. Fünf große Säulen, mit fünf üppigen Kapitälen; und jedes ist anders, als hätte jedes allein den ganzen Reichtum der Welt für sich ausgeschöpft! Denn Größe hat das, daß sie sich verschwenden kann, ohne Furcht, sich zu verlieren. Uns schwindelt in dieser Fülle wuchernder, schwelgender, strotzender Details, aber man tritt zwei Schritte weg, und die reinste Heiterkeit nimmt alles in sich auf. Denn alles dient hier, und ein einziger großer Wille spielt damit.

Auf diesen steinernen Bänken saßen die Senatoren. Hier saß der Rektor, der, immer für einen Monat nur erwählt, in dieser Zeit den Palast nicht verlassen durfte, der Gefangene seiner Macht. Bis dann, 1806, die Franzosen vor der Stadt standen, da blies die Marseillaise das alte Gesetz hinweg, es zerbrach; diesen großen Moment, in dem sich alle Vergangenheit noch einmal versammelt, aber aus der Sehnsucht der Armen schon die Zukunft aufspringt, hat Ivo Vojnovič in seiner Ragusäischen Trilogie mit der höchsten Leidenschaft, sein Bruder Lujo im ersten Bande seines Pad Dubrovnika mit einer nicht weniger künstlerischen Gelehrsamkeit dargestellt. (Der Fall Ragusas. Von Dr. Lujo Knez Vojnovic. Erster Band: 1797-1806. Zweiter Band: 1807-1815. Agram, Verlag der Aktien-Typographie, 1908. Ein solches Werk über Toledo wäre längst ins Deutsche übersetzt.)

Der Palast, 1388 aufgebaut, 1435 abgebrannt, kaum erneut 1462 wieder und nochmals 1483 durch Feuer zerstört, hat diese Gestalt seit vierhundert Jahren. Die Dogana ist jünger. Und alles an ihr ist jung. Überall hat sie Jugend. Wäre das Problem gestellt: Drücke durch ein Gebäude das Wort Jung aus, es ließe sich nicht besser lösen. Allen festen Trotz und die lachende Verwegenheit und das arglose Glück der Jugend hat sie. Sie ist doch aus Jugend entstanden! Damals als in Europa rings das Erwachen der Menschheit geschah. Und man hat das Gefühl: so lange sie hier steht, kann in dieser alten Stadt die Jugend nicht erlöschen, so lange wird die Stadt immer wieder jung sein.

Die Dogana sieht, mit ihrer heiteren Loggia und den kleinen gotischen Fenstern unter dem skurilen heiligen Blasius in seiner anmutig umschlossenen Nische, ganz venezianisch aus. Die Jugend aber, von der sie glänzt, war eine slawische. Die Dogana ist 1520 vollendet und 1521 erschien die Judita des Spalatiners Marko Marulič, des Vaters der kroatischen Literatur. Der war, noch ganz lateinisch erzogen, ein strenger Gelehrter, der sich aber gelegentlich schon in heiteren Gedichten der heimischen Sprache gefiel. Und nun bekam auch hier die Jugend überall Mut. Wie jetzt die jungen Tschechen sich auf Europa stürzen, mit dieser ungeheuren Gier, ihrer Sprache die Gedanken und Gefühle der westlichen Völker anzueignen, so war damals alle Jugend hier von einer unbändigen Lust gequält, den ganzen Geist der neuen Zeit für ihre Stammesart zu erobern. Ihre Muttersprache wurde von ihr entdeckt. Da scholl es in dieser zierlichen Dogana von wagender Kraft! Denn unten war die Münze und das Zollamt, oben aber eine Art Klub, in dem sich die vornehme Welt mit den Schöngeistern traf. Hier saßen auch die beiden Akademien, die der Concordi und die der Oziosi. Hier klangen noch die Lieder der ragusäischen Troubadoure nach des Sisko Mencetic und des Gjore Drzič. Hier bildete sich an Nachahmungen italienischer Muster eine durchaus nationale Dichtung, lebensvoller als diese, von einem oft verwegenen Realismus und einer höchst merkwürdigen gesalzenen Heiterkeit, wovon des Ragusaner Goldschmieds Cubranovič berühmte Jegjupka und die Schäferspiele des Marin Drzič zeugen. Bis dann zuletzt der Große kommt, der die Frucht der langen Sehnsucht pflückt, der Vollender, der Erfüller: Ivan Gundulič. Von ihm ist das letzte Hirtenspiel, Dubravka, 1628, die Freiheit Ragusas feiernd. Und dann war es aus.

Ragusa, San Biagio

Auf dem Markt, ein paar Schritte vom Palast der Rektoren, ist sein Denkmal. (Von dem Bildhauer Rendič; 1893 enthüllt.) Im langen Mantel steht er da, die Hand mit dem Stift zum Dichten erhoben. Er wird wohl nicht so feierlich gewesen sein. Auch steht er zu hoch, auf einem umständlichen Postament mit langwierigen Reliefs. Ich hätte ihn lieber mitten unter den Menschen, wie der Goldoni in Venedig mitten drin in seinem Volke zu spazieren scheint.

(Die ragusäische Literatur hat der Grazer Professor Matthias Murko in der Teubnerischen »Kultur der Gegenwart«, Teil eins, Abteilung neun, vortrefflich dargestellt. Auch seiner »Geschichte der älteren südslawischen Literaturen« verdanke ich viel. Sie ist in den »Literaturen des Ostens«, Leipzig, Amelangs Verlag, erschienen, als zweiter Teil des fünften Bandes, dessen ersten Teil die ebenfalls sehr bemerkenswerte Geschichte der tschechischen Literatur von Jan Jakubec und Arne Novák bildet.)