Abend wird's, der Korso beginnt. Die scharfen, beweglichen, gern ein wenig spöttischen Mienen eilig äugelnder Italienerinnen, die weichen, scheuen, gesenkten der zögernden slawischen Mädchen. Männer in weiten bauschigen Hosen, mit dem Turban, Messer in den breiten blauen oder tiefgrünen oder roten Binden. Blaue Mäntel, rote Mäntel. Bäuerinnen mit Kopftüchern, Brusttüchern, Schürzen in allen Farben, möglichst bunt, möglichst grell. Und dann wieder welche ganz weiß. Priester unter breiten schwarzen Hüten. Ein bärtiger Pope. Junge Serben mit sanften braunen Augen. Schlanker Albanesen ungeduldiger Schritt und das Säbelklirren gravitätisch schlendernder Kadetten. Langsam, zu dritt, Soldaten im gleichen Schritt, stumm und mit dumpf verwunderten Blicken.
Und dann sitzt man abends in diesem friedlichen Hotel Imperial an der Table d'hôte. Narzissen duften durch den hellen Saal. Eine alte Dame mit einem stillen, ganz weißen Gesicht hat Blüten mitgebracht, legt sie neben sich und streichelt sie. Und ganz glücklich sagt sie: Alles blüht schon! Ein Wiener gegenüber sagt: No ja, das schon, aber die Butter müssens aus Schärding bringen lassen, aus Schärding in Oberösterreich, ich bitt' Sie! Die alte Dame mit dem lieben feinen Gesicht erschrickt und sieht die weißen Blüten ganz ängstlich an, als wären sie schuld. Und rings am Tisch verstummen alle. Die Narzissen duften, das Licht glänzt an den Gläsern. Bis plötzlich eine junge Stimme schmetternd sagt: Wollen Sie wetten, daß in acht Tagen Krieg ist? Alle horchen auf und sehen hin, die Nachbarin des schmetternden Leutnants wird verlegen, er aber lacht und noch einmal schallt's über den Tisch: In acht Tagen ist Krieg! An einem Tischchen in der Ecke sitzt ein hagerer Herr im Frack, mit einem kahlen zerknitterten gelben Gesicht und einer exotischen, sehr geschmückten Dame. Jetzt sehen sie her, horchend; dann sehen sie sich an und lächeln. Der schmetternde Held aber, der spürt, daß ihm jetzt alle zuhören, hebt sein Glas zur errötenden Nachbarin und wieder hallt der stille Saal von Krieg.
Mich verdrießt das gelbe Gesicht des Fremden. Ich kann mir denken, was er sich denkt. Ich stelle mir vor, was ich im Ausland über einen Offizier dächte, der an der Table d'hôte den Krieg erklärt.
Ich weiß, daß in den letzten Jahren wahre Wunder in unserem Heer geschehen sind. Auch wer kein Militarist ist, darf die großen Schöpfer und Ordner unserer neuen Armee bewundern. Nirgends in Österreich ist mehr Arbeit geleistet worden, nirgends mit reinerem Sinn. Aber ich kann nicht aufstehen, um dem gelben Fremden in sein höhnisches Gesicht zu sagen: Lachen Sie nicht, wir haben die besten Generäle! Denn ich wäre stumm, wenn er mir antwortet: Sehr angenehm, aber warum erziehen sie dann ihre kleinen Leutnants nicht besser? Es hat mir den ganzen Abend verdorben.
6.
Der schönste Tag. Kalt und klar. Jetzt ist's wieder die gelbe Stadt am blauen Meer.
In den Gassen gebummelt, in Kirchen und Palästen. Dazwischen ein paar Besuche gemacht. So mit einem Bein in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Zukunft. Denn das ist das Merkwürdige hier: es gibt keine Gegenwart! Überall steht groß: Es war einmal! Und in den Menschen treibts stark: Es wird einst wieder sein! In Erinnerung und in Erwartung leben sie hier. Von gestern auf morgen. Aber kein Heute haben sie. Eine tote Stadt, mit einer ungeborenen Stadt im Schoß.
Im Kreuzgang der Franziskaner. Man sieht auf eine wunderbar heitere Terrasse, über die der alte Campanile ragt. Die dünnen Säulchen, das lieblichste Maßwerk! Eine Statue des heiligen Franziskus in der Mitte des stillen Hofs, ein Bäumchen in der Ecke, mit Orangen schwer behangen, und blühende Rosen, gelb und rot. Ein junger Frater, mit lachenden Augen und blühenden Wangen, stark und derb, schlurft lässig auf und ab, in der Sonne. Vögel schreien. Und der unwahrscheinlich blau knallende Himmel.
Durch die Klausur, auf enger Stiege den Berg hinan, kommt man noch in einen zweiten Hof. Ganz klein, ganz still. Ein alter Brunnen unter einem Dach, Bäume, der Gang, die Mauern, eine Sonnenuhr, der Himmel. Und alles wie versunken, wie verstorben. Kein Laut, kein Hauch. Hier sind die Vögel still und der Wind verstummt. Nur die liebe Sonne scheint unverschämt herein.
Auch die Dominikaner, vor der Porta Ploce, haben einen wunderschönen Klosterhof. In ihrer Kirche wird ein Tizian und ein Vasari gezeigt, und der Mönch, der mich führt, ist besonders stolz auf einen Nicolo Ragusano. Mir geht's wie vor dem Tizian und dem Rafael im Dom (die wohl übrigens beide bloße Kopien sind): ich erschrecke fast, wie mir mit den Jahren alle Fähigkeit, mich in tote Bilder einzufühlen, entkommen ist; nur mein Verstand schaut sie noch an.